Raw Material Company: Über den zeitgenössischen Kunstapparat in Senegal

Die Raw Material Company wurde 2008 in Dakar gegründet und befindet sich in einer ehemaligen Stadtvilla in dem Stadtviertel Zone B. Als Zentrum für Kultur, Wissen und Gesellschaft versteht sich die Initiative als ein alternativer Ort des Lernens und des gegenseitigen Wissensaustauschs. Programmatisch visiert die Organisation die Auseinandersetzung mit Fragen zu Reichtum, Energie, Migration und Revolte an (Kouoh 2015: 75). Die Veranstaltungen beschränken sich dabei nicht auf die Präsentation klassischer Kunstformate, sondern setzten gezielt auf die Zurschaustellung transdisziplinärer Formen. Den Mittelpunkt des RAW bildet die RAWBASE, das Forschungs- und Bildungszentrum der Organisation. Ausgestattet mit Recherchemöglichkeiten bietet die BASE ein diskursorientiertes Programm an, oft im Beisein etablierter Künstler*innen und Kurator*innen. Die Company umfasst ebenso einen Ausstellungsraum, die RAW Gallery und eine Künstlerresidenz, die Raw Residency. Seit 2016 veranstaltet die RAW zudem das Programm Raw Académie ein siebenwöchiges experimentelles Residenz-Programm.

Die Company wurde eigenständig von der aus Kamerun stammenden Kuratorin Koyo Kouoh gegründet und finanziert sich durch Spenden und Kollaborationen mit internationalen Kulturinstituten. Für sie stellt in Abgrenzung zum zuvor vorgestellten Village des Arts de Dakar die staatliche finanzielle Unabhängigkeit eine wesentliche Grundlage für die freie Kunstpraxis in Dakar dar (Kouoh 2015: 75). Ihre kritische Sichtweise auf die staatlich geförderte Kunstszene steht in engem Zusammenhang mit der kulturpolitischen Geschichte Senegals. Deshalb setzt sich die Kuratorin für die freie Meinungsäußerung und Kunstpraxis in Senegal ein, denn sie sieht im kulturellen Austausch ein Mittel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme. Es stellt sich die Frage, warum das RAW in Dakar so vehement gegen die nationale Förderung strebt und welchen Stellenwert ein solches Zentrum für die Kunstproduktion und das Kulturverständnis in Senegal hat. Weiterlesen

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Le Village des Arts de Dakar: Über den Wandel der Kulturpolitik in Senegal und ein neues Kunstverständnis

Dakar, die Hauptstadt Senegals, sollte einst unter Führung des ersten Präsidenten Léopold S. Senghor zur Kulturhauptstadt Westafrikas heranwachsen. Sein Vermächtnis beschränkt sich nicht auf die Namensgabe von öffentlichen Räumen, sondern ist tief in die moderne Kunstpraxis des westafrikanischen Landes eingeschrieben. Senghor investierte in den Kunst- und Kulturbetrieb seiner Nation und förderte Plattformen zum panafrikanischen Austausch unter Wahrung seiner politisch-kulturellen Verbindung zu Frankreich und den anderen ehemaligen Kolonialmächten. Die Négritude war das philosophische Fundament, auf dem seine Vision für ein geeintes Afrika beruhte. Nach zwanzig Jahren der politischen Führung trat Senghor sein Amt an seinen Nachfolger Abdou Diouf ab und beendete damit die Blütezeit der kulturellen Förderung in Senegal. Es stellt sich die Frage, inwieweit der senegalesische Staat die nationale Kunstszene förderte und wie das Projekt Senghors auf lokaler Ebene nachwirkte. Weiterlesen

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Le Musée des Civilisations Noires. Über die staatliche Förderung eines panafrikanischen Kulturverständnisses

