Europa in Indien – Die Moderne als westliche Erzählung

Als die britische Ost-Indien-Kompanie 1756 begann, Stück für Stück das Gebiet des heutigen Indiens zu erobern, fand sie eine Vielzahl an Reichen und Fürstentümern vor. In Nordindien herrschte noch der muslimische Mogul, in Südindien die hinduistischen Marathen und dazwischen existierten kleinere Fürstenstaaten wie Hyderabad. Als die britische Kolonialherrschaft fast 200 Jahre später nach langem Unabhängigkeitskampf endete, war aus dem kulturell und sozial heterogenen Raum formal ein Nationalstaat geworden, eine parlamentarische Demokratie, die den gesamten Subkontinent umfasst. Alle Inder*innen dürfen sich Staatsbürger*innen nennen, das Parlament wählen und Bürgerrechte genießen.

Sumit Sarkar schreibt 1983 in seinem Werk Modern India, dass der Zeitraum zwischen Gründung des indischen Nationalkongresses 1887 und der Unabhängigkeit 1947 einen massiven Umbruch in der Geschichte des Landes markiert, der allerdings immer noch „betrüblich unvollständig“ ist. Er führt weiter aus, dass er unvollständig sei, weil im Laufe des Kampfes für Unabhängigkeit Erwartungen geschürt wurden, die sich nicht erfüllt haben. Weder verwirklichte sich Gandhis Traum von der Herrschaft des Gottes Rama, noch gab es die sozialistische Revolution. Auch blieben die Probleme der vollständigen bürgerlichen Transformation und einer kapitalistischen Entwicklung ungelöst.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Geschichte Indiens als mangelhaft, als würde etwas fehlen, um sie zu vervollständigen. Woher kommt dieser Eindruck des Mangels? Diese Frage versucht Dipesh Chakrabarty in seinem Werk Europa provinzialisieren zu beantworten. Weiterlesen

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Korea: Ist die Versöhnung nur eine Lebenslüge?

Als Einführung zum Blogartikel empfehle ich den folgenden Kurzfilm anzuschauen.

Der ewige Präsident ist die Sonne, unter der KoreanerInnen glücklich leben dürfen. Der Große Führer Genosse Kim Il-sung, der für die nicht-nordkoreanische Welt vor 20. Jahren starb, regiert immer noch, auch wenn sein Sohn und Enkelkind seine kommunistische Politik weiterführen. „Uns fehlt nichts auf der Welt“ singen gehorsam jeden Tag nordkoreanische Kinder.

Die Welt auf der nordkoreanischen Seite der Halbinsel sollte das Paradies sein. Vor dem ewigen Glück darf das Volk aber nicht fliehen – auf jeden Fall nicht auf dem legalen Weg. Wegen der Hungersnot in den 1990er Jahren kamen eine Million Nordkoreaner ums Leben. Da Obdachlosigkeit verboten ist, starben Menschen an Bahnhöfen. Der Mangel an Essen führte Menschen zum Kannibalismus, der, wenn er aufflog, mit Hinrichtung bestraft wurde. Die Zehnjährigen sahen wie Sechsjährige aus. Die Waisen, die durch den Fluss nach China zu fliehen versuchten, wurden von Wächtern erschossen oder, wenn gefunden, durch chinesische Behörden in die Heimat zurückgeschickt. Diebstahl, als Verbrechen gegen den kommunistischen Staat, wurde mit dem Arbeitslager bestraft (Demick 2013).

Bis heute sind Mangelernährung, Pellagra und Arbeitslager (bis zu 200.000 politische Gefangene) an der Tagesordnung. Es gibt keine Stromausfälle – die Elektrizität fehlt im ganzen Land. Die Propaganda läuft ständig im einzigen Sender, durch das Radio in jedem Treppenhaus oder auf den öffentlichen Plätzen Pjöngjangs. Durch sie und auch durch die Chuch‘e-Ideologie „Militär zuerst!“ ist die Angst vor US-amerikanischen Schweinehunden, Japanern und Spionen unter Präsidentin Park Geun-hye weit verbreitet. Die Atomwaffen (es wurden bereits drei Tests durchgeführt) sollen der nordkoreanischen Bevölkerung Sicherheit geben.

Auf der anderen Seite der Koreanischen Demilitarisierten Zone (DMZ) liegt die Republik Korea – ein entwickeltes Industrieland, Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen, der G20, der OECD und der APEC. Weiterlesen

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Jim Crow may be dead but his spirit lives on in modern day America

When President Obama took office in January 2009, he also brought with him the hopes of millions of Black voters across the United States, who hoped that he would make their lives better by ending the systematic racism inherent in the US-American system. However, after 6 years not much has changed for the African American community, systematic racism is still rife in the country and high profile cases like those of the shootings of Trayvon Martinand Michael Brown have particularly highlighted this problem in American society. Weiterlesen

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Widerstand an den israelischen Mauern

