Russischer Kolonialismus in Sibirien und Kaukausus: Ein Sonderfall in der Kolonialgeschichte?

Der Begriff „Kolonialismus“ scheint heutzutage sehr eindeutig und klar zu sein. Viele von uns kennen das ähnliche Bild aus den Schulbüchern: „Die abenteuerhungrigen Spanier oder Engländer erforschten die exotischen Küsten von Afrika oder Südamerika und ließen die Einheimischen Kaffee und Tee für Europa sammeln“. Dieses Bild ist ein Beispiel für eine „klassische“ Vorstellung vom Kolonialismus. Allerdings ist Kolonialismus komplexer und vielseitiger, als wir denken. In diesem Beitrag möchte ich versuchen, die russische Kolonialexpansion einzuordnen und herauszufinden, ob es dabei wirklich um Kolonialismus ging. Dafür werde ich auf zwei Beispiele eingehen.

Doch zunächst wird die Theorie von Jürgen Osterhammel dargestellt. Osterhammel unterscheidet sechs Arten von Expansion in seinem Buch „Kolonialismus. Geschichte, Formen, Folgen“ (1995) Totalmigration, massenhafte Individualmigration, Grenzkolonisation, überseeische Siedlungskolonisation („klassischer“ Kolonialismus), reichsbildende Eroberungskriege und Stützpunktvernetzung. Leider ist es nicht möglich, aller diese Arten in diesem Beitrag zu erläutern. Jedoch ist Osterhammels Definition von Kolonialismus hilfreich: „Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen“ (Osterhammel 1995: 21). Der Kolonialismus wird also als ein Herrschaftsverhältnis zwischen zwei Gesellschaften bezeichnet. Die Kolonialherren verfügen über große Macht und können deswegen eigenen Einfluss auf die andere Gesellschaft ausüben. Außerdem wird dieses asymmetrische Machtverhältnis durch den Glauben an die eigene Überlegenheit (also die der Kolonialherren) legitimiert.

Russland verbreitete die eigene Macht seit mehreren Jahrhunderten in vielen Regionen der Welt. Jedoch möchte ich mich in diesem Beitrag auf zwei repräsentative Expansionsbeispiele konzentrieren, nämlich die Expansion nach Sibirien und Kaukasus (insbesondere Nordkaukasus).

Eine Besonderheit des russischen Kolonialismus liegt darin, dass Russland keine Kolonien in Übersee hatte. Stattdessen wurden Gebiete und Siedlungen, die an Russland grenzten, direkt angegliedert. Solch eine Variante vom Kolonialismus wird meistens als Imperialismus kontinentaler Art oder als Binnenkolonialismus bezeichnet. Nach Osterhammel kann man diese Expansionsart als Grenzkolonisation bezeichnen, die er als „das Hinausschieben einer Kultivierungsgrenze (,frontierʻ) in die ,Wildnisʻ hinein zum Zweck der Landwirtschaft oder der Gewinnung von Bodenschätzen“ bezeichnet (Osterhammel: 10). Sibirien ist an Bodenschätzen wie Öl sehr reich, allerdings waren vermutlich andere Schätze wie Pelz für die russischen Zaren im 16. Jht., als die Expansion begann, wichtiger. Außerdem verfolgte Russland ein anderes, außenpolitisches Ziel mit der Expansion nach Sibirien: Zugang zu den Weltmeeren (vgl. Preyer/Pietsch).

Das riesige Gebiet Sibirien wurde nach und nach durch die russische Regierung erobert. Die russischen Zaren schickten die Kosaken nach Sibirien, um die eroberten Gebieten zu kontrollieren, Einheimische zu unterdrücken und Geld zu sammeln. Die russische Regierung war meistens nicht im kolonisierten Gebiet präsent, sondern organisierte eine indirekte Kontrollform. Diese Kontrollform ähnelt sehr der indirekten Herrschaft (oder Indirect Rule), die wir schon aus dem „klassischen“ Kolonialismus kennen. Dadurch konnte Distanz zur „barbarischen“ Bevölkerung in Sibirien geschaffen werden. Die Schaffung von Distanz ist in der Osterhammels Definition von Kolonialismus sehr wichtig. Außerdem wird Sibiriens Schicksal oft mit dem Schicksal der Ureinwohner_innen in Nordamerika verglichen: In beiden Fällen befanden sich die Bevölkerungsgruppen weit auseinander und konnten deswegen keinen Widerstand den kolonisierenden Streitkräften leisten (vgl. Spahn 2013). Die Eroberung Sibiriens dauerte mehrere Jahrzehnte, die mit der Eingliederung Sibiriens in den russischen Staat endete.