Am 6. Dezember 2018 eröffnete das Museum der Schwarzen Zivilisationen (MCN) in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Auf vier Etagen werden hier sowohl historische Artefakte, als auch zeitgenössische Werke ausgestellt. Das MCN setzt seine thematischen Schwerpunkte auf die Paläoanthropologie, kontinentalafrikanische Kulturgeschichte, globalisierte afrikanische Kultur und das gegenwärtige Afrika. Dabei ist der Ursprung der Exponate nicht auf den afrikanischen Kontinent begrenzt, sondern umfasst zudem Arbeiten von Künstler*innen aus der afrikanischen Diaspora. Neben den Ausstellungen bietet das Museum Weiterbildungsformate an, wie beispielsweise Podiumsdiskussionen unter dem Leitgedanken: „Schwarze Zivilisation zurückerobern. Die Dekolonisation beenden“. Obwohl die Errichtung des Museums erst 2011 – mithilfe finanzieller und baulicher Unterstützung der chinesischen Regierung – vom ehemaligen Präsidenten Senegals Abdoulaye Wade eingeleitet wurde, ist die Idee bereits 1966 entstanden. Der erste Präsident der Republik Senegal, Léopold Sédar Senghor setzte sich verstärkt für die kulturelle Förderung seiner Nation ein und strebte einen vertieften panafrikanisch-europäischen Austausch an. Weiterlesen

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Identitätsbildung bei den „DDR-Kindern von Namibia“

Wer war ich überhaupt? […] Warum hatten sie mich zu einer Weißen gemacht, wenn sie jetzt eine Schwarze wollten? Warum wollten sie, dass ich zur Elite von morgen gehörte – wenn sie mich jetzt auf einer Farm vergaßen?“ (Egombe 2004: 298)

Diese Fragen stellte sich nicht nur Lucia Egombe, als sie nach 11 Jahren in der DDR unfreiwillig in ihr Geburtsland Namibia zurückkehren musste. Circa 430 so genannten „DDR-Kindern von Namibia“ ging es wie ihr. Viele, geboren in den Flüchtlingslagern der Nachbarstaaten, wussten von Namibia nur aus Erzählungen. Sie alle wurden zwischen 1979 und 1989 in die DDR geschickt, um dort zur Elite eines freien Namibias ausgebildet zu werden. Doch fast zeitgleich mit der deutschen Wiedervereinigung wurde Namibia unabhängig. Vor allem jene Kinder, die im Kindergartenalter oder wie Lucia mit sieben Jahren 1979 oder Anfang der 1980er Jahre in die DDR kamen, hatten hier ein neues Zuhause gefunden. Eins, das sie nun verlassen mussten. Zurück in einer ihnen fremden ,Heimatʻ wurden viele anfangs nur als ,die Deutschenʻ wahrgenommen. Namibia, Deutschland, Namibia – im Folenden will ich schauen, wie sich das fremdbestimmte transnationale Aufwachsen auf das Selbstbild der ersten Alterskohorten von namibischen DDR-Kindern ausgewirkt hat. Weiterlesen

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Afrika auf der Anklagebank des Internationalen Strafgerichtshofs

Neokolonialer Bullshit“ und „westlicher Paternalismus“ sei der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag. Ein Gericht, das Verbrechen verfolge, die in Afrika nie passiert wären, wenn Europa den Kontinent nicht kolonisiert hätte. Mit diesem Vorwurf eines jungen Jura-Studenten sieht sich Eve Ashby, renommierte Staatsanwältin für internationales Recht, in der Eingangsszene der von BBC und Netflix produzierten Serie „Black Earth Rising“ konfrontiert. Auch fernab der Fiktion kommen vor allem afrikanische Beobachter*innen zu einer ähnlich harschen Kritik. Denn der seit 2002 für das Völkerstrafrecht zuständige Internationale Strafgerichtshof hat in bisher acht Konfliktfällen Anklage erhoben: jedes Mal gegen Afrikaner*innen.

