Ausbeutung oder Hilfe zur Selbsthilfe?

Immer wieder begegne ich Menschen, die auf die Frage in welchem Berufsfeld sie später einmal arbeiten möchten, voller Euphorie antworten: „Irgendwie in Richtung Entwicklungszusammenarbeit.“ Und immer wieder habe ich bei dieser Antwort ein ungutes Gefühl. Aber warum eigentlich? Seit den 1990er Jahren heißt es immerhin nicht mehr „Entwicklungshilfe“ sondern „Entwicklungszusammenarbeit“. Und das klingt doch gleich viel besser, eben nach „Partnerschaft“ und „Kooperation auf Augenhöhe“. Und wenn jemand mit seiner Arbeit etwas Gutes tun möchte, ärmeren Menschen helfen will und dabei noch die Möglichkeit hat, die Welt zu sehen, so kann man das doch kaum kritisieren. Oder etwa doch?

Die westdeutsche Entwicklungshilfe begann in den 1950er Jahren. In Zeiten des Kalten Krieges wollte man einerseits den Einfluss der Sowjetunion eindämmen und den Alleinvertretungsanspruch gegenüber der DDR sichern. In der Verbindung zu „Entwicklungsländern“ wurde die Möglichkeit gesehen, außenpolitische Interessen durchzusetzen. Andererseits ging es um den Gewinn neuer Absatzmärkte und die Stärkung von Handelsinteressen, um so die westdeutsche Wirtschaft zu festigen. Außerdem erhoffte sich die Bundesrepublik in der Präsentation als großzügiger und wirtschaftlich erfolgreicher Staat, ihr internationales Prestige verbessern zu können. Viele postkoloniale Staaten arbeiteten gerne mit Deutschland zusammen, da es als Land ohne koloniale Vergangenheit galt und deutsche Produkte einen guten Ruf besaßen. In Indien wurde ab 1954 mit deutschen Entwicklungshilfegeldern das Stahlwerk Rourkela gebaut. Geleitet wurde das Projekt von den Unternehmen Krupp und Demag, beteiligt waren jedoch viele weitere Unternehmen, insgesamt um die 2000 westdeutschen Zulieferer. Das Stahlwerk ist sogar heute noch in Betrieb, könnte also als Erfolg der Entwicklungszusammenarbeit gewertet werden. Wenn da nicht die Adivasi wären, eine indigene Volksgruppe, die sich selbst als „erste Bewohner“ Indiens bezeichnen. Diese wurden für das Großprojekt zwangsumgesiedelt. Insgesamt verloren um die 20.000 Menschen ihre Heimat, mussten bis zu 100km von ihrem Zuhause neu anfangen. Die versprochene Unterstützung der Regierung blieb aus und so führten die Adivasi einen Kampf ums Überleben, hatten kein Trinkwasser, lebten auf unfruchtbarem Land, ohne Infrastruktur oder Gesundheitsfürsorge. Bis heute kämpfen die Adivasi um Anerkennung und Gerechtigkeit.

Nun kann man natürlich nicht die gesamte Entwicklungszusammenarbeit wegen dieses einen Beispiels verurteilen, welches auch noch 60 Jahre zurückliegt. Aber genau hier setzt die Kritik an: in den letzten sechs Jahrzehnten westlicher Entwicklungshilfe hat sich zwar der Begriff geändert, nicht jedoch die Strukturen der Abhängigkeit seit der Kolonialzeit. Viele Länder des globalen Südens sehen trotz der westlichen Gelder keine Verbesserung ihrer Situation und fühlen sich trotz Ende des Kolonialismus nicht unabhängig. Die Kreditsysteme des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank setzen die wirtschaftliche Abhängigkeit der Länder fort, drängen sie zu Privatisierung und Liberalisierung ihrer Märkte, obwohl dies bei schwachen Marktwirtschaften nicht unbedingt zu Aufschwung und Entwicklung führt. Weiterhin sind die Kredite an bestimmte Bedingungen wie „good governance“ geknüpft, was erstmal sehr sinnvoll klingt. Aber meistens stehen dann doch ökonomische Schritte der sogenannten Empfängerländer im Vordergrund und nicht deren Menschenrechtslage. Kritiker_innen verurteilen, dass dadurch immer wieder auch korrupte oder diktatorische Regime finanziell unterstützt werden. Außerdem können westliche Ideen von „good governance“ auch bestehende funktionierende Strukturen im globalen Süden unterdrücken. Die ursprünglichen Motive der 1950er Jahre zur Entwicklungszusammenarbeit des Westens mit den postkolonialen Ländern scheinen sich bis heute nicht geändert zu haben: Sicherung der politischen und wirtschaftlichen Einflusssphäre, der Handelsinteressen und Absatzmärkte. Viele Kritiker_innen stören sich auch an dem Begriff „Entwicklung“, der auf eine Hierarchie verweist, die die Länder des globalen Südens auf eine untergeordnete Stufe stellt. Außerdem wird in der öffentlichen Diskussion meist vergessen, dass Deutschland von der Entwicklungszusammenarbeit auch finanziell profitiert: da die Kooperation meist an Konditionen gebunden ist, zum Beispiel deutsche Unternehmen zu beauftragen, fließt ein Großteil des Geldes quasi wieder an Deutschland zurück. Entgegengesetzt der öffentlich vorherrschenden Meinung sind übrigens gar nicht nur die klassischen „Entwicklungsländer“ Hauptempfänger von westlichen Geldern. Wie Teilnehmer der Open-Aid-Data-Konferenz 2011 öffentlich machten, werden fast alle Länder der Welt unterstützt. Die wirtschaftlich immer erfolgreicher werdenden BRIC-Staaten wie Russland oder China erhielten dabei weit mehr finanzielle Mittel als zum Beispiel Afghanistan oder Pakistan.

All diese Aspekte spielen wahrscheinlich mit, wenn mir der Begriff „Entwicklungszusammenarbeit“ nicht gefällt. Trotzdem sollte man nicht das gesamte Feld an sich verurteilen, denn natürlich bewirken auch viele Projekte Gutes und geben vielen Menschen neue Chancen. Es bleibt nur zu wünschen, dass „Entwicklungszusammenarbeit“ eines Tages nicht mehr nötig ist, dass die Strukturen der Abhängigkeit durchbrochen werden und man einfach nur von „Zusammenarbeit“ zwischen Staaten auf Augenhöhe sprechen kann.

M.P.

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3 Antworten zu Ausbeutung oder Hilfe zur Selbsthilfe?

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