Nationalismus und Entwicklung – Zur Rolle der Arbeiter_innenbewegung im postkolonialen Ägypten

In der letzten Sitzung behandelten wir unter dem Thema „Unabhängigkeit und Entwicklung“ unter anderem die theoretischen Arbeiten Frantz Fanons zur Entkolonialisierung und zur Ausbildung eines nationalen Bewusstseins in Staaten, die erst jüngst ihre Unabhängigkeit erlangt haben.

Fanon zeichnete in seinem 1961 erschienenen Hauptwerk „Die Verdammten dieser Erde“ jene Prozesse nach, die viele postkoloniale Staaten auf dem afrikanischen Kontinent ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchliefen. Er beobachtete, dass sobald die Kolonialmächte verschwunden waren, neue Eliten auftraten, die Macht über die Bevölkerung ausübten. Diesen neuen Eliten, Fanon nennt sie „neue Bourgeoisie“, fehlte es an konkreten Ideen und Konzepten zur Entwicklung des Landes – ihr einziges Interesse war der Erhalt ihrer Macht. Sie kooperierten zu diesem Zweck oft mit den alten Kolonialherren. So wurden Konzessionen für die Ausbeutung von Rohstoffen oft an Unternehmen aus den ehemaligen „Mutterländern“ vergeben und auch andere Industrien wurden von den alten Kolonialherren kontrolliert. Die Arbeiter_innen fanden sich erneut in der Position der Ausgebeuteten. Von den neuen, lokalen Eliten wurden sie mit dem Ausblick auf bessere Zeiten vertröstet, die aber wegen mangelnder politischer Ideen und der neuen Abhängigkeit vom Mutterland nur selten eintraten (Fanon 1981).

Mit der heutigen Sitzung sollen diese globalen Beobachtungen mit empirischen Untersuchungen der Arbeiter_innenbewegung im postkolonialen Ägypten verknüpft werden.

Dazu dient die Arbeit des US-Amerikanischen Historikers Joel Beinin, „ Labor, Capital, and the State in Nasserist Egypt, 1952-1961“. Doch bevor der Blick auf die ägyptische Arbeiter_innenbewegungen geworfen werden soll, erfolgt zuvorderst eine kleine Einführung in die jüngere ägyptische Geschichte.

Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft und der Militärputsch 1952

Ägypten stand ab 1882 unter britischer Besatzung, wurde 1883 in den Commonwealth eingebunden und stand fortan unter direkter britischer Kolonialherrschaft. 1922 billigten die Briten Ägypten die Selbstverwaltung zu. Dazu wurde die Monarchie restauriert und König Fuad I., das letzte verbliebende Mitglied der alten Königsdynastie, bestieg den Thron. Ab 1936 zogen sich die Briten zurück, sicherten sich jedoch, für den Fall eines Krieges in der Region, den Zugriff auf die Telekommunikations- und Transportinfrastruktur des Landes. Ägypten hatte also de facto keine vollständige Unabhängigkeit. Das Königreich avancierte zu einem Staat mit internationaler Anerkennung und wurde 1937 Mitglied des Völkerbundes. Bevor und während des Zweiten Weltkrieges hat König Fuad I. angeblich Sympathien für die Achsenmächte Deutschland und Italien gehegt . Tatsächlich aber wurde Ägypten zum Aufmarschgebiet der Alliierten für den Kampf gegen die italienisch-deutschen Truppen in Libyen. Im Jahr 1952, bis dahin noch immer eine Monarchie, putschten sich die ägyptischen Generäle Nasser und Nagbib an die Macht. Gamal Abdel Nasser zielte jedoch auf eine Alleinherrschaft und konnte diese 1954 verwirklichen. Er stand für den Panarabismus und positionierte Ägypten im Kalten Krieg unter den blockfreien Staaten. Doch das hieß bei weitem nicht, dass Ägypten neutral war. So verhandelte Nasser erst mit den USA und Großbritannien über Finanzhilfen zum Bau des Assuanstaudamms. Diese zogen ihre Hilfsangebote jedoch schnell zurück, nachdem Ägypten die Volksrepublik China als Staat anerkannte. Schließlich wurde der Assuanstaudamm mit sowjetischen Finanzhilfen bezahlt. Nasser regierte Ägypten bis zu seinem Tod im Jahr 1971 (vgl. BPB).

Die Rolle der Arbeiter_innenbewegung im postkolonialen Ägypten

Joel Beinin beleuchtet im oben genannten Artikel die Rolle der Arbeiter_innen im postkolonialen Ägypten unter Nasser. Diese unterstützen Nasser erst und ihre Gewerkschaften forderten weitere sozialistisch-orientierte Reformen, oft mit nationalistischen Tendenzen. Zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage Ägyptens setzte Nasser zuerst auf eine Bodenreform. Privater Landbesitz wurde als feudalistisch angesehen. Nasser enteignete Landbesitzer jedoch nicht, sie erhielten zum Ausgleich für ihre Ländereien Staatsbonds. Beinin sieht dies als symptomatisch für den Nasser’ischen Sozialismus, der nicht auf nachhaltige Reformen setzte, sondern auf „guided capitalism“ (Beinin 1989: 79) – eine Politik, die auf internationale Kapitalakquise und Auslandsinvestitionen setzte. Damit sollte Ägypten international wettbewerbsfähig werden. Um diesen kapitalfreundlichen Kurs nicht zu stören, unterdrückte Nasser letztlich Gewerkschaften, sozialistische Verbände und die Arbeiter_innenbewegungen. Er wollte Ägypten als stabiles Land für ausländische Investitionen, ohne Streiks und Aufruhr wahrgenommen wissen. So wandelte sich die Wahrnehmung des Staates durch die Arbeiter_innen. Erst sahen sie ihn als Verbündeten an, hofften unter anderem auf staatliche Regulierung zur Verbesserung ihrer Arbeitszeiten und -konditionen. Die ägyptische Elite, angeführt von Nasser, arbeitete jedoch mehr für die Kapitalinteressen. Ein Beispiel dafür ist die Zerschlagung der Eisenbahngewerkschaft durch die Regierung, obwohl die Eisenbahn ein Staatsbetrieb war. Schließlich wurden alle Gewerkschaften unter staatliche Kontrolle gestellt und einem staatlichen Gewerkschaftsbund untergeordnet. So brachte das Nasser-Regime auch Linke und Kommunisten unter seine Kontrolle. Tatsächlich nahmen dadurch aber die Proteste sogar zu und erreichten 1958 vorerst ihren Höchststand (Beinin 1989).

Mit dieser empirischen Einsicht von Beinin lassen sich die pessimistischen Worte Fanons besser verstehen. Zwar gab es in Ägypten unter der führenden Elite politische Ideen, aber diese galten eher Kapitalinteressen als den Interessen der Arbeiter_innen und der breiten Bevölkerung. So lässt sich am Beispiel Ägyptens zeigen, wie sich ein Großteil der Bevölkerung nach der Gewinnung der Unabhängigkeit in neuen Machtverhältnissen wiederfand. Sie unterstanden nicht mehr direkt der Macht der Kolonialherren, sondern der Macht des Kapitals, besonders der Unternehmen des alten Mutterlandes.

Philipp Greiner

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