„Gute“ und „schlechte“ Muslime im kolonialen Nord-Nigeria

Nigeria in den Staatsgrenzen von heute existiert erst seit 1914 mit der Zusammenführung von den bis dahin verschiedenen Verwaltungseinheiten Nord-Nigeria und Süd-Nigeria durch die Kolonialmacht Großbritannien. Vor der Eroberung durch die Briten (und auch lange Zeit danach) gab es in dem, was wir heute als Nigeria kennen, sehr verschiedene Arten von Herrschaft. Als Reaktion darauf wurden verschiedene Instrumente kolonialer Herrschaft durch die Briten angewendet, dies lässt sich besonders gut am Beispiel Nord-Nigerias zeigen. Ich werde mithilfe von Jonathan Raynolds Artikel „Good and Band Muslims: Islam and Indirect Rule in Northern Nigeria“ nachzeichnen, wie wichtig die Unterscheidung von „guten“ und „bösen“ Muslimen für die britische Kolonialherrschaft war, was dies für Konsequenzen hatte und was es über die Art des Herrschens aussagt.

Anders als im Süden des heutigen Nigerias wurde im Norden durch den damaligen Gouverneur Lord Frederic Lugard das System der Indirekten Herrschaft erprobt (1922 wurde sein Buch The Dual Mandate in British Tropical Africa veröffentlicht, in dem er Kolonialismus und Indirekte Herrschaft rechtfertigt und Methoden an die Hand gibt. Das Buch wurde quasi zum Handbuch aller Kolonialisten, die noch kommen sollten). Im Gegensatz zur Direkten Herrschaft bleiben hier die bereits bestehenden Strukturen (administrativ, legal, etc.) weitestgehend erhalten. Die herrschenden Eliten werden einbezogen, aber kontrolliert.

Dies bringt entscheidende Vorteile für die Kolonialmacht. Es ist billiger und mag auf den ersten Blick sogar „humaner“ und weniger bedrohlich für die Fremdherrschaft erscheinen. Im Gegenteil waren jedoch Angst und Bedrohung eine ständige Komponente britischer Herrschaft.

Gewiss war es billiger und weniger aufwendig für die Briten die administrativen Wege zu nutzen, die durch das riesige Kalifat von Sokoto gegeben waren. Die Legitimation dieses Kalifats war religiös und bereits aus anderen Kolonien (z.B. Indien), hatten die Briten gelernt, dass man den Islam nicht einfach abschaffen kann, obwohl man ihn eigentlich als eine dem Christentum unterlegene Religion ansah. Lord Lugard selbst schreibt Folgendes in The Dual Mandate in British Tropical Africa über den Islam :

[Islam] is a religion incapable of the highest development, but its limitations clearly suit the limitations of the people. It has undeniably had a civilizing effect, abolishing the gross forms of pagan superstition and barbarous practices, and adding to the dignity, self-respect and self-control of its adherents. Its general effect has been to encourage abstinence from intoxicants, a higher standard of life and decency, a better social organization and tribal cohesion, with a well-defined code of justice.”

Man kann also feststellen, dass es sehr realpolitische Beweggründe hatte, den Islam als Religion (im Gegensatz zu den „barbarischen“ animistischen Religionen, die im Süden vorherrschten und unbedingt durch das Christentum ersetzt werden mussten) und das damit einhergehende Verwaltungssystem bestehen zu lassen.

Die damalige herrschende Klasse waren die Masu Sarauta (Hausa für „Innehaber offizieller Positionen“), die zum Quadiriyya Orden gehörten. Dieser wurde als besonders friedlich wahrgenommen, zumindest gegenüber den Briten, da sie keine „Fanatiker*Innen“ waren. Als „Fanatiker*Innen“ wurden solche bezeichnet, die ein besonderes Interesse an islamischer Bildung und Einhaltung von Ritualen (z.B. Gebetszeiten) zeigten. Die Angehörigen der Masu Sarauta verfolgten auch ihre eigenen Interessen, nämlich das Erlangen von Hegemonie über andere islamische Gruppen, z.B. stellte der Mahdismus eine ernsthafte Bedrohung für das Kalifat dar, denn es kam immer wieder zu Aufständen, die die Masu Saurauta stürzen wollten. Die Briten halfen ihnen dahingehend ihre Herrschaft zu stützen, sodass es hier zu einer Kollaboration kam, aus denen beide Parteien einen Nutzen ziehen konnten, wenn auch in unterschiedlichen Dimensionen.

Doch nicht alle Muslime erschienen den Briten als stabilisierend für ihre Herrschaft. Neben dem Quadiriyya Orden (den „guten“ Muslimen) gab es auch eine Menge „schlechter“ Muslime, vornehmlich Mahdisten (die Anhänger Muhammad Ahmads, eines Aufständigen im Sudan, der sich gegen die anglo-ägyptische Fremdherrschaft wandte), Sanusiyya und Tijaniyya. Um diese identifizieren, kategorisieren und analysieren zu können, musste Wissen produziert werden, was jedoch nicht sehr erfolgreich war, da Unterschiede oft an Dingen festgemacht wurden, die sonst nichts mit der politischen Einstellung der Menschen zu tun hatten, wie z.B. der Position der Hände während des Gebetes.

