„Und wo kommst du her?“ – Was spricht dafür und was dagegen, Leute nach ihrer Herkunft zu befragen

„Wo kommst du her?“ – vor allem in Berlin wird diese Frage häufig als Gesprächseinstieg verwendet. Kaum jemand kommt „von hier“; fast alle sind entweder aus einem anderen Bundesland oder von außerhalb Deutschlands hergezogen, um in Berlin zu studieren oder zu arbeiten. Und was spricht auch dagegen, Menschen nach ihrer Herkunft zu fragen? Gerade, wenn man eine Person, die augenscheinlich einen Migrationshintergrund hat, nach ihrer Herkunft fragt, könnte das doch als Interessenbekundung gewertet werden. Schließlich zeigt man seinem Gegenüber, dass man an ihm, seiner Herkunft und „seiner Kultur“ interessiert ist. Vielleicht ist man selbst schon in dem Herkunftsland des Gesprächspartners gewesen und kann dann ausschweifend berichten, wie gut es einem dort gefallen hat und wie nett die Leute waren – wer würde sich nicht geschmeichelt fühlen?

In dem Roman „Kara Günlük – Die geheimen Tagebücher des Sesperado“ von Mutlu Ergün wird im 1. Kapitel die Frage nach der Herkunft thematisiert. Dort heißt es:

„Was meint der gemeine Teutone mit dieser Begrüßungsformel: ‚Wo kommst du her?‘ Hinter dieser Frage verbirgt sich kein wohlmeinendes Interesse. (…) ‚Wo kommst du her‘ bedeutet: ‚Du nicht weiß. Weil du nicht weiß, du nicht sein kannst deutsch. (…) Weil ich schon vorher hier, ich mehr Rechte.‘ Außerdem impliziert die Frage ‚Wo kommst du her‘ gleich die zweite Frage ‚Wann gehst du wieder zurück?‘“ (S. 9f).

Die Frage, wo jemand herkommt, zeigt also, dass man vermutet, die Person komme nicht „von hier“. Wie das Zitat aus „Kara Günlük“ andeutet, wird die Einordnung in die Kategorie „von hier“ oder „nicht von hier“ meist aufgrund der Hautfarbe getroffen. Insofern charakterisiert die Frage, wo jemand herkommt, den Gesprächspartner aufgrund seiner Hautfarbe als einen Fremden.

Der Kulturtheoretiker Stuart Hall thematisiert in dem Band „Rassismus und kulturelle Identität“, wie „Schwarz“ als Kategorie sozial konstruiert wird. Die Zuschreibung des Attributes „Schwarz“ sorgt laut Hall dafür, dass die Heterogenität der Gruppe, die durch dieses Wort beschrieben wird, keine Beachtung mehr findet. Es gibt also keine objektiv existierende, homogene Gruppe von Menschen, die „Schwarz“ oder „Weiß“ sind. Stattdessen ist „Schwarz“ eine Fremdzuschreibung. Erst dadurch, dass die Zuschreibung über bestimmte Praktiken immer wieder getroffen wird, wird die Kategorie „Schwarz“ relevant und identitätsbildend (mehr dazu hier).

Jemanden nach seiner Herkunft zu fragen, kann ein Mechanismus sein, über den solche Zuschreibungen getroffen werden. Menschen können durch diese Frage zu spüren bekommen, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe nicht als „richtige Deutsche“ wahrgenommen werden. Damit kann die Frage nach jemandes Herkunft als Exklusionsmechanismus wirken.

Andererseits kann man argumentieren, dass es keinen Unterschied macht, ob man jemanden mit oder ohne angenommenen Migrationshintergrund nach seiner Herkunft befragt. Sollte man jemandem eine Frage nicht stellen dürfen, nur weil er zum Beispiel Schwarz ist? Das würde bedeuten, sich nur aufgrund der Hautfarbe einer Person ihr gegenüber anders zu verhalten – ist das nicht auch eine Form von Diskriminierung? Macht es nun einen Unterschied, ob man jemandem mit oder ohne angenommenen Migrationshintergrund die Frage nach seiner Herkunft stellt?

Theoretisch ist es möglich, dass auch jemand ohne angenommenen Migrationshintergrund die Frage nach seiner Herkunft als unangenehm empfindet – zum Beispiel, wenn er sich bewusst von seiner Heimat losgesagt hat. Allerdings geht es in diesem Fall nicht um das Gefühl, aufgrund seiner Hautfarbe in einem Land als Fremder wahrgenommen zu werden. Zudem ist es wahrscheinlich, dass Menschen, die nicht Weiß sind, die Frage nach ihrer Herkunft besonders oft hören. So heißt es in „Kara Günlük – Die geheimen Tagebücher des Sesperado“:

„Jedes Mal, wenn mir die Frage ‚Wo kommst du her?‘ gestellt wird, dann ist es, als bliebe die Zeit stehen, und mein ganzes Leben rauscht an mir vorbei. Ich erlebe die Abermillionen Augenblicke wieder, in denen mir diese Frage gestellt wurde“ (S. 9).

Vermutlich ist es aber situationsabhängig, ob die Frage „Wo kommst du her“ als legitim und freundlich oder als exkludierend und stigmatisierend wahrgenommen wird. In jedem Fall besteht im Gespräch unter Freunden die Möglichkeit, dass der/die GesprächspartnerIn von sich aus erzählt, wo er herkommt. Und falls nicht, gibt es ja noch andere Themen, über die man sich unterhalten kann.

F.H.

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