Die Vergänglichkeit globaler Machtverhältnisse. Warum die Vormachtstellung westlicher Staaten laut Ferguson geschichtlich bedingt und temporär ist

Wirft man einen Blick auf die Internationalen Beziehungen, so kommt man schnell zu dem Eindruck, dass die europäischen Staaten – verglichen mit ihrer Landfläche – eine sehr große Rolle spielen. Das hängt vermutlich mit der wirtschaftlichen Vormachtstellung und vor allem mit der Geschichte westlicher Länder, also unter anderem der europäischen Staaten zusammen. Wie kommt es, dass der europäische Raum über so beträchtlichen Einfluss verfügt?

Im Abschnitt „Wettbewerb“ aus dem Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ versucht Niall Ferguson, Geschichtsprofessor an der Harvard University, die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung des Westens geschichtlich zu ergründen. Dabei vergleicht er die Geschichte Europas mit der des asiatischen Raums.

Europa sei nicht immer das Zentrum der Welt gewesen, so Ferguson. Im 15. Jahrhundert, als China eine Weltmacht war, habe Europa einen verarmten Teppich aus zerstrittenen Kleinstaaten dargestellt (vgl. S. 56). In China gab es damals ein funktionierendes Wirtschaftssystem, das einen enormen Güterverkehr auf dem Fluss Jangtse und sogar die Glättung von Konjunkturschwankungen durch den Kaiser beinhaltete (S. 58). Außerdem sei China unter dem Kaiser Yongle ein „Zentrum der Gelehrsamkeit“ gewesen. England dagegen sei zu diesem Zeitpunkt weit weniger entwickelt gewesen – die Pest hatte dort die Bevölkerungszahlen dramatisch schrumpfen lassen, außerdem verfügte London im Gegensatz zu chinesischen Städten über kein Abwassersystem. Etwas polemisch kommentiert Ferguson:

„Zu Dick Whittingtons Zeit als Bürgermeister (…) waren die Straßen Londons mit etwas gepflastert, das sehr viel weniger glänzte als Gold“.

Im 15. und 16. Jahrhundert, in einer Art frühen Globalisierungsphase, hätten sich die Dinge schließlich geändert. Die europäische Expansion habe mit der Suche portugiesischer Seeleute nach einer neuen Route in den indischen Ozean begonnen – dabei ging es bei der Suche nach der neuen Route zunächst nur darum, Gewürze nach Europa zu transportieren (S. 73). Doch im „Zeitalter der Entdeckungen“ habe in Europa Konkurrenz zwischen den Staaten geherrscht – jedes Land wollte einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber den andern europäischen Staaten erzielen (vgl. S. 73) – so kam es dazu, dass weitere Staaten wie Spanien, Frankreich und England in den Wettkampf um den Überseehandel einstiegen und „die Welt untereinander auf(teilten)“ (S. 77). In China gab es dagegen keine derartige politische Zersplitterung, weshalb auch kein vergleichbarer Konkurrenzkampf entstehen konnte.

Dass China nicht in andere Regionen der Welt expandiert war, lag also nicht etwa an mangelndem Wissen über Schiffsbau oder Navigation: Ferguson betont, dass von China aus unter dem Kommando von Zheng He schon zwischen 1405 und 1425 sechs Entdeckungsfahrten über sehr lange Strecken zurückgelegt wurden – unter anderem bis an die Ostküste Afrikas (vgl. S. 68f). Auch James Morris Blaut betont in dem Artikel „Colonialism and the rise of capitalism“, dass Produktion und Technik in asiatischen und afrikanischen Regionen mindestens so entwickelt waren wie in Europa (vgl. Blaut S. 274). Der Nachfolger des Kaisers Yongle sei aber Ferguson zufolge abgeneigt gegenüber Entdeckungsreisen gewesen und habe aufgrund der mangelnden Konkurrenz nicht die Notwendigkeit Chinas gesehen, in andere Regionen zu expandieren – ab 1500 wurde der Bau von Schiffen in China unter Todesstrafe verboten (vgl. S. 72).

Die Konkurrenz zwischen den europäischen Staaten sei auch für die wissenschaftliche Entwicklung verantwortlich gewesen. So wurde zunächst in England die mechanische Uhr weiterentwickelt, sodass sie genauer und alltagstauglicher war als chinesische Wasseruhren. Die Rivalität zwischen den europäischen Staaten habe dann dazu geführt, dass die Entwicklung von Uhren auch in anderen Ländern voranschritt. Chinas Entwicklung dagegen sei aufgrund der mangelnden Konkurrenz und der Übermacht der konservativen Herrscher stagniert. Die Weiterentwicklung der Uhr, so Ferguson, sei besonders deshalb so wichtig für den Fortschritt in europäischen Staaten gewesen, weil präzisere Uhren – vor allem, weil sie tragbar und für die breite Masse verfügbar waren – eine bessere Koordination und Planung ermöglichten (S. 85).

Ferguson hat für das Buch „Der Westen und der Rest der Welt“ sehr viel Kritik erhalten – so kritisiert beispielsweise Klaus-Jürgen Bremm, dass die Erkenntnis, dass Europa aufgrund seiner politischen Zersplitterung und der damit einhergehenden Konkurrenz Wettbewerb befördert habe, keinesfalls neu sei (mehr dazu hier).

Dennoch macht der Abschnitt „Wettbewerb“ in „Der Westen und der Rest der Welt“ eines deutlich: Nämlich dass die Vormachtstellung bestimmter Teile der Welt geschichtlich bedingt ist. Dass heute Europa über große wirtschaftliche Macht verfügt, ist Ferguson zufolge auf den Konkurrenzkampf zwischen den Staaten im 15. und 16. Jahrhundert zurückzuführen. Außerdem zeigt der Abschnitt, dass die Vormachtstellung einer Region temporär ist. Ferguson zufolge können einflussreiche Staaten ihre Stellung sehr schnell verlieren, wenn es zu veränderten Bedingungen (wie im Fall der Handelsexpansion im 15. Jht.) kommt. Ob diese Erkenntnis aber auf das heutige Europa übertragen werden kann und ob die westliche Vormachtstellung vor dem Zerfall stehe, ist diskutabel (zu einem Interview mit Ferguson über die Zukunft des Westens hier).

F.H.

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