Das russische Interesse fiel auf das Gebiet des Süd-und Nordkaukasus zum ersten Mal ebenso im 16. Jht. Ähnlich wie in Sibirien dauerte die Eroberung des Gebietes mehrere Jahre und kostete wegen langwieriger Eroberungskriege viele Leben. Die russische Expansion nach Kaukasus kann daher als eine Mischung von Grenzkolonialismus und Eroberungskriegen verstanden werden. Nach Osterhammel hatten Eroberungskriege das Ziel, die „Herrschaft eines Volkes über ein anderes“ zu etablieren (Osterhammel: 13). Mit dieser Expansion beabsichtigte die russische Führung, den Zugang zum Schwarzen Meer zu erhalten, sowie das eigene Reich zu erweitern und stärken.

In 19. Jht. fielen mehrere kaukasische Gebiete (die Unterscheidung von Nord-und Südkaukasus war damals irrelevant) unter russische Kontrolle sowie Turkmenien und Turkestan (vgl. Spahn 2013). Da die einheimischen Völker sich nicht leicht unterwerfen ließen, praktizierte die russische Zentralregierung auch hier per Kosakenarmeen eine Form der indirekten Herrschaft (vgl. Bartunek/Kirchmair). Ein anderes Merkmal der russischen Expansion war die Russifizierung, die insbesondere in Nordasien praktiziert wurde. Die Russifizierung bedeutet vor allem das Aufzwingen von russischer Sprache, Kultur und der orthodoxen Religion in den kolonisierten Gebieten, um die „barbarischen“ Völker „zu zähmen und zu zivilisieren“. Der Glaube an die eigene Überlegenheit gegenüber den anderen Völkern im Sinne von Osterhammel konnte bei der russischen Kolonialpolitik mit Sicherheit beobachtet werden.

Wie ging es weiter? Nach der Revolution 1917 wurden die kaukasischen Gebiete in die Sowjetunion eingegliedert, allerdings ist die Freiwilligkeit des Eintrittes in die Sowjetunion fraglich (vgl. Bartunek/Kirchmair). Die kaukasischen Völker und Staaten erhielten zwar einen autonomen Status in der Sowjetunion, blieben aber von Moskau sehr abhängig (vgl. Bartunek/Kirchmair). Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden Armenien, Aserbaidschan und Georgien als unabhängige, souveräne Staaten von Moskau anerkannt, während die Völker des Nordkaukasus als autonome Gebiete (auf russisch: Republiken) Russlands geblieben sind. Allerdings ist der Wunsch nach Unabhängigkeit auch heute im Nordkauskasus vorhanden, weswegen es oft zu Unruhen kommt, die sehr brutal enden können. Erster Tschetschenienkrieg und Zweiter Tschetschenienkrieg sind dafür Beispiele.

Die russische Expansion nach Sibirien und Kaukasus weist mehrere von Osterhammel herausgearbeitete Kolonialmerkmale auf: Eine meist gewaltige Etablierung der eigenen Herrschaft in den Regionen, die auf dem Glauben an die Überlegenheit der russischen Kultur und Religion basierte. Außerdem wurde eine Distanz durch die indirekte Herrschaft zu den einheimischen Völkern geschaffen. Allerdings fällt es schwer, die russische Expansion in einer Kategorie von Osterhammel einzuordnen. Osterhammel schlägt vor, dass man nicht von „dem“ Kolonialismus, sondern von verschiedenen Formen der kolonialen Expansion sprechen soll. Deswegen wünsche ich mir auch, dass man von den universalen Definitionen abstrahiert und die Eigenschaften der einzelnen Fälle mehr in Betracht zieht.

Anastasia T.

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