Von Assimilation zu Ausgrenzung – Rechtspopulismus und koloniale Vergangenheit in Frankreich

Die Ergebnisse der Europawahlen im Mai 2014 haben einen beängstigenden politischen Rechtsrutsch in Europa aufgezeigt, so auch in Frankreich mit der Front National als stärkste Kraft. Deren Aussagen über Einwanderung sind meist sehr unreflektiert und blenden die koloniale Vergangenheit Frankreichs gänzlich aus. Jedoch spielt die Geschichte des Landes im Diskurs über Migration eine große Rolle – die französische Kolonialpolitik war schließlich darauf ausgelegt, die Bewohner_innen der Kolonien zu „echten Französ_innen“ zu machen.

Französische Kolonialpolitik

Vor allem in Afrika war die französische Kolonialpolitik auf Assimilation ausgelegt, auf die Anpassung und Angleichung der Kolonisierten an die französische Kultur: Afrikaner_innen sollten zu französischen Bürger_innen „erzogen“ werden. Dies fing bei den noch „formbaren“ Kindern an, deren Erziehung auf dem französischen Bildungssystem basierte. Kultur und Tradition der Grande Nation sollten vermittelt werden. Weiterhin führten die Kolonisierer eine administrative Zentralisierung ein: ohne Unterscheidung zwischen lokalen Territorien wurde unter der Leitung von Generalgouverneuren überall die gleiche administrative Organisation eingeführt. Dadurch herrschte im gesamten afrikanischen Kolonialgebiet (Französisch West- und Äquatorialafrika) diesbezüglich Uniformität. Die Einteilung der Gebiete erfolgte in Kantone. Um bestehende Autoritätsstrukturen aufzulösen, wurden prä-koloniale Einheiten teilweise absichtlich zertrennt und lokale Grenzziehungen, sofern sie denn bestanden, nicht beachtet.

Die wichtigen Positionen in der Verwaltung besetzten Franzosen, Afrikaner konnten nur in untergeordneten Stellen tätig sein. Afrikanische Chiefs waren nicht wie bei den Briten vorkoloniale lokale Autoritäten sondern meist Einheimische, die sich loyal gegenüber den Franzosen gezeigt hatten und einen gewissen Bildungsgrad besaßen. Effizienz war hier wichtiger als Legitimität innerhalb der Bevölkerung. Die Chiefs waren den Kolonialherren allerdings komplett untergeordnet und hatten klar definierte Aufgaben in einem genau festgelegten Machtspektrum. In der Bevölkerung herrschte große Ablehnung gegenüber den Chiefs, die als Steuereintreiber und Arbeitsrekrutierer wahrgenommen wurden. Sie besaßen ein sehr geringes Prestige und oft wählte die Bevölkerung einen eigenen „echten“ Chief im Geheimen. Die französischen Kolonialherren bildeten eine kleine einheimische Elite aus, die in die Verwaltung eingebunden wurde. Von 1924-1946 galt das „Indigénat“, welches zwischen Eingeborenen („indigènes“) und Assimilierten („assimilées“) unterschied. Für die kolonisierten Afrikaner_innen gab es demnach die Möglichkeit, als Assimilierte zu französischen Staatsbürger_innen „aufzusteigen“. Damit war jedoch die völlige Abwendung von afrikanischer Kultur oder Religion, sprich der persönlichen afrikanischen Identität, verbunden.

Umgang mit der kolonialen Vergangenheit

Die koloniale Vergangenheit wird in Europa oft unter den Teppich gekehrt, eine öffentliche thematische Auseinandersetzung ist selten. In Frankreich wird der unkritische Umgang mit der eigenen Geschichte immer wieder verurteilt und Vorwürfe der Verklärung geäußert. So wurde beispielsweise 2004 ein Gesetz verabschiedet, welches die „positive Rolle“ des französischen Kolonialismus als historische Wahrheit festschrieb. Nach heftigen Protesten strich Präsident Chirac zwar den Absatz, dennoch zeigt sich dadurch die Notwendigkeit eines kolonialen Diskurses in Frankreich. Die schwache Thematisierung spielt den zunehmend erfolgreicher werdenden rechtspopulistischen Parteien wie der Front National in die Hände: die Partei wirbt damit, Frankreich vor Einwanderung zu schützen und klammert den engen Zusammenhang zwischen Einwanderungssituation und Kolonialgeschichte aus.

Der 26 Jahre alte Julien Rochedy, Präsident der Front National-Jugend, spricht in einem Spiegel Online Interview über seine Angst vor einem „Frankreich der Einwanderer“. Seiner Meinung nach ist eine Nation kein „open space“, durch die Vermischung von Kulturen laufe sein Land Gefahr, ein „2000 Jahre altes Erbe“ einfach aufzugeben. Er träumt von einem Frankreich der 60er Jahre: „Frankreich war damals schön, wir waren alle glücklich“. Dabei vergisst Rochedy vollkommen die koloniale Vergangenheit Frankreichs, die immerhin schon mit den ersten Kolonien Ende des 16. Jahrhunderts begann und bis in die 1960er andauerte. Noch 1946 hatte Frankreich Pläne, die Kolonien mittels der Französischen Union politisch enger an sich zu knüpfen. Rochedy scheint im Geschichtsunterricht nicht gut aufgepasst zu haben, wenn er die 60er Jahre als ruhige Zeit betrachtet. Von 1954 bis 1962 führte Frankreich Krieg gegen Algerien, das Land kämpfte um seine Unabhängigkeit. Viele weitere afrikanische Kolonien wurden in den 1960ern von Frankreich unabhängig. Nach jahrzehntelanger Kolonialherrschaft standen viele der Länder vor zahlreichen Problemen. Die willkürliche Grenzziehung der Kolonialherren hatte Länder mit sehr heterogener ethnischer Bevölkerung geschaffen, von denen nun erwartet wurde, sich in einem aufoktroyierten, funktionierenden Nationalstaat zusammenzufinden. Prä-koloniale Gesellschaftsstrukturen waren zerstört, die Wirtschaft durch die koloniale Ausbeutung meist schwach und auf internationale Gelder angewiesen.

Vielleicht sollte Rochedy daran erinnert werden, dass die Kolonialpolitik seines Landes bis vor wenigen Jahrzehnten noch sehr darum bemüht war, aus Afrikaner_innen „richtige“ französische Bürger_innen zu machen – nach Sprache, Kultur, Kleidung, Erziehung und Verhalten. Frankreich und das „Französisch-sein“ wurden jahrelang glorifiziert und als erstrebenswert angepriesen. Da ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen aus den ehemaligen Kolonien nach Frankreich emigrieren möchten, insbesondere da die Lebensverhältnisse durch die ökonomische Ausbeutung des Kolonialismus und Neokolonialismus oft sehr schwierig sind. Und nun sollen diese Menschen im Mutterland Frankreich plötzlich nicht mehr willkommen sein?

M.P.

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