Was wissen wir über den Rest? Und woher?

Diesen Sommer veröffentlichte der britische Video-Künstler Rob Withworth ein eindrückliches Video mit Aufnahmen aus der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang. Zu sehen ist eine atemberaubende, schnelle Kamerafahrt durch eine stolze und pulsierende Großstadt. Ab und zu bleibt die Kamera stehen. Zu sehen sind dann nicht etwa unterernährte Menschen mit schlechter Kleidung, wie es der dominante Nachrichtendiskurs über Nordkorea vermuten lässt, sondern freundliche, offene Gesichter und Kinder, die in einer Halfpipe skaten. Am Ende ist gar ein Lieferfahrzeug einer deutschen Logistikfirma im Bild zu sehen. Gewiss, die Bilder sind mit Vorsicht zu betrachten. Nordkorea ist eine Diktatur. Andersdenkende werden gefoltert und im Gegensatz zur nordkoreanischen Normalbevölkerung, die aus dem Land nicht ausreisen darf, durfte Withworth nach dem Dreh das Land wieder verlassen. Außerdem muss dem/der Betrachtenden klar sein, dass die Bilder einer Zensur untergangen sind. Was aber bleibt nach dem Anschauen des Videos, ist das Unbehagen ob der eigenen Vorurteile. Pjöngjang sieht nicht aus wie eine moderne, westliche Großstadt, sondern, wie in Kommentaren zu dem Video vermerkt wird, eher wie ein Dinosaurier des Kalten Krieges. Trotz allem, Withworths Bilder bunte und fröhliche Bilder brechen mit gemeinen westlichen Auffassungen über das Land.

Es drängt sich nicht nur die Frage auf, wie es in Nordkorea denn nun wirklich aussieht, sondern auch, wie unsere Wahrnehmung dieses Landes konstituiert ist. In Zeiten dauernder Medienexposition glauben wir zu wissen, wie es an anderen Orten der Welt aussieht. Aber wir vergessen dabei oft, dass wir unsere Bilder und Annahmen aus Medien entnehmen, die nicht neutral und objektiv sein können und eine eigene Logik der Informationsübermittlung haben.

Einer der Mitbegründer der Cultural Studies, der jamaikanische Soziologie Stuart Hall, beschäftigte sich mit jenen Prozessen der Wahrnehmung des Nicht-Westlichen durch den Westen. Er beschrieb die Dichotomie des „Westens und dem Rest“, einer konstruierten Weltordnung in der sich der Westen, der globale Norden, als überlegen und fortschrittlich darstellt. Auf dem Thron von Industrialisierung, Urbanität, Wissenschaft und Säkularisierung sieht der Westen alles Nicht-Westliche als weniger wertig und noch-nicht-westlich, also dem Verweis auf eine Möglichkeit zur Entwicklung nach westlichem Nexus. Hinzu kommt ein paternalistisches Verständnis von Weltgesellschaft, nach welchem der Westen die eigene Gewaltanwendung, Ausbeutung und ökonomische Herrschaft als natürlich ansieht. Mit dem Rückgriff auf Foucault und seine theoretische Arbeit zur Diskurstheorie, zeigt Hall, wie Wissen über die nicht-westliche Welt entsteht und so mächtig wird, dass es als das genuine Wissen angesehen wird. Dabei entdeckte er in empirischen Arbeiten, dass nicht-westliche Länder immer wieder als die erst vom Westen „entdeckten Länder“ dargestellt werden. Dort lebende Menschen werden als naturverliebt und glücklich in Einfachheit lebend dargestellt, woraus sich der zweite dominante Diskurs über nicht-westliche Länder ergibt – die vermeintliche Primitivität der dort lebenden Menschen. Das Ur-Problem sieht Hall darin, dass der Westen nicht in der Lage ist, eine andere Sozialstruktur als die seine adäquat zu erfassen und komplexe kulturelle Systeme zu verstehen. Deshalb wird der westliche Blick pauschalen und weniger komplexen Annahmen über das „das Andere“ vereinfacht, was zu einer dramatischen Verzerrung des tatsächlichen Bildes in den betrachteten Regionen führt. Zur Lösung dieses Problem und zur angemessenen Repräsentation von Menschen aus der nicht-westlichen Welt (wobei auch die Repräsentation westlicher Menschen oft einem klaren Bild folgt – ökonomisch gesichert, gebildet, weiß, heterosexuell, rational, effizient), fordert er, kulturelle Identitäten zu dekonstruieren, sie offenzulegen anstatt immer nur wieder Bilder über sie zu reproduzieren.

