Homophobie & Verfolgung von LGBTI-Menschen in Afrika – Ein afrikanisches Phänomen?

Im Jahr 2011 kündigte der damalige, und noch amtierende, britische Premier David Cameron auf dem Commonwealth-Gipfel an, in Zukunft Entwicklungshilfezahlungen in Länder zu überdenken in denen Gesetze gegen Homosexualität bestehen. Er unterstrich seine Argumentation mit dem Zusatz, dass LGBTI-Rechte unabdingbar zu den Menschenrechten gehören, und deren Beachtung Grundlage für die Entwicklungshilfezusammenarbeit Großbritanniens mit afrikanischen Ländern ist. Um seiner Drohung Unterpfand zu verleihen, wurden noch im selben Jahr Gelder in Millionenhöhe für Malawi gestrichen, wo kurz zuvor zwei schwule Männer aufgrund ihrer Homosexualität gehängt worden waren. Dieser Diskurs der „Bestrafung“, so nannte Cameron die Verweigerung von Hilfszahlungen, von Ländern die nicht normkonform handeln, setzte sich auch 2014 fort. Unter viel Beifall von europäischen LGBTI-Organisationen ließ Martin Schulz im Rennen um den Posten als EU-Parlamentspräsidenten verlauten, dass die EU in Zukunft Hilfszahlungen in Länder einstellen solle, in denen Homosexuelle verfolgt werden.

Tatsächlich scheinen Homophobie und Gesetze, die Homosexualität explizit unter Strafe stellen, in afrikanischen Ländern in den letzten Jahren zuzunehmen. So registrierte die Londoner Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) in einem Bericht aus 2013, dass in 38 (von 54) afrikanischen Staaten Gesetze existieren, die homosexuelle Handlungen oder Homosexualität selber unter Strafe stellen, besonders in den Staaten der Sub-Sahara. Die möglichen Strafen können unterschiedliche Ausmaße annehmen und reichen von zehn Jahren Haft (Sudan) bis hin zur Todesstrafe (Nigeria & Liberia). In Uganda können selbst diejenigen mit dem Tod bestraft werden, die homosexuelle Handlungen nicht melden. In Kamerun sind nicht nur homosexuelle Handlungen verboten, sondern auch Homosexualität selber, examiniert durch zweifelhafte medizinische Untersuchungen.

Doch diese Entwicklungen als afrikanische Fehlentwicklungen zu geißeln und gar, mit Camerons Worten, durch Geldentzug zu bestrafen, greift zu kurz und entbehrt nur noch mehr den postkolonialen Charakter, der Hilfszahlungen des Globalen Nordens anhaftet.

Denn auch in Afrika gibt es eine lange Geschichte von gleichgeschlechtlicher und nicht-heteronormativer Sexualität, die mehrere tausend Jahre zurückreicht. So sind Frau-Frau-Ehen in der Geschichte von über 40 verschiedenen ethnischen Gruppen dokumentiert und in Simbabwe zeugen Höhlenmalereien davon, dass dort schon vor 2000 Jahren Mann-Mann-Beziehungen gelebt worden sind. Homophobie in Afrika kann also wenn überhaupt nur als Phänomen der Moderne verstanden werden und ist mitnichten genuin afrikanisch, wie die neueren Tendenzen von einigen Europäischen und US-Amerikanischen LGBTI-Organisationen dargestellt werden. Die Gründe sind vielmehr in der vom Europäischen Kolonialismus geprägten Geschichte Afrikas zu suchen.

Tatsächlich stammen viele Gesetze, die Homosexualität heute unter Strafe stellen, noch aus der Kolonialzeit und wurden damals von den Kolonialherren eingeführt. Sie brachten eigene Vorstellungen über Moral und vermeintlich richtige Sexualität in ihre neuen Kolonien. Homosexualität wurde als unnatürlich angesehen und die Kolonialisierten Afrikas sollten, gemäß europäischer Moralvorstellungen, umerzogen werden. Eine wichtige Rolle spielte dabei die christliche Sexualmoral, in deren Auslegung im 16. und 17. Jahrhundert Homosexualität als widernatürlich angesehen wurde. Doch wohingegen die Anti-Homosexuellen Gesetze in den Kolonialstaaten wie Frankreich und Großbritannien in den 1960er und 1970er Jahren auf Druck zahlreicher Bürger_innenbewegungen abgeschafft wurden, blieben die Gesetze in den ehemaligen Kolonialen in Afrika davon unberührt, denn sie erlangten ihre Unabhängigkeit teilweise, bevor die neuen Regelungen sie betrafen und behielten die alten Anti-Homosexuellen Gesetze schlichtweg in ihren Gesetzbüchern. Eine homosexuellenfeindliche Gesetzgebung kann also nicht als eigenafrikanisch bezeichnet werden, ihre Ursachen liegen mit in der Geschichte der Kolonialisierung Afrikas und dem rassistischen Willen der Europäer_innen, die Unterdrückten ihrer Kolonien nach einem christlich-europäischen Ideal umzuerziehen. Jedoch kann damit nicht erklärt werden, warum die homophoben Tendenzen in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugenommen haben.

