Verhext – verwünscht – verflucht? Die westliche Konzeption der afrikanischen Religion im Bezug auf Ebola

Mit der Kolonisierung wurden nicht nur die Grenzen der Staaten in Afrika gezogen, sondern auch die Grenze zwischen Politik und Religion. Die Vorstellung, dass beide absolut getrennte Bereiche darstellen, und dass letztere dem Privatbereich angehöre, ist so tief in dem westlichen, „aufklärerischen“ Denkmodell verwurzelt, dass diese Trennung gar nicht in Frage gestellt wird. So werden unsere sogenannten säkular-demokratischen Normen, die jedoch auf einer elementaren Ebene aus christlichen Werten bestehen (Hurd 2004), zur Begründung einer nicht nur kulturellen Überlegenheit, sondern auch einer legitimen Einmischung in vielen anderen Bereichen. Doch wie interagieren diese westlichen Ideen von Säkularisierung mit den (Miss-)Konzeptionen von Afrika in einer Situation wie der Ebola-Hysterie? Dies kann man heutzutage ganz einfach an dem Porträt des afrikanischen Subjekts beobachten, das die omnipräsenten Medien, von Fernsehen, Radio und Zeitungen bis Internet, im Alltag zirkulieren lassen. Ohne die Gefahr Ebolas herunterspielen zu wollen, wirft die mediale Auseinandersetzung mit der Krankheit Fragen nach Werten, nach Normen und Interpretationen auf, die auf stereotypische Darstellungen zurückgreifen und so Appell an Urängste vor dem „Anderen“ machen.

Wichtig ist zuerst, dass die Begriffe der Religion und der Macht definiert werden, sodass man Unterschiede zwischen westlichen und nicht-westlichen Interpretationen ausmachen kann. Laut Stephen Ellis und Gerrie ter Haar (sowie aktuellerer Artikel von 2013 im Routledge Handbook of African Politics) ist die westliche Definition von Religion auf europäischen Soziologen basiert. Im Gegensatz dazu verfassen sie eine Erklärung der Religionskonzeption, als Glaube an eine unsichtbaren Welt, die verschieden, jedoch nicht separat von der sichtbaren ist, und die spirituelle Wesen mit Kräften über die materielle Welt beheimatet. Die westliche Interpretation, die viel restriktiver ist, indem sie die säkularisierte Macht von der Religion trennt, beschreibt den afrikanischen Glauben als „magische“, „abergläubische“ Praktiken, und verleiht ihr so einen minderwertigen moralischen Wert, dem eine lange historische Entwicklung zugrunde liegt. Wie Stephen Ellis und Gerrie ter Haar zeigen, ist diese Konzeption von der Trennung zwischen staatlicher Macht und Religion in einem westlichen Diskurs verankert, dessen Wurzeln bis zur Antike reichen. So analysieren sie die Verwendung von „religio“ und „superstitio“, deren Bedeutungen, noch immer unser heutiges Weltbild prägen und in zwei Zonen einteilen: die der richtigen, „echten“ Religion und die der geringeren, „magischen“ Bräuche, die von „fragwürdigen“, wenn nicht „gefährlichen“ Oberhäuptern ausgeübt werden.

Die abwertende Konnotation des Wortes Aberglaube ist erhalten geblieben, und wird leider immer wieder regelmäßig im Bezug auf Afrika benutzt; zum Beispiel in Verbindung mit Ebola:

Superstition about ebola does not help. Many do not believe the disease is real, and conspiracy theories are running wild.

Diese Aussage beschreibt jedoch nicht nur einen gegebenen Zustand, sondern enthält einen performativen Charakter, und verweist so auf die handlungspraktische Ebene der Sprache, die die soziale Wirklichkeit formt und zum Diskurs des „unterentwickelten“ Kontinents beiträgt. Worte sind nicht neutral, wie die Historikerin Scott Wallach (1986) betonte:

Those who would codify the meanings of words fight a losing battle, for words, like the ideas and things they are meant to signify, have a history.“

Und das ständige Benutzen solcher abgegriffenen oder auch neuen Konzepte wird das Problem der Ebola-Epidemie nicht lösen. Ohne bestreiten zu wollen, dass verschiedene religiöse Glauben zu grausamen Handeln führen können, ist es eine grundlegend falsche Herangehensweise, den afrikanischen Kontinent als „verhexten“, und „rückständigen“ Kontinent zu porträtieren, nur weil die westlich-säkulare Vorstellung der richtigen Weltordnung als perfektes Schema nicht auf diesen Kontinent (unter anderem) passt. Doch das ist leider genau, was in den heutigen Medien stattfindet. Dadurch, dass man „lokalen Volksglauben“ über Ebola in den Mittelpunkt stellt, und so immer häufiger die Rede von Verschwörungstheorien der „ignoranten Afrikaner“ ist, wird ein anhaltender postkolonialer Rassismus gefördert.