Daher wurden grobere Unterscheidungen getroffen. So galten alle als per se „schlecht“, wenn sie Reformen bringen wollten, sei es politisch, sozial oder religiös. Menschen, die Wandel predigten, wurden als illegitim oder „Pseudo“-Muslime denunziert. Ebenso das bereits genannte Interesse an (islamischer) Bildung stellte eine Bedrohung für die Herrschaft der Briten dar. Muslime und Muslima, die nicht in das Raster des „guten“ Islam fielen, wurden oft Opfer von Schikane.

Dies lässt sich eindrucksvoll am Beispiel von Sherif Alowi, einem Tijaniyya-Missionar aufzeigen: Die Briten denunzierten ihn als alkoholischen, homosexuellen Juden, der im Auftrag der Deutschen gekommen sei, um die islamische Community in Nigeria zu zerstören. Dies taten sie so überzeugend, dass spätere Generationen von Kolonialbeamten davon ausgingen, dass dies die Wahrheit sei.

Ein weiterer beliebter Grund für die Schikane von Missionaren war, dass sie angeblich Kommunisten aus bolschewistischen Zellen in Libyen, Marokko oder Saudi Arabien waren.

Auch die Vorkehrungen bezüglich der Hajj sind aussagekräftig: Da zur damaligen Zeit die meisten Pilger*Innen noch zu Fuß monatelang nach Mekka reisten, waren sie vielen „Gefahren“ ausgesetzt, z.B. dem Einfluss islamischer „Fanatiker*Innen“ im Sudan, den revolutionären Mahdisten. Um eine größere Kontrolle über die Pilger*Innen zu erwirken, wurden spezielle Pässe eingeführt, in denen die Reiserouten eingetragen wurden. Auch mussten die Reisenden gewisse Geldreserven vorweisen, dies sollte vor allem diejenigen privilegieren, die sich bereits motorisiert (und damit schneller) fortbewegten und außerdem dem gängigen Modell von Gastarbeiter*Innenschaft im Sudan (um Geld für die Weiterreise zu verdienen) entgegenwirken. Ziel war es, die Zeit zu verkürzen, in der die Reisenden potenziellen „Gefahren“ ausgesetzt waren. Ein dritter Mechanismus war die Einführung bestimmter Impfungen, da die britischen Kolonialherren die Abneigung der Bevölkerung vor Impfungen kannten und sich auch hier eine abschreckende Wirkung erhofften.

Es wird deutlich, dass viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden mussten, damit sich die britischen Kolonialherren abgesichert fühlten. Das Bild des kalt berechnenden Kolonialherren wird ergänzt durch das eines ängstlichen Kolonialherren. Desweiteren sind die britischen Bemühungen, die verschiedenen muslimischen Gruppen zu studieren, ein gutes Beispiel für erzeugtes Herrschaftswissen. Dieses sollte der erfolgreichen Verwaltung und Beherrschung von Menschen dienen und produzierte teilweise falsche Fakten, die auch lange Zeit nachwirkten, wie das Beispiel Sherif Alowi zeigt.

Aber auch auf heute bezogen gibt es Ähnlichkeiten mit sehr aktuellen Diskursen in Deutschland. So titelte der Stern im Jahr 2007 z.B. „Wie gefährlich ist der Islam?“ ,der Spiegel „Mekka Deutschland. Die stille Islamisierung“ unterlegt von bedrohlichem Schwarz (ebenfalls 2007) und der Fokus titelt gerade in seiner aktuellen Novemberausgabe mit „Die dunkle Seite des Islam“. Die Tendenz in der aktuellen Debatte geht zwar eher zu einer Universalisierung (denn es wird immer von „dem“ Islam gesprochen), anstatt dazu verschiedene Gruppen ausfindig zu machen, jedoch gibt es in der Rhetorik viele Gemeinsamkeiten mit heutigem antiislamischen Rassismus. Die Gefährlichkeit und Bedrohlichkeit „des“ Islam wird häufig betont. Die Angst, dass die eigene Hegemonie durch Muslime (und sieht man sich das Interesse an Muslima an, die in den Dschihad ziehen, kann man davon ausgehen, dass die Debatte sich auch hier von den „unterdrückten“ Frauen weg verlagert) bedroht wird, ist ebenfalls ähnlich und Expert*Innen werden um ihre Einschätzung gebeten (nicht nur im Stern). Auch wenn Ausgangssituation und Antworten sich unterscheiden, wäre es interessant, detaillierter zu untersuchen, inwiefern ein Zusammenhang mit dem kolonialen Erbe besteht.

M.K.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Afrika, Kolonialismus, Religion abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s