Verwischte Grenzen zwischen Staat und Gesellschaft

Indien ist die größte Demokratie der Welt, und obwohl sie seit Indiens Unabhängigkeit stabil ist, ist der Staat Indien noch ein relativ junger. Wie funktioniert dort die Demokratie? Wie funktioniert der Staat?

Akhil Gupta ist Anthropologe. Er geht auch bei der Erforschung von abstrakten Konstrukten wie dem des Staates von den Menschen aus. In mehreren Feldstudien (1984-1985, 1989) in Dörfern des nördlichen Indiens untersucht er die Strukturen der Dörfer, die Politisierung der Gesellschaft und ihre Konzeption und Konstruktion von Staatlichkeit an der Praxis und dem Diskurs von Korruption. Anhand von mehreren konkreten Beispielen, die anschaulich beschrieben werden, stellt Gupta in seinem Text „Blurred Boundaries“ von 1995 folgende Thesen auf:

1. Das oftmals zweischneidige Bild des Staates wird durch die Darstellung in den Massenmedien und durch die alltäglichen Erlebnisse mit den mittleren Beamten konstruiert.

2. Das Konzept des Staates als eine monolithische Einheit, die einer einzigen Logik folgt (z.B. rational-legal bürokratisch), ist ein westliches Konstrukt und für Indien nicht brauchbar.

Ein etwas anderes Verständnis von Korruption

Transparency International platziert Indien 2013 auf dem Korruptionswahrnehmungsindex auf Platz 94 von 175. Der Verein definiert Korruption klassisch als den „Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“, weiter konstatiert er: „Korruption verursacht nicht nur materielle Schäden, sondern untergräbt auch das Fundament einer Gesellschaft.“

Gupta hat einen etwas anderen Zugang zum Phänomen der Korruption. Für ihn formen die alltäglichen Begegnungen mit den korrupten Strukturen der Dörfer die Wahrnehmung von Staatlichkeit der Inder. Dabei ist zunächst einmal gar nicht wichtig, wie gut der „einfache Bürger“ mit diesen Strukturen zurechtkommt.

Das tägliche Erleben der korrupten Beamten

Durch das Bestechen und die Annahme bzw. das Verlangen von Bestechungen sind beide Seiten an der Korruption beteiligt und es ist schwierig, aus diesem Kreis auszubrechen. Gupta beschreibt in einem seiner Beispiele, wie gut die Kreisbeamten die Strukturen der ihnen untergeordneten Dörfer kennen und wie sie von ahnungslosen Bauern profitieren können. Hierbei wird auch deutlich, wie Korruption als „soziales Verhalten“ (wie dies auch Olivier de Sardan beschreibt) die Unwissenden ausgrenzt: Die geläufigen Bestechungsraten sind nirgendwo festgeschrieben und basieren auf mündlicher Weitergabe und persönlichem Verhandlungsgeschick, einer Art „performative competence“ (Gupta 1995: 381).

Die Chancen, durch Bestechung zu profitieren, sind größer, wenn sich Bürger zu Gewerkschaften oder Gemeinschaften zusammenschließen. Solche Gruppen haben sich oft mithilfe von Aktionen zivilen Ungehorsams eine große Macht auf Beamte angeeignet – so reicht eine kollektiv gesammelte Summe an Geld (oder eine Androhung von Blockaden) aus, um Ziele wie Wasserversorgung oder Reparaturen zu erreichen.

Bei all diesen alltäglichen Erlebnissen nimmt der Bürger die staatlichen Beamten als willkürlich und vor allem am eigenen Profit interessiert wahr. Sie trennen ganz offensichtlich nicht zwischen ihren Rollen als „public servants“ und „private citizens“ – ihre Beratungsstunden halten sie häufig in ihren Wohnhäusern oder Teestuben und ob jemand eine Zusage bekommt, hängt oft auch von Sympathie ab.

Politik in den Medien – zwischen Korruption und Kampagne

Neben diesen eigenen Erfahrungen ist laut Gupta für die Dorfbewohner der Kontakt mit den regionalen und nationalen Medien ausschlaggebend für ihre Wahrnehmung des Staates. Tägliche Schlagzeilen zu Korruption in allen Zeitungen des Landes (z.B. der Times of India) treffen nämlich auf die Wahlkampfkampagnen im Fernsehen, die die Congress-Partei als die Stimme der Armen präsentieren.

Die Schlussfolgerung der Bevölkerung (vor allem derer, die keine Zeitung lesen können): Korrupt sind die mittleren Beamten, die ihre feste Anstellung für private Zwecke nutzen! Die gutgemeinten Projekte des Congress versickern auf dem Weg „nach unten“. So wird hier differenziert zwischen mindestens zwei Arten von Offiziellen: Den lokalen, korrupten, Beamten auf der einen Seite und den Politikern, die es scheinbar gut meinen – aber nicht aus erster Hand erlebt werden, sondern nur durch die Medien.

Tatsächlich ist es so, dass Korruption alle Sphären der Politik und Gesellschaft durchdringt. Tagtäglich und offen kleine Summen von vielen Leuten einzusammeln ist natürlich viel sichtbarer, als große Summen von relativ wenig Leuten (die es sich zumeist auch leisten können) einzutreiben. Für die Aufbringung von Wahlkampfkosten entsteht eine regelrechte Kette von Korruption, bei der das Geld „nach oben“ fließt.

Insbesondere die Lokalzeitungen, die auf Hindi und anderen nicht-englischen Sprachen erscheinen, thematisieren häufig die Korruption auf lokaler Ebene. In der Darstellung in englisch-sprachigen, überregionalen Zeitungen wie der Times of India kommt die tatsächliche Korruptionspraxis Gupta zufolge zu kurz, und der „einfache Bürger“ wird der „korrupten Politik“ bzw. dem Staat einfach gegenüber gestellt. Eine Ergänzung wäre sinnvoll für eine differenziertere Wahrnehmung: Korruption gibt es auf jeder Ebene, Staat und Bürger bzw. Gesellschaft sind, vor allem auf dem Land, stark verflochten.

Staat vs. Gesellschaft – ein westliches Konstrukt?

Indien als junge, unabhängige Demokratie hat seinen Bürgern gegenüber eine besondere Verantwortung: Der Anspruch, dass die Selbstregierung durch das Volk nicht von Einzelnen missbraucht werden sollte, ist hier besonders empfindlich groß. Durch diesen Anspruch und den öffentlichen Diskurs über das Problem der Korruption – bzw. die schlechte Vereinbarkeit von traditionellen und modernen Strukturen (vgl. Schulz) – ist die Wahrnehmung und das Verständnis von Staat bei den Indern gewachsen. Hierbei ist nicht der springende Punkt, dass der Staat und seine Funktionäre im Gegensatz zur Gesellschaft stehen, sondern im Gegenteil, sie zu vertreten haben und sich nicht über sie stellen, um sich selbst zu bereichern.

Jondis Luise Schwartzkopff

Weiterführende Informationen zu Nordindien:

Touristeninformation: http://www.indianetzone.com/41/village_life_north_india.htm

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