Die Kritiker*innen des IStGH sehen hinter den Fällen eine politische Agenda. Die fiktionale Serie, die von der juristischen Aufklärung des Völkermords in Ruanda handelt, nährt den Vorwurf mit einer Reihe von politischen Seilschaften und Intrigen, die beinflussen, wer sich wann für tatsächliche und vermeintliche Verbrechen zu verantworten hat. Doch was ist dran an dem Vorwurf, die Ermittlungen des IStGH wären politisch motiviert? Und welche Reform- und Alternativideen kommen aus Afrika, die der Forderung des Jura-Studenten aus „Black Earth Rising“ folgen und afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme verlangen? Weiterlesen

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Die Ethnisierung des Darfur-Koflikts

George Clooney, Angelina Jolie und zahlreiche andere Prominente. Sie alle haben sich auf dem Höhepunkt der US-amerikanischen Save-Darfur-Kampagne von 2004 bis 2008 an der Koalition aus Initiativen beteiligt, die dem ,Genozidʻ im Westen des Sudans ein Ende setzen sollte. Kein anderer afrikanischer Konflikt hat in den USA bisher so viel Aufmerksamkeit erhalten. Dabei gründete die Kampagne ihren Mobilisierungserfolg nicht unwesentlich auf der von der britischen Kolonialmacht im Sudan konstruierten Unterscheidung von Afrikaner*innen und Araber*innen. Das Organisationsbündnis mobilisierte gegen die Araber*innen der sudanesischen Regierung und Janjaweed-Miliz und zur Rettung der Afrikaner*innen in Darfur. Denn einem Völkermord, wie zehn Jahre zuvor in Ruanda, sollte diesmal nicht tatenlos zugesehen werden. Anders als oftmals medial und im Rahmen der Save-Darfur-Kampagne dargestellt, sind den Auseinandersetzungen in Darfur allerdings weniger ethnische Konflikte als vielmehr politische und ökologische Gründe ursächlich. Umso problematischer ist es deshalb, von Darfur ein Schwarz-Weiß-Bild zu zeichnen, in dem arabische Täter*innen afrikanischen Opfern gegenüber stehen. Im Folgenden soll darum aufgezeigt werden, welche Ursachen dem Konflikt zugrunde liegen und warum sich die Bevölkerung Darfurs überhaupt als Araber*innen oder Afrikaner*innen identifiziert und anhand dieser Trennlinie unterschieden wird. Weiterlesen

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Another Story than the Nation-State

Rahul Rao beginnt seinen Artikel The Locations of Homophobia mit einer Studie zur strafrechtlichen Verfolgung von Homosexuellen im weltweiten Vergleich, die von der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) herausgegeben wurde. Auf der entsprechend eingefärbten Karte sind alle Länder, in denen homosexuelle Handlungen unter Gefängnis- oder Todesstrafe gestellt sind, rot markiert. Länder, in denen Homosexuelle durch das Gesetz vor Diskriminierung geschützt werden, sind in verschiedenen Grünschattierungen gehalten. Dazwischen liegen in Gelbtönen alle Länder, in denen das Gesetz zwar nicht explizit homofeindlich ist, aber so ausgelegt werden könnte. Betrachtet man die Karte im Ganzen, sind weite Teile Asiens gelb und orange gefärbt, Europa und Nordamerika strahlen in einem satten Grünton, während Afrika, bis auf Südafrika, und die arabischen Länder hell- bis dunkelrot markiert sind.

Zum Schluss des Artikels bezieht sich Rao auf eine weitere Karte, auf der Fälle von transfeindlichen Morden pro Staat von November 2012 bis November 2013 dokumentiert wurden. Auf der Karte des Trans Murder Monitoring Project (TMM) sind die registrierten Morde an Transsexuellen in absoluten Zahlen besonders hoch in den USA und mehreren südamerikanischen Ländern. Die entsprechenden Regionen sind ebenfalls rot gefärbt. (Auf einer aktuellen Karte des TMM sind die Länder mit den höchsten registrierten Morden schwarz markiert, danach folgen Rotschattierungen.) Würde man beide Karten übereinanderlegen, so Raos Vorschlag, wäre die ganze Welt rot gefärbt. Weiterlesen

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