Der amerikanische Doppelkontinent und die Karibik

Als Kolonialismus bezeichnet man eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, in der die zentralen Entscheidungen über das Leben der Kolonisierten durch eine kulturell verschiedene und nicht anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren beschlossen werden. Die Kolonialzeit erklärt in großem Maße die gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Ländern. Außerdem argumentieren einige Leute, dass die aktuelle schlechte Lage einiger Staaten die Folge einer brutalen Kolonialzeit ist. Janna Thompson (Philosophieprofessorin an der La Trobe Universität), unterstützt von anderen Theoriker_innen und Philosoph_innen, behauptet sogar:

‘If harm has been done in the past by states, deliberately or through negligence, to individuals of other states or their social and political institutions, then justice requires that some kind of compensation is due to them especially if the effects of that injustice are still present’ (Thompson 1992: 79).

Kolonialismus ist folglich noch heutzutage ein relevantes und umstrittenes Thema.

In dem Kapitel „Die Amerikas“ aus dem Buch Kolonialismusbeschreibt Andreas Eckert die historische Lage in den Amerikas vor, während, und nach dem europäischen Kolonialismus. Dazu analysiert er die wesentlichen Gründe für eine derart schnelle Expansion der Europäer_innen, die Ursachen für den Handel mit Sklav_innen für den amerikanischen Kontinent, und die Fusion zwischen spanischen Kolonisator_innen und Indigenen. Dieser Blogartikel analysiert die wesentlichen Ideen dieses Kapitels.

Lateinamerika und Nordamerika werden gewöhnlich getrennt voneinander betrachtet. Zu offenkundig erscheinen zumindest heute trotz deutlicher politisch-ökonomischer Verbindungen die Unterschiede der beiden Teilkontinente. Der Norden ist im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts zur Weltmacht und zur führenden Industriemacht aufgestiegen. Die heutigen lateinamerikanischen Staaten werden in ihrer Mehrzahl hingegen mit labilen Demokratien, Armut, Wirtschaftskrisen und Gewalt assoziiert. Doch obgleich Amerika in seiner Gesamtheit weder historisch noch aktuell als kohärente Weltregion bezeichnet werden kann, teilten Norden und Süden des Kontinents doch eine Gemeinsamkeit: dass sie von Europäer_innen als ‚Neue Welt‘, als ‚Las lndias‘, ‚Westindien‘ oder später ‚Amerika‘ verstanden wurden.

Vor der Ankunft der Europäer_innen 1492 gab es in Amerika eine beachtliche kulturelle, sprachliche und religiöse Vielfalt sowie höchst unterschiedliche Gesellschaftsformen. Im mittleren Andenraum zum Beispiel erstreckte sich der Herrschaftsbereich der Inkas über tausende von Kilometern. In Yucatan und den angrenzenden Regionen hatten die Maya große Stadtstaatensysteme mit einer stark gegliederten Gesellschaftsordnung ausgebildet. Es gab einige Großstädte mit 100.000 oder sogar mehr Einwohner_innen, Tenochtitlan-Mexico ist ein gutes Beispiel dafür. Insgesamt weiß man nicht genau, wie viele Menschen im präkolonialen Hispanoamerika lebten. Neue Berechnungen gehen von ungefähr 35 bis 45 Millionen Menschen aus, wobei sich die Bevölkerung im Kontinent extrem ungleich verteilte.

Die europäische ‚Entdeckung‘ der Amerikas fand am 12. Oktober 1492 statt. Eine spanische Expedition, die von Christoph Kolumbus geführt war, überquerte den Atlantik und kam zum ersten Mal nach Amerika, spezifisch auf die Bahamas. Die ‚Entdeckung‘ wurde in Europa als die Existenz der ,Neuen Welt‘ angekündigt und sollte den Verlauf der Geschichte des Westens radikal verändern.

Portugal wurde zur ersten europäischen Kolonialmacht mit Kolonien in Südamerika, Afrika und Asien. Auch Spanien betrieb nach dem Ende der Reconquista eine exzessive Expansionspolitik, so eroberten die Spanier_innen beinahe ganz Mittel- und Südamerika (außer das portugiesisch beherrschte Brasilien) und gründeten Kolonien. Unter Kolonie versteht man ein auswärtiges abhängiges Gebiet eines Staates ohne eigene politische und wirtschaftliche Macht.

Die spanische Herrschaft blieb zunächst aber ein gutes Jahrzehnt auf die Karibikinsel Santo Domingo beschränkt. Dann wurden in rascher Folge die anderen Inseln der Großen Antillen unterworfen. Die Eroberung des amerikanischen Festlandes setzte 1519 bis 1522 mit der Eroberung des Aztekenreiches durch Hernan Cortes ein. 1532 bis 1534 zerschlugen die Brüder Francisco und Gonzalo Pizarro das lnkareich. ln den darauf folgenden Jahren besetze Spanien auch die Regionen nördlich von Peru sukzessive. In einigen Teilen Südamerikas, etwa in den von halb sesshaften oder nomadischen Gesellschaften bewohnten Teilen Nordmexikos, im südlichen Südamerika oder im Tiefland Amazoniens konnte sich Spanien aufgrund der einheimischen Gegenwehr weniger schnell durchsetzen. Die spanische Eroberung erzielte besonders in jenen Regionen rasche und umfassende Territorialerfolge, wo sie an die Kolonisierungserfolge einheimischer Gesellschaften anknüpfen konnten. Dies gilt insbesondere für die Herrschaftsbereiche der Inka und Azteken.

