Race-Making and the Nation-State

Die biologische Herkunft der „Rasse“ war die Grundlage des „wissenschaftlichen“ Rassismus des 18. und 19. Jahrhunderts; der Glaube, dass die Menschheit nach bestimmten physischen und anthropologischen Merkmalen in verschiedene Gruppen geteilt werden könnte, hat zur Entstehung von rassistischen und blutigen Systemen geführt. Auch wenn diese in der Gegenwart nicht mehr existieren, haben sie Strukturen zurückgelassen, die, wie Edward Said bestätigt, noch lebendig sind und unsere kollektiven Denkweisen und Standpunkte prägen.

In seiner Abhandlung „Race-Making and the Nation-State“ ist es Anthony Marx´ Ziel, die „Rasse“ als konstruierten und nicht naturgegebenen Begriff vorzustellen. Die Schaffung des Begriffs der „Rasse“ sieht er in Zusammenhang mit der Geburt des Nationalismus. Drei Staaten werden als Beispiel genommen, und zwar die USA, Südafrika und Brasilien. Der Verlauf von „Rassenbildung“ wird in diesen drei verschiedenen Kontexten analysiert um zu zeigen, dass der Rassenbegriff instrumentalisiert wird, um einen Staat von getrennten Gesellschaften zu vereinigen.

Rassen“-Diskriminierung herrschte in allen diesen Staaten, aber nach der Abschaffung der Sklaverei führten die Politiken der verschiedenen Staaten zu unterschiedlichen „Rassen“-Ordnungen. Die unterschiedlichen Erfahrungen der Staaten in Bezug auf „Rassen“-Diskriminierung und -Segregation sind eine Folge der verschiedenen historischen Hintergründe der einzelnen Gesellschaften. In Südafrika und in den USA waren die „Jim Crow“ Gesetze und die Apartheid als Reaktion zur Herausforderungen der Staatsbildung etabliert worden. Spannungen zwischen den Weißen und deren Beziehungen zur Schwarzen Bevölkerung und SklavenInnen waren einige der Gründe, die zu Konflikten innerhalb der USA und Südafrika geführt hatten.

Die Reibereien über die Behandlung der Schwarzen in den USA verschlimmerten die Spannungen zwischen den SüdstaatlerInnen und die UnionistInnen im Norden, die diese sowie die politische Belange der Union betrafen. Immer mehr NordstaatlerInnen befürworteten in den 1850er Jahren die Abschaffung der Sklaverei, aus moralischen Gründen aber auch um freie weiße Arbeit zu schützen, denn der Wettbewerb mit Sklavenarbeit schadeten ihr. Weiße SüdstaatlerInnen lehnten diese Reformen ab, weil eine Begrenzung der Sklaverei ihre Institutionen zum Tod verurteilt hätte.

Aus Sicht des Südens ging es in dem Konflikt nicht primär um die Sklavenfrage, sondern um die Rechte der Einzelstaaten gegenüber dem Bund. Nach Meinung der Südstaaten verletzten die Nordstaaten mit ihrem Angriff auf die Sklaverei ein Recht, das von der Verfassung geschützt war, so bliebe dem Staat als legitimer Ausweg die Sezession. Nach den Unionisten in den Nordstaaten bestand ein solches Recht auf Sezession in einer Demokratie nicht. Das Ergebnis war ein regionaler Konflikt zwischen 1861 und 1865, der nur mit der Ablehnung der Rechte der Schwarzen seitens der UnionistInneen im Norden, nach einer Phase politischer und wirtschaftlicher Wiedergliederung, eine Ende fand.

Ähnliche Spannungen zwischen den alten holländischen Kolonialisten (die Buren) und den neuen britischen Kolonialisten hatten zum Ausbruch der Burenkriege 1880-1881 und 1899-1902 in Südafrika geführt, auch in diesem Fall war eine erhöhte Diskriminierung der Schwarzen die Lösung der Konflikte. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Briten und Buren war schon von Anfang an unruhig; als 1795 Großbritannien die Kapkolonie von den Holländern übernahm und die englischen Siedler begannen Reformen einzubringen, die die Identität und den ökonomischen Status der Buren bedrohten.

Großbritannien gestand den Buren 1852 das Recht auf Selbstregierung zu und die Transvaali-Republik und der Oranje-Freiestaat wurden gegründet. 1877 annektierte aber Großbritannien Transvaal wieder und der Unmut der Buren über die britische Verwaltung wuchs, die Briten richteten eine legislative Kammer in Pretoria ein, in der ausschließlich die britische Gemeinschaft vertreten war. Schließlich gingen die Briten noch dazu über, die ausstehenden Steuerschulden durch Konfiszierungen einzutreiben. Am Anfang entschieden sich die traansvalischen Buren für eine Politik des passiven Wiederstandes, aber im Dezember 1880 brach der erste Burenkrieg offen aus. Die britische Regierung kam am 6. März zu einer Waffenruhe, die aber nicht dauerhaft war.

