Es geht doch nichts über eine gute Nachbarschaft

Wenn man die deutschen Medienberichte bezüglich Migration und Flüchtlingsbewegungen verfolgt, bekommt man den Eindruck, alle Welt sei auf dem Weg ins verheißene Europa. Dass Menschen auch in allen anderen Teilen der Welt unterwegs sind, meist auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, gerät oft aus dem Blickfeld. Bei Krisen sind nämlich zunächst meist die Nachbarländer in der Verantwortung Hilfe zu leisten und Flüchtlinge aufzunehmen. Laut der UN-Flüchtlingshilfe steht Afghanistan immer noch an erster Stelle als Herkunftsland der meisten Flüchtlinge weltweit, sogar noch vor dem aktuellen Krisenherd Syrien. Davon ist auch das Nachbarland Iran betroffen. Dort halten sich bis zu drei Millionen afghanische Flüchtlinge auf, nur 840 000 davon legal. Menschenrechtsorganisationen machen immer wieder auf die schlechte Lage der Afghan_innen im Iran aufmerksam, unabhängig von ihrem Status.

Seit der sowjetischen Besatzung 1979 ist Afghanistan nicht mehr wirklich zur Ruhe gekommen. Die Sowjets wollten im Kalten Krieg ihr Einflussgebiet erweitern, schafften es aber nicht, das Gebiet gegen den Widerstand der vom Westen unterstützten Mudschaheddin unter ihre Kontrolle zu bringen. So beschränkte sich ihre Herrschaft auf die größeren Städte. Die Besatzung endete zwar 1989, hinterließ das Land jedoch im Chaos. Es folgte ein sieben Jahre andauernder Bürgerkrieg über die politische Richtung bis sich schließlich die Taliban durchsetzten. Ihre Schreckensherrschaft dauerte bis zum NATO Einsatz 2001 an, der sich das Ziel gesetzt hatte, jeglichen Einfluss der Taliban zu beenden. Doch ähnlich wie den sowjetischen Besatzern fällt es der internationalen Gemeinschaft bis heute schwer, das gesamte Land unter ihre Kontrolle zu bringen, immer wieder wird es von Terroranschlägen erschüttert (vgl. Barfield 2010).

Diesen unsicheren Lebensbedingungen sowie der schlechten Wirtschaftslage und Armut versuchen also viele Afghan_innen in den Iran zu entfliehen. Dort erwarten sie aber oft nur Diskriminierung und Willkür. Viele der Flüchtlinge arbeiten als Tagelöhner für einen unterdurchschnittlichen Lohn, meist im Baugewerbe und unter harten, teilweise lebensgefährlichen Bedingungen. In der Bevölkerung haben sie ein sehr geringes Ansehen, „Afghani“ gilt als Beschimpfung für etwas Wildes, Unzivilisiertes. Dass viele der Emigrant_innen Hazara sind, die ebenso wie die Mehrheit der Iraner_innen schiitischen Glaubens sind, scheint sie einander nicht näherzubringen. Die internationalen Sanktionen gegen den Iran haben die wirtschaftliche Lage verschlechtert – dafür müssen die afghanischen Migrant_innen als Sündenböcke herhalten, da sie angeblich Arbeitsplätze wegnehmen. Der Zugang zu einigen Provinzen, sogenannte „no-go-areas“, ist ihnen gänzlich untersagt, auch öffentliche Parks dürfen sie teilweise nicht betreten. Jährlich werden ca. 400 000 afghanische Kinder vom Unterricht ausgeschlossen, da sie keine Papiere haben. Und sogar bestimmte Studiengänge wie Atomphysik und Chemietechnik, mit denen man nach Abschluss durch den Staat das Recht auf eine Anstellung hat, wurden Afghan_innen untersagt. Die willkürlichen Verhaftungen und Abschiebungen nehmen zu. Emigrant_innen werden auf der Straße aufgegriffen und deportiert, teilweise stürmt die Polizei sogar nachts Häuser. Geld und Papiere werden ihnen abgenommen, oft werden sie Opfer physischer Gewalt.

Doch trotz aller überaus berechtigten Kritik und der Forderung nach mehr Rechten, sollte man nicht die hohe Zahl der Flüchtlinge sowie die direkte Nachbarschaft zur Krisenregion vergessen. Laut Bernhard Doyle vom UN-Flüchtlingskommissariat in Teheran fürchtet der Iran um die Sicherheit des Landes. Durch die Maßnahmen soll verhindert werden, dass die instabile Lage Afghanistans übergreift. Emigranten und Menschenrechtsorganisationen hofften auf eine Änderung der Politik mit dem neuen Präsidenten Rohani, eine Besserung der Flüchtlingssituation trat jedoch noch nicht ein.

Wenn man also das nächste Mal einen Beitrag über Flüchtlinge in Europa sieht, schadet es nicht, sich in Erinnerung zu rufen, dass auch andere Teile der Welt von Flüchtlingsbewegungen betroffen sind und Hilfe leisten, obwohl es ihnen ökonomisch weitaus schlechter geht. Und ebenso sollte der Iran nicht als Entschuldigung für Missstände in der Flüchtlingspolitik Deutschlands beziehungsweise Europas herhalten, im Sinne von: in anderen Ländern ist die Situation viel schlimmer. Schließlich leiden Flüchtlinge auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern unter Fremdenfeindlichkeit und erschwerten Lebensbedingungen durch restriktive Gesetze wie beispielsweise die Residenzpflicht.

M.P.

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