Das Prinzip der kollektiven Identität am Beispiel Tschetscheniens

In meinem anderen Artikel erzählte ich über die koloniale Expansion Russlands nach Nordkaukasus, wo sich heute die Republik Tschetschenien befindet. In diesem Beitrag möchte ich das theoretische Prinzip der kollektiven Identität am Beispiel der tschetschenischen Gesellschaft rekonstruieren. Dadurch hoffe ich, ein Interesse für die Geschichte und heutige Situation dieses Gebiets und seiner Menschen zu erwecken.

Was bedeutet Identität? Oswald Schwemmer bezeichnet den Begriff „Identität“ als „Selbstwertgefühl und Vertrautheit, Abgrenzung gegen andere und gegen Fremdes, Einbeziehung ins Eigene und Selbstverständliche“ (Schwemmer 2002). Eine kollektive Identität kann man als eine Zugehörigkeit zu einem Kollektiv aufgrund gemeinsamer Regeln, Normen und Werte bezeichnen. Durch diese Gemeinsamkeiten kann sich eine Gruppe von anderen Gruppen abgrenzen. (Eine ähnliche Definition von kollektiver Identität findet ihr hier). Kollektive Identitäten sind soziale Konstrukte, die durch gemeinsame Erfahrungen, Mythen und Geschichten, sowie inneren Dynamiken gebildet werden können. Daher können Identitäten als geheimnisvolle „Angelegenheiten der Imagination“ bezeichnet werden.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion suchte die tschetschenische Gesellschaft nach einem neuen Wertesystem. Die Suche endete mit der Neuentdeckung von „angeblich traditionellen tschetschenischen Werten wie Ausdauer, Geduld, Tugendhaftigkeit, Mut, Tapferkeit sowie Ehre und Gastfreundschaft“ (Cremer 2007: 183f.). Diese Werte basieren vor allem auf der religiösen bzw. islamischen Wurzeln sowie Geschichten und Erzählungen über die historischen Helden, wie Imam Schamil (Cremer 2007: 183). Die Geschichten und Mythen über die Erfolge der bewundernswerten, braven Persönlichkeiten helfen, eine kollektive Identität zu bilden (vgl. Giesen/Seyfert). Außerdem gewann der Islam an Bedeutung. Vielmehr wurden die islamischen Werte im insbesondere ersten Tschetschenienkrieg als Abgrenzung zu Andersgläubigen wahrgenommen (vgl. Cremer: 187).

Die traumatischen historischen Ereignisse wie z.B. Kolonisierung oder Kriege können nach der These von Stuart Hall eine vereinheitliche Wirkung auf die kollektiven Identitäten haben (vgl. Winter 2013). Daher spielte der erste Tschetschenienkrieg (1994 – 1996) gegen Russland eine große Rolle für die Veränderung der kollektiven Identität: Am Anfang des Krieges konnte man ein starkes Einheitsgefühl in der tschetschenischen Gesellschaft beobachten (Cremer: 184). Außerdem wurde einen Mythos der „Leidensgeschichte“ entwickelt, der nur auf die historischen gewaltigen Auseinandersetzungen mit Russland beschränkt wurde (mehr Informationen über die tschetscheniche Geschichte hier).

Jedoch ließ diese Identitätseinheit mit der Zeit nach (vgl. Cremer: 184). Marit Cremer befragte in ihrer Studie (2007) einige aus Tschetschenien nach Deutschland geflüchteten Frauen, die sehr unterschiedliche Ansichten über die Zukunft des Tschetscheniens hatte: Einige befürworteten das Verbleiben in Russland, die Anderen waren für die Unabhängigkeit, während eine dritte Gruppe bloß in Ruhe und Frieden leben wollten (vgl. Cremer:184 f.).

Heute spielen die traditionellen sowie die religiösen Werte immer noch eine wichtige Rolle für die tschetschenische Identität. Dafür spricht der Appell von dem Oberhaupt der Republik Ramsan Kadyrow zur Erhaltung von traditionellen Familienwerten sowie zum Kopftuchtragen bei allen Frauen in Tschetschenien (vgl. Wechlin 2014). Außerdem kann man seine Persönlichkeit mit „der chauvinistischen Ausprägung“ ebenfalls als ein Teil der tschetschenischen Mythenbildung bezeichnen (vgl. Wechlin).

Die aufgezeigte Rekonstruktion einer kollektiven Identität ist natürlich ein theoretisches Konstrukt, das nur für einen bestimmten Zeitabschnitt relevant sein kann, denn kollektive Identitäten verändern sich. Allerdings kann dieser Versuch helfen, die tschetschenische Gesellschaft besser kennenzulernen und mehr über sie zu erfahren.

Anastasia T.

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