Vereinfachende und abwertende Diskurse über die nicht-westliche Welt finden sich auf allen Ebenen. In einer Broschüre zur kritischen Entwicklungsarbeit vom Berliner Verein Glokal e.V. wurden Berichte von non-profit Auslandseinsätzen gesammelt und kritisch untersucht. Neben der ständigen Betonung von Extremen im „Entwicklungsland“ wie extremer Armut oder extremen hygienischen Verhältnissen, findet sich immer wieder die Erotisierung des Gesehenen. Wie schon Stuart Hall beobachtete, findet sich immer wieder die Beschreibung von Naturliebe, Familiensinn und Leidenschaft – und der entsprechenden Gegensetzung zum westlichen rationalen Ideal. Diese festgezurrten Bilder des Globalen Südens entstehen oft über den medialen Diskurs im Globalen Norden. Der Schweizer Mediensoziologe Kurt Imhof konnte in den vergangenen Jahren zwar einen Rückgang der geostrategisch orientierten Berichterstattung über den Globalen Süden feststellen, sieht aber zwei neue Muster. Zum einen ist seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nahezu die gesamte muslimische Welt in den Verruf geraten, von Gewalt und Terror durchzogen zu sein. Zum anderen nimmt die Tiefe der Berichterstattung über den Globalen Süden immer weiter ab. Die privatwirtschaftliche Presse in Europa steht aufgrund der digitalen Wende des Journalismus unter einem enormen Kostendruck. Dadurch leidet die Qualität der Berichterstattung und diese verfällt oft in Muster, die bereits von Stuart Hall identifiziert wurden – der Globale Süden wird als Arm, krisenanfällig und weniger entwickelt als der Globale Norden dargestellt

Doch wollen wir uns im Globalen Norden nicht als passive Medienkonsument_innen verstehen, müssen wir selber aktiv werden und Alternativen suchen. Unsere eigenen eventuell vorurteilsbehafteten Bilder können wir selber herausfordern. Die von Imhof erwähnte digitale Revolution des Journalismus führt zu einem Qualitätsverlust auf der einen Seite, auf der anderen aber zu einem Gewinn an Diversität. Das Internet bietet jedem Menschen mit entsprechendem Anschluss die Möglichkeit, selber aktiv zu werden und eigene Geschichten ins Netz zu stellen. Das passiert beispielsweise im weltweit wachsenden Grassroot-Journalismus. Menschen aus dem Globalen Süden verschaffen sich selber Gehör, indem sie eigene Artikel schreiben und so auch auf Probleme verweisen, die vom herrschaftlichen Diskurs vernachlässigt werden. Das verschafft nicht nur Empowerment im lokalen politischen Geschehen, sondern kann Nachrichten zeigen, die durch den traditionellen Journalismus vernachlässigt werden. Ein Beispiel für lokalen Grassroot-Journalismus ist die kenianische Website Mzalendo (Mzalendo.com). Auch die Sozialen Medien wie Facebook und Twitter haben einen ähnlichen Effekt. Sie bieten einen Raum zum Austausch von Ideen und Geschichten. Teilweise wird der Zugriff auf diese Websites verhindert oder manipuliert. Aber genauso wie Menschen in Deutschland Wege finden Copyright-Sperren für Filme, Musik und Co. zu überwinden, gibt es auch Möglichkeiten striktere staatliche Einschränkungen des Internets zu umgehen.

Wer sich nicht auf die Reise durch das Internet begeben kann oder keine Zeit hat, sich durch Blogs und Twitter-Hashtags zu wühlen, kann auch auf Nachrichtensender und (Online-)Zeitungen zugreifen. Nachrichten aus dem Nahen Osten haben auf Al Jazeera eine andere Note als auf CNN und auch über die Fußball-WM 2014 wurde in brasilianischen Medien ganz anders berichtet als bei ARD und FAZ. Verstehen wir uns als Weltbürger_innen, dürfen wir nicht nur verlangen, dass sich Mediendiskurse ändern, andere Prioritäten gesetzt werden, wir müssen auch selber aktiv werden und Alternativen zu den vermeintlich objektiven westlichen Nachrichten suchen.

P.G.

 

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