Der ewige Kampf der Geschichten – können Nürnberger Lebkuchen den Kapitalismus besiegen?

Zum Geschichtsbegriff Chakrabartys und zu Chibbers Gegenargumentation

Oft wird in den Sozialwissenschaften der Begriff „Institution“ verwendet. Dabei kann mit Institution so ziemlich alles gemeint sein, von der Uni über die Ehe bis zum Nürnberger Lebkuchen. Vielleicht kann Institution als etwas verstanden werden, dass das gesellschaftliche Zusammenleben regelt und beeinflusst.

So stiften Institutionen zum Beispiel Identität: Wenn Menschen während der WM Nationalflaggen aus dem Fenster hängen, kann das als institutionelle Praktik gesehen werden, die den Nationalismus stützt. Nürnberger Lebkuchen sind eine regionale Spezialität, durch die sich Nürnberg von anderen Gebieten abgrenzt.

Dipesh Chakrabarty, Professor für Geschichte und südasiatische Sprachen an der Chicago University, hat sich die Frage gestellt, ob es Institutionen gibt, die den Kapitalismus bekämpfen können. Dieses Thema behandelt Chakrabarty unter anderem in dem Artikel „Europa provinzialisieren – Postkolonialität und die Kritik der Geschichte“ sowie in seinem Buch „Europa als Provinz“. In diesem Buch fordert er, europäische Kultur als ein Modell unter vielen und nicht als universellen Standard zu sehen.

Um die Frage nach der Bedeutung von Institutionen zu beantworten, macht Chakrabarty zunächst eine Unterteilung: Es gibt Institutionen, die wichtig dafür sind, dass sich der Kapitalismus reproduziert, und solche, die dem Kapitalismus Widerstand leisten. Natürlich ist in einem kapitalistischen System keine Institution ganz unabhängig vom Kapitalismus. Aber trotzdem gibt es neben den Institutionen, die der Kapitalismus braucht, auch die, die er nicht braucht und die ihm, so Chakrabarty, sogar gefährlich werden könnten. Die Geschichtsschreibung über die Institutionen, die für den Kapitalismus überlebenswichtig sind, nennt Chakrabarty Geschichte 1. Die Geschichtsschreibung über die Institutionen, die dem Kapitalismus Widerstand leisten, nennt Chakrabarty Geschichte 2.

Die Institutionen, die zu Geschichte 1 zuzuordnen sind, sind universeller, allgemeiner Art. Von ihnen hat jeder schon gehört und sie spielen eine Rolle im Leben von jedem Menschen. Dazu gehören Praktiken, die Staatsbürgerschaft, Vernunft und Nationalismus reproduzieren.

Die Institutionen, die Geschichte 2 zuzuordnen sind, zielen dagegen auf das Besondere ab. Dazu gehören lokale Traditionen und Riten so wie persönliche und individuelle Vorlieben. Zu Geschichte 2 gehören als Dinge wie ein individueller Kleidungsstil, regionale Gerichte und Feste oder ein besonderer Kunstgeschmack. Hat sich jemand dafür entschieden, eine bayerische Tracht anzuziehen, dann trägt er folglich eine Institution, die Geschichte 2 zuzuordnen ist.

Wozu aber diese Aufteilung? Chakrabarty zufolge ist es wichtig, zu wissen, ob eine Institution zu Geschichte 1 oder Geschichte 2 gehört. Denn die beiden Geschichten stünden sich feindlich gegenüber. Chakrabarty glaubt, dass Geschichte 2, also lokale Tradition und Kultur, die Möglichkeit und Kraft hat, den Kapitalismus auszulöschen. Logischerweise will der Kapitalismus das verhindern und versucht seinerseits, Geschichte 2 zuerst auszulöschen.

Chakrabarty führt als Beispiel die Fabrik an: Dort würden Arbeitsprozesse so standardisiert, dass individuelle Arbeitsgewohnheiten und Vorlieben keine Rolle mehr spielen würden. Insofern ist ein ständiger Kampf des Universellen (Geschichte 1) gegen das Partikulare (Geschichte 2) vorprogrammiert. Während dieses Kampfes muss das Kapital als das Universalisierende damit leben, dass seine Herrschaft unvollständig ist, und Geschichte 2 muss damit leben, in einem kapitalistischen System zu existieren. Chakrabarty glaubt aber, dass Geschichte 2 das Potential hat, den Kampf gegen den Kapitalismus zu gewinnen.

Vivek Chibber, Professor für Soziologie an der New York University, sieht das Ganze etwas anders und kritisiert Chakrabartys Konzept in dem Kapitel „The (Non-)Problem of Historicism“ in seinem Buch „Postcolonial Theory and the Specter of Capital“. Man könne zwar die Unterscheidung zwischen Geschichte 1 und Geschichte 2 machen, aber was Chakrabarty daraus folgere, sei nicht realistisch.

Dem Kapitalismus, so argumentiert Chibber, sei es völlig egal, ob in Nürnberg Nürnberger Lebkuchen gebacken oder in Bayern bayerische Trachten getragen würden. Beides würde den Kapitalismus nicht bedrohen. Genauso sei es dem Kapitalismus egal, ob ein Arbeiter in der Fabrik seine individuelle Arbeitstechnik hat oder während der Arbeit ein Lied pfeift – solange er das Ergebnis abliefert, das von den Vorgesetzten verlangt wird. Chibber argumentiert sogar, dass der Kapitalismus sich Geschichte 2 teilweise einverleibt und zunutze macht – so kann es zum Beispiel sein, dass der Arbeiter besser arbeitet, wenn er pfeift.

Gefährlich für den Kapitalismus werde es erst dann, wenn Geschichte 1 und Geschichte 2 sich gegenseitig ausschließen. Das sei manchmal, aber nicht immer der Fall. Geschichte 2 könne zum Beispiel eine Bedrohung werden, wenn ein Arbeiter statt in der Fabrik zu erscheinen auf ein Gemeindefest geht – wenn sich also die lokale Tradition und die für den Kapitalismus relevante Institution ausschließen.

Es gibt laut Chibber also keinen notwendigen Widerspruch zwischen Geschichte 1 und Geschichte 2. Deshalb seien die beiden Geschichten auch nicht zwangsläufig feindlich zueinander eingestellt. Als Marxist betont Chibber stattdessen die Krisenanfälligkeit des Kapitalismus aus sich selbst heraus. Wenn etwas den Kapitalismus zerstören würde, so Chibber, dann seien das nicht bayerische Trachten oder Nürnberger Lebkuchen, sondern der Kapitalismus selbst.

F.H.

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