Ursachen für eine solche schnelle Expansion waren:

  1. Technische und taktische Superiorität, d.h. bessere Panzerung und Bewaffnung.
  2. Pferde und Bluthunde, mit denen sich die Kolonisierenden besser fortbewegen konnten.
  3. Inner- und interethnischen Konflikte; während die Conquistadores immer zusammen kämpften, gab es deutliche Trennungen und Divisionen zwischen den verschiedenen indigenen Gruppen. Die mangelnde Einheit wurde von den spanischen Truppen ausgenutzt.

Während der spanischen Invasion und Kolonisation sank dagegen die Bevölkerung der Indigenen rasant. Die Gründe dafür waren die folgende:

  1. Viele starben durch Kämpfe mit den Spaniern.
  2. Durch Versklavung in den Gold- und Silberminen, auf den Plantagen, beim Perlentauchen sowie bei anderen Formen der Zwangsarbeit wurden weitere Teile der lokalen Bevölkerung umgebracht.
  3. Die von Europäern eingeschleppten Krankheiten wie Pocken, Masern Grippe, Typhus, Lungenentzündung und Gelbfieber töteten viele: die meisten Historiker_innen sehen diese als die zentrale Ursache für den massiven Bevölkerungseinbrunch.
  4. Ernährung: die zwangsweise Umstellung der Ernährungsgewohnheiten sowie die Reduzierung der Agrarflächen für einheimische Produkte durch die Eingeführung von Weizen, Wein und Zuckerrohr starben weitere indigene Gruppen. Darüber hinaus beschnitt die Einfuhr europäischer Nutztiere die Ernährungsgrundlage vieler Indios zum Teil dramatisch.

Wie wohl kein anderer Teil der Welt wurde Lateinamerika während des Prozesses der europäischen Expansion tief greifend transformiert. Allerdings sollte man sich diese Transformationsprozesse weder als gleichförmige noch als gleichzeitige Entwicklungen vorstellen. Die spanische Kolonialherrschaft griff systematisch und durchdringend in die Gesellschaft und Kultur der unterworfenen Gesellschaften ein und führte direkt oder mittelbar überall zu massiven Umwälzungen der ökologischen, demographischen, religiösen, sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnisse. Als Beispiel dafür drängten bald Angehörige des Ordensklerus, in der ersten Phase vor allem der Mendikantenorden, später besonders die Jesuiten in die ‚Neue Welt‘, um unter den Einheimischen das Christentum zu verbreiten.

Das spanische Reich stand besonders wirtschaftlich mit anderen Kolonialmächten in Konkurrenz. Die spanische Krone verstand, dass die koloniale Wirtschaft grundlegend für den Herrschaftsanspruch des spanischen Großreichs war. Die spanische Krone führte deshalb eine Politik der Besitznahme und Besiedlung der eroberten Gebiete, die sie zu Exportproduzenten machte. Damit wurden die Kolonien zu Lieferanten von Edelmetallen und Agrargütern. Die Krone litt allerdings bald darunter, dass Waren und Edelmetalle zunehmend an den Steuerbehörden vorbeigeschleust wurden. Um das koloniale Wirtschaftssystem am Laufen zu halten, versuchten die Kolonisierenden einerseits, die einheimischen dörflichen Ökonomien partiell in die neuen kolonialen Märkte zu integrieren, ohne direkt in die Produktionsformen einzugreifen. Andererseits wurden Arbeitskräfte aus den ländlichen Gesellschaften mittels gesetzlicher Vorschriften, oft auch mit Gewalt, abgezogen. Die spanischen Kolonisierenden versuchten den Mangel an einheimischen Arbeitskräften durch die Einfuhr von afrikanischen Sklav_innen zu kompensieren. Zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert wurden rund eine Million Menschen aus Afrika nach Hispanoamerika zwangsverschifft.

Es kam in der Folge zu einer erzwungenen Fusion zwischen spanischer Siedlungskolonisation und indigener Ordnung. Denn die Spanier_innen konnten sich angesichts ihrer geringen Zahl auf Dauer nur etablieren, wenn sie mit den Führungsschichten der einheimischen Gesellschaften zumindest ansatzweise kooperierten und ihnen einige Privilegien zugestanden. Die Kinder von Spanier_innen und Indigenen hatten es dabei besonders in der Anfangsphase außerordentlich schwer, weil sie weder von der einen noch von der anderen Seite akzeptiert wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich aber gerade aus so genannten ‚Mestizen‘ eine Art kulturelle Mittelschicht, die gezielt ihre Möglichkeiten nutzte, je nach Kontext unterschiedliche soziale Rollen zu spielen, die man etwa durch Kleidung, Wohnverhältnisse, Ernährung, Sprache und andere Facetten des Alltagslebens bewusst akzentuieren konnte.

Aber es waren nicht nur die Europäer_innen, die beeinflussten. Amerika hat auch eine wesentliche Rolle in der zukünftigen Entwicklung Europas gespielt. Von Beginn der europäischen Expansion an hat Amerika überdies immer auch die Verhältnisse und Strukturen in den übrigen Kontinenten mit geprägt, beispielsweise durch die Neuorientierung internationaler Handelsströme infolge der nach Europa und Asien fließenden Edelmetalle, durch die Ausbreitung amerikanischer Produkte und Pflanzen in andere Weltregionen sowie durch die Beeinflussung vieler Sprachen mit amerikanischen Begriffen.

A.F.

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