So wie Homophobie früher ein christlicher Import in der Kolonialzeit war, so werden LGBTI-Rechte heute wieder als westlicher Import, als postkoloniales Bestreben wahrgenommen. Frantz Fanon beschrieb 1961 in „Die Verdammten dieser Erde“, wie nationale Eliten die Macht in vielen afrikanischen Staaten übernommen haben, die erst ihre Unabhängigkeit erlangt hatten. Ohne eine wirkliche politische Strategie beschworen viele Staatsführer Nationalismus und Chauvinismus und versuchten so eine eigene nationale Identität herzustellen. Ängste und Hass gegen Bevölkerungsgruppen, die einst von den Kolonialherren geschürt worden waren, wurden in diesem Rahmen wieder aufgenommen und reproduziert. In dieses Bild passt sich auch Hass gegen Homosexuelle ein, und das auch 50 Jahre nach den mahnenden Worten Fanons. So werden Homosexuelle heute von oft korrupten Eliten für die schlechte wirtschaftliche Lage, in der sich viele Länder befinden, verantwortlich gemacht, oft sogar für Korruption, soziale Ungleichheiten und gar Seuchen. Die wahren Gründe für diese Probleme können so verschleiert werden und den Eliten wird eine Möglichkeit der Profilierung gegen den Westen geboten. Robert Mugabe, Diktator Simbabwes, ein Land mit einer strikten Anti-Homosexuellen Gesetzgebung, nannte Homosexualität gar einen ausländischen Import, beschuldigte Homosexuelle für viele Missstände in Simbabwe und bildete so ein argumentatives Gegengewicht zum Reformdruck ausländischer Geldgeber.
Homophobie wird jedoch nicht nur von lokalen Eliten geschürt, sondern erwächst auch aus der Bevölkerung selber. So kann Homophobie als Antwort auf den männlichen Machtverlust gesehen werden, der sich vor dem Hintergrund weiblicher Emanzipation und zunehmender Erwerbsarbeit unter Frauen abzeichnet. Immer weniger Männer können allein für ihre Familien sorgen und versuchen ihre Männlichkeit durch die Abwertung vermeintlich unmännlicher Homosexualität wieder herzustellen. Dass die Gründe für diese ökonomischen Probleme ebenso in der Kolonialgeschichte Afrikas, im Extraktivismus und der fortlaufenden Abhängigkeit von westlichen Importen zu suchen ist, verweist nur noch mehr
die zahlreichen strukturellen Ursachen die Homophobie haben kann. Homophobie und Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung keine Entwicklungen ohne Rückfahrschein sind, zeigen viele Initiativen in vielen afrikanischen Ländern.
Denn auch wenn der intellektuelle Diskurs um Homosexualität in Afrika noch nicht sehr ausgeprägt ist, zeigen Künstlerinnen
wie die international anerkannte Koyo Kuaoh, wie Homosexualität zu Afrika gehört. Das zeigt Afrikaner_innen auch, dass homophobe Gesetzgebung ein Import der Kolonialmächte war, und nicht Homosexualität selber. Richtigerweise verweist sie auch auf die noch immer homophoberen Tendenzen in Europa. Dort solle man sich nicht erheben und die Strukturen in den eigenen Ländern hinterfragen.

Das gilt auch für die Verweigerung von Entwicklungshilfe. Denn oftmals fließen diese Gelder ausschließlich an staatliche Institutionen. Die Forderung vieler afrikanischer LGBTI-Aktivist_innen lautet daher, dass auch LGBTI-Organisationen unterstützt werden sollten. Kritisiert wird aber auch, dass sich diese zu sehr an eine gut gebildete, städtische Mittelschicht richteten und der Lebensrealität von LGBTI’s in ländlichen Gebieten zu wenig Beachtung schenkten. Die Verantwortung zur Verbesserung der Lebensrealität von LGBTI in Afrika liegt jedoch nicht nur bei den Afrikaner_innen selber. Viel zu groß ist der Einfluss europäischer und US-amerikanischer evangelikaler homophober Freikirchen in Afrika. Diesen muss in ihrem Ursprung, in Europa und den USA, Einhalt geboten werden.

Der kenianische Intellektuelle Ali Mazrui sieht für das 21. Jahrhundert ein intellektuelles Revival in Afrika So gebe es immer freie Universitäten und mehr gesellschaftlichen Pluralismus, einhergehend mit einer stärkeren Auseinandersetzung mit afrikanischen Themen. Das kann auch positiv für die vielen LGBT-Gruppen sein, die in vielen verschiedenen afrikanischen Ländern tätig sind. Es wird nicht möglich sein, eine einheitliche LGBT-Kultur aufzubauen, die es mit Heteronormativität und homophober Gesetzgebung aufnehmen kann, dafür ist dieser große Kontinent viel zu divers. Doch können unterschiedliche und lokale Initiativen, wie die Kunst von Koyo Kuaoh, zeigen, dass Homosexualität und Queerness zu Afrika gehören.

Aber auch Europa sollte in der Verantwortung stehen und z.B. sein Asylregime lockern, um Menschen, die aufgrund ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland verfolgt werden, Asyl anzubieten. Und darüber hinaus sollte Homophobie nicht als Projektionsfläche für westliche LGBTI-Organisationen dienen, die damit einen Entwicklungsvorsprung des Westens zu konstruieren zu versuchen. Auch in Europa werden LGBTI-Menschen diskriminiert und haben in vielen Staaten nicht volle Bürgerrechte.

Philipp Greiner

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