Banksy_4Im letzten Jahr wurde auf den Berliner Straßen das 25. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer, die Deutschland für viele Dekaden trennte, begangen. Tausende EinwohnerInnen der deutschen Hauptstadt besichtigten an diesem Tag die Gedenkstätte und starrten den Himmel an, als die Ballons der Lichtgrenze in die Luft stiegen. „Nie wieder Mauer“ hörte man da besonders oft. Jedoch existieren auf der ganzen Welt noch viele Sperranlagen, über die man ungern spricht. Als ob die Mauer- und Unterdrückungsgeschichte in Berlin geendet hätte. Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko soll die illegale Einwanderung seitens Mittelamerika und Mexiko verhindern. Die 248km lange und 4km breite Demilitarisierte Zone bildet eine künstliche Grenze zwischen Nord- und Südkorea und, unangemessen des Namens, gehört sie zu den stärksten militärisch gesicherten Grenzstreifen. In Brasilien entschied sich die Staatsverwaltung von Rio de Janeiro, die Favelas, also die illegalisierten Armenviertel, mit Betonmauern zu umbauen (weitere Infos zu Mauern dieser Welt hier und hier). Warum sind Mauern offiziell verhasst und trotzdem existieren sie auf jedem Kontinent? Diese Frage stellten sich bereits viele Künstler. Sie versuchen, diesen Mauern Wiederstand zu leisten, auch wenn es nur ein symbolischer ist.

Der Staat Israel errichtete bereits zwei Mauern an seinen Grenzen – eine Sperranlage um den Gazastreifen und eine um das Westjordanland. Beide sind umstritten, beide existieren immer noch. Weiterlesen

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Militärregierung in Polen (1981-1983)

August 1980 – Tausende polnische ArbeiterInnen gehen auf die Barrikaden. Sie fordern demokratische Rechte und freie Gewerkschaften. Angeführt von Lech Walesa, einem Elektriker. Der ehemalige Solidarnośc-Anführer sagt im Nachhinein in einem Beitrag der Deutschen Welle:

Wir wussten, dass wir den Kommunismus bekämpfen müssen und dabei eine große Verantwortung tragen. Die Deutschen haben sich gewundert, dass wir das Regime mit Streiks besiegen wollen. Aber es gab keine Alternative. Eine Konfrontation wollten wir nicht, denn dann hätten die Sowjets angegriffen.“

Klaus Bölling (ehemaliger Regierungssprecher unter Helmut Schmidt) erklärt :

Bei diesem Gespräch [zwischen Honecker und Schmidt] war deutlich, dass Honecker [den Besuch von Schmidt] nicht wollte. Er war in Sorge, dass der berühmte Funke in die DDR überspringen könne und das war für Helmut Schmidt plausibel.“

In den Zeiten der Europäischen Union wird es öfter vergessen, dass der Weg der europäischen Integration nicht einfach und selbstverständlich war. Die Weltkriege und die Spaltung zwischen dem Osten und Westen sind nicht die Ereignisse, die vor Jahrhunderten passierten, sondern die Geschichte, die man noch bis heute von älteren Augenzeugen erzählt bekommen kann. Das Phänomen der Militärregierungen ist eben auch keine Schöpfung von weit entfernten Ländern, wie Thailand oder Ägypten, sondern die Realität der EuropäerInnen und somit auch der Deutschen im Zeitraum von 1945 bis 1949. Die Militärregierung in Polen von 1981 bis 1983 spielte eine besonders große Rolle bei dem europäischen Integrationsweg. Sie wollte nämlich die Weiterentwicklung erster erfolgreicher Proteste und die Reformprozesse im Ostblock verhindern – Niezależny Samorządny Związek Zawodowy „Solidarność” (deutsch: Unabhängige Selbstverwaltete Gewerkschaft „Solidarität“) machte den allerersten Schritt durch den Eisernen Vorhang. Weiterlesen

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Vietnam’s Doi Moi reforms as a boost for its economy

Modern phenomenon: a country with socialist ideology and a market economy. How is it possible to establish a powerful market economy while having a socialist state? In this article I want to introduce an overview of Vietnam’s Doi Moi reforms that made the Vietnamese phenomenon come true.

The Socialist Republic of Vietnam was unified under a communist government in 1976 being an impoverished and politically isolated state until the strong reforms of Doi Moi (= Renovation) had been initiated in 1986. Weiterlesen

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Konflikt in Kolumbien: Warum der Guerillakrieg kein baldiges Ende haben wird

Der Konflikt, in dem auf der einen Seite der kolumbianische Staat, und auf der anderen die Guerillamilizen FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias Colombianas) und ELN (Ejército de Liberación Nacional) stehen, platziert Kolumbien als das gewalttätigste Staat Lateinamerikas und als eines der gefährlichsten weltweit (Global Peace Index 2014). Seit dem Beginn der Konfrontation vor sechzig Jahren gibt es – laut der Regierung – fünf Millionen Opfer, davon 600.000 Tote. Ziel dieses Artikels ist es zu erläutern, warum eine friedliche Lösung des Krieges heute sehr unwahrscheinlich ist. Dabei werden zuerst die Geschichte und Motivationen der Akteure vorgestellt sowie die bisherigen Friedensverhandlungen, letztendlich werden Gründe gegeben, weshalb dieser Frieden heute kaum möglich ist. Weiterlesen

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