Wir werden mit Artikeln überhäuft, die eine „sture“ Bevölkerung von AfrikanerInnen darstellt, die sich weigern, medikamentös behandelt zu werden und sich hartnäckig an ihre traditionelle Riten halten, um auch die Toten zu begraben, die an Ebola gestorben sind und so durch erhöhten Kontakt größere Gefahr laufen, sich anzustecken. Doch würden wir nicht auch skeptisch auf die Ärzte reagieren, die scheinbar keine effektiven Heilmittel bringen? Wer würde nicht angesichts einer solchen Verbreitung der Epidemie panisch reagieren und dem Fremden gegenüber misstrauisch sein? Es wäre nicht das erste Mal, dass dieser zum Verhängnis werden würde… Dadurch, dass Afrikaner als „Primitive“ dargestellt werden, wird impliziert, dass sie einen großen Teil der Schuld an der Verbreitung der Krankheit tragen, was darauf hinausläuft, den Kontinent als verflucht und hoffnungslos zu bezeichnen. Ebola ist die Fleischwerdung der Angst vor der Ansteckung des „Anderen“ in der Form einer exotischen Krankheit, die man versucht, mit disziplinarischen, biopolitischen, sogar militärischen Mitteln zu bekämpfen.

Denn das (Miss-)Verständnis, dass die Politik von Religion getrennt ist, erstere öffentlich und letztere privat, vernachlässigt nicht-westliche Erkenntnistheorien und trägt zur Legitimation von politischen Handlungen bei, die einen fundamental rassistischen Unterton haben. Die Quarantäne-Maßnahmen, die Flugverbote sowie die Diskriminierung an Flughäfen machen den Körper und deren Farbe zum Schlachtfeld eines Krieges gegen die Epidemie. Wobei dies Ebola vielleicht vorübergehend auf einen Kontinent eingrenzt, wird es eher gravierendere Konsequenzen mit sich bringen, als eine langzeitige Lösung zu bieten. Denn die Art und Weise, wie Leute bei einer Schwarzen Person reagieren, ist erschreckend und zeigt, wie schnell Furcht und Hass in Zeiten der Krise wieder alte, vergessen geglaubte Urängste aufgreift und die Mauer zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“ in ihrer materiellen Wirklichkeit wachsen lässt.

Man tut genau das, wovor Hurd (2004) gewarnt hat: man schließt Gruppen, die dem westlichen Denkmodell widersprechen, aus einem möglicherweisen konstruktiven Dialog aus, da sie die Trennung zwischen dem Säkularen und Heiligen in Frage stellen. Dies kann, so Hurd, zu einer Gegenreaktion der Befürworter nicht-säkularer Alternativen führen, sowie zur Verkennung neuer Ansätze im Verhältnis von Religion und Politik. So muss man laut dem postkolonialen Autor Chakrabarty (2000), das säkulare Weltbild als eines von vielen ansehen und nicht-westliche Weltanschauungen als ihre äquivalenten Gegenparte beachten. Des Weiteren, argumentiert der Soziologe Lemieux, gegen diese „repräsentationalistische“ Soziologie, die mit einer von Rationalismus und Säkularisierung stark geprägten, paternalistischen Art und Weise die Dynamik des Glaubens missinterpretiert. Laut ihm bietet die „pragmatische Soziologie“, die sozio-ökonomischen Faktoren mit den religiösen verbindet, eine der Realität gerechtere Darstellung. Macht, Religion und Politik muss man auch als verzweigten Komplex verstehen können, indem man der Religion mehr Einfluss anerkennt und in dieser Denkweise auch formelle Akteure als politische Mitspieler berücksichtigt. So schlägt New York Times Kolumnist Nyhan aufgrund der positiven Ergebnisse im Kampfes gegen Kinderlähmung in Nigeria vor, mehr lokale Akteure, wie Imame und lokale Oberhäupter in die Informationsverbreitung über Ebola und ihrer Bekämpfung mit einzubeziehen. In dieser Logik könnten dann religiöse Praktiken mit adäquater, medizinischer Versorgung verbunden werden, ohne dass man die Betroffenen entwürdigt. Diese kritischen Ansätze könnten endlich zu anwendbaren, politischen Entwürfen entwickelt werden, die auch eher von der lokalen Bevölkerung akzeptiert werden würden.

Charline Kopf

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