Eine kurze Analyse des islamischen Finanzsystems

Die Finanzkrise von 2007 bis 2008 hat die Probleme des konventionellen, westlichen Finanzsystems deutlich gemacht. Zurzeit scheint das islamische Finanzsystem wegen seiner ethischen Grundlage und Anpassungsfähigkeit eine gute Alternative zu sein. Fast die Hälfte der Muslim_innen benutzt zurzeit dieses Finanzsystem, d.h. 12 Prozent der Weltbevölkerung (Khan/Bhatti 2008). Ich werde hier die Besonderheiten und Herausforderungen des islamischen Finanzsystems vorstellen.

Die Grundlagen des islamischen Finanzsystems

Das islamische Finanzsystem basiert auf einer nahen Verbindung zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft. Die Konformität mit der Scharia ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Riba (Zins), maysir (Spekulation) und gharar (Unsicherheit der Bestandsbewegung) sind verboten. Außerdem handelt es sich um ein geteiltes Risikosystem, das vermeidet, dass eine Person zu viel Risiko eingeht. So gibt es unterschiedliche Investitionsfonds, Versicherungen und Kredite, die den Anforderungen entsprechen oder auch Schuldteilung, sodass die Anleihenehmer_innen nicht allein Misserfolgskosten bezahlen müssen.

Dieses Finanzsystem wird viel von im Ausland lebenden Muslim_innen benutzt, um Geld an ihre Familien zu schicken. Das System des Hawala bietet zudem denjenigen die Möglichkeit, Finanzdienstleistungen zu nutzen, die in entfernten Dörfern leben, wo es keine westlichen Banken gibt. Außerdem besteht Hawala aus persönlichen Beziehungen, damit wird z.B. kein Personalausweis benötigt. Hawala und die Reputation der_s Hawaladars – des Hawalahändlers oder der -händlerin – hängen von Vertrauen ab. Deswegen wird das islamische Finanzsystem als ethischer und flexibler gesehen.

Wachstum und Ausbreitung

Es gibt zunehmend mehr islamische Finanzinstitutionen in den islamischen, aber auch in den westlichen Staaten. Die Gründe dafür sind u.a. der Aufschwung der Wirtschaft in den Nahost-Ländern und die Entwicklung von neuen Finanzprodukten.

Heutzutage gibt es mehr als 300 islamische Finanzinstitutionen in 75 Staaten, die mehr als 13 Milliarden US-Dollar kontrollieren. Das Geld, was in diese Institutionen investiert wird, nimmt jährlich zu.

Im Nahen Osten wurden viele islamische Institutionen geschaffen, um die Einnahmen des Golf zu behalten und um die Kapitalflucht in die westlichen Länder zu verhindern (Khan/Bhatti 2008). Die konventionellen Finanzinstitutionen passen sich auch an islamische Gesetze an (z.B. die Dubai Bank in den Vereinigten Arabischen Emiraten), um bei der wachsenden Nachfrage konkurrenzfähig zu bleiben. Die Regierungen im Nahen Osten unterstützen die Entwicklung und Verbesserung des islamischen Finanzsystems. So haben die Vereinigten Arabische Emirate, Katar und Saudi-Arabien z.B. Konferenzen organisiert, um das islamische Finanzsystem gemeinsam zu begünstigen.

Auch in Südasien gibt es ein starkes Entwicklungspotenzial von islamischen Finanzinstitutionen, weil die Bevölkerung mehrheitlich muslimisch ist. In Pakistan förderte die Regierung, dass alle konventionellen Institutionen auch schariakonforme Produkte anbieten müssen.

In Südostasien breitet sich das islamische Finanzsystem vor allem aus zwei Gründen aus: Zum einen gibt es ein starkes Wirtschaftswachstum und zum anderen wollen die Länder das Kapital vom Nahen Osten anziehen. Das führt allerdings manchmal zu Problemen: Laut islamischer Gelehrter des Golfes sind die islamischen Wissenschaftler_innen aus Malaysia in ihrer Interpretation des Koran zu liberal (Haron/Ahmad 2000).

In den westlichen Staaten bieten die konventionellen Finanzinstitutionen wie beispielsweise Citibank oder Goldman Sachs teilweise schariakonforme Produkte an. Dies zeigt den Einfluss der islamischen Länder und Bevölkerung auf die westlichen Staaten.

Herausforderungen

Nach dem Anschlag von Al Qaeda auf das World Trade Center am 11. September 2001 wurde das islamische Finanzsystem jedoch als Bedrohung angesehen, weil es Terrorismus und Extremismus fördern würde. So scheint es einfach, Geld von illegalen Tätigkeiten, z.B. Opiumhändler in Afghanistan, zu überweisen. Das System ist ungeschützt gegen kriminelle Missbräuche wegen der Anonymität, der Geheimhaltung und der Deckfähigkeit der Kapitaltransfers. Allerdings nutzen die Terrorist_innen auch konventionelle Banken. Ein Verbot des islamischen Finanzsystems würde also nicht den Terrorismus beenden.

Das islamische Finanzsystem braucht dennoch eine neue und effektive Regulation. Aber diese funktioniert nur, wenn die Regeln auf moralische transzendentale Werte gestützt sind. Die letzte Regelung, die durch die westlichen Staaten durchgesetzt wurde, war ineffizient weil sie die islamischen Werte nicht respektierte. Außerdem sollte die neue Regelung mit einem Vertrauensprinzip funktionieren.

Paradox zwischen Theorie und Praxis

In Wirklichkeit gibt es einen starken Wettbewerb zwischen islamischen und konventionellen Banken. Um attraktiv zu sein, arbeiten einige islamische Banken auch mit finanziellen Produkten konventioneller Finanzinstitutionen. Dazu gehören zum Beispiel Schuldpapiere oder auch Zinsen – diese existieren theoretisch zwar nicht, werden aber heutzutage durchaus von den islamischen Banken benutzt.

Diese neuen Produkte wurden durch die islamischen Gelehrten akzeptiert, weil sie schariakonform sind. Tatsächlich beobachtet Shariah supervisory board die Konformität mit der Scharia. Allerdings haben nur 20 Prozent der Mitglieder ein BWL-Diplom, die anderen sind juristische Experten und prüfen nur rechtliche, nicht aber wirtschaftliche Aspekte (Nienhaus 2011).

Kurz gesagt, das islamische Finanzsystem hat ein sehr großes Entwicklungspotenzial. Aber die Theorie und Praxis stimmen nicht immer überein. Das Finanzsystem muss, will es moralisch bleiben, schariakonform funktionieren und Wege finden, Transaktionen transparent zu machen. Sollte es Vorgaben der westlichen Staaten geben, müssten diese islamische Werte respektieren. Man kann auch fragen: ist das islamische Finanzsystem ein guter Weg um das westliche Finanzsystem zu ändern? Sollen die Regierungen das islamische Finanzsystem generell nutzen? Das aber muss an anderer Stelle diskutiert werden.

M.G.

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