Die Entdeckung von Gold 1886 verursachte einen massiven Zustrom von Ausländern an der Grenze mit dem Oranje-Freistaat und die Anzahl von sogenannten Uitlandern übertraf fast die der Buren. Das führte zu Spannungen und Konflikten über die Rechte der beiden Bevölkerungsgruppen und 1888 brach der zweite Burenkrieg aus. Der Krieg endete im Mai 1902, die Endfriedensverhandlung beruhte auf der Annahme der britischen Oberhoheit, auf Versprechungen von lokaler Selbstregierung, und wesentlich auf der Verbindung von Briten und Buren gegen die Schwarzen. Die Buren schafften es, die Macht des englischen Reichs in Frage zu stellen. Großbritannien erlitt riesige Verluste in den zwei Kriegen, und konnte die Buren nur schwer überwältigen. Die südafrikanische Gesellschaft war noch nach dem Krieg innerlich getrennt, und war von der schwierigen Beziehung zwischen alten und neuen Kolonisatoren geprägt.

Die Buren und die SüdstaatlerInnen waren für die jeweilige Zentralstaaten gefährlicher als die Schwarzen, die nicht so organisiert waren, und aufgrund von früherer Diskriminierung einfacher isoliert werden konnten und deren Ausgrenzung ein Mittel zur Beruhigung der SüdstaatlerInnen und Afrikaaner sein könnte. In den USA und in Südafrika wurde derselbe Grund des Kriegs zur Befriedung benutzt: die Identifizierung eines gemeinsamen Feindes und der Ausschluss der Schwarzen Bevölkerung führte zur Schaffung einer Weißen Einheit. Der potentiell dreiteilige Konflikt wurde in eine Dichotomie von Schwarz gegen Weiß verwandelt.

Im Gegensatz zu den Politiken, die von den USA und Südafrika adoptiert wurden, strebte Brasilien nach einer Politik der „racial democracy“, das hieß, dass der Staat nach der Abschaffung der Sklaverei eine Politik der formellen Gleichheit zwischen Schwarzen und Weißen forderte. Die historischen Grundlagen dieser Entscheidung können in der Instabilität der portugiesische Regimes gefunden werden. Die Flucht der portugiesischen Königsfamilie 1808 nach Brasilien verursachte Spannungen in Brasilien sowie in Portugal, als beide Länder der Machtvollkommenheit des Königs entgegenstanden und Portugal den neuen Status Brasiliens als gleichwertiges Königreich ablehnte. Diese labile politische Situation zusammen mit der Erfahrung des amerikanischen Sezessionskriegs führte zur Vermeidung der portugiesischen „Rassen“-Diskriminierung. Das Ziel war es, den Nationalstaat zu vereinigen ohne formelle Ausgrenzungen, die gefährlich für das Regime hätten sein könnten. Brasilien war jedoch nicht frei von Diskriminierung, diese wurde nur nie formalisiert. Die Interessen der Weißen waren durch informelle Diskriminierung geschützt, zum Beispiel war das Durchschnittseinkommen der Weißen zwischen 1960 und 1976 das Doppelte der „Nichtweißen“ (d.h. der Schwarzen und Kinder Schwarzer und Weißer Elternteile).

Brasilien konnte die Privilegien der Weißen informell durch die Abschaffung des offiziellen „Rassen“-Diskurses beibehalten. Das historische Vermächtnis von Diskriminierung wurde durch eine offensichtliche Politik der Gleichheit gefördert, die aber kein konkretes Ergebnis produzierte. Die scheinbare Förderung der Einheit des Volks wurde durch den rhetorischen Diskurs der „racial democracy“ unterstützt und so wurde einem Protest der AfrobrasilianerInnen der Wind aus den Segeln genommen: da die theoretische Gleichheit erreicht worden war, fehlten ihnen die Gründe eines systematischen Protests.

In allen drei Fällen war – so Marx‘ Fazit – der Begriff der „Rasse“ von den Staaten konstruiert und manipuliert worden, um Weiße Privilegien zu sichern und einen Nationalstaat aufzubauen. In den USA und in Südafrika wurde eine Politik der Diskriminierung umgesetzt, um den Zusammenhalt zwischen den sich bekämpfenden Teilen der Weißen Bevölkerung zu fördern. Die Abgrenzung der Schwarzen wurde in diesem Sinn befolgt, um die Selbstidentifikation der Weißen als eine einzige Gruppe durch die Bestätigung ihrer Vorherrschaft über die Schwarzen zu fördern. In Brasilien wurde, ganz im Gegenteil, der formelle Begriff von „racial democracy“ benutzt, um die Beständigkeit der „Rassen“-Diskriminierung auf der formellen Ebene zu verbergen und um afrobrasilianische Proteste zu vermeiden.

Biologie hat wenig mit Rassismus zu tun: es ist der Staat, der seine Bevölkerung als „Schwarz“, „Mulatte“, „Coloured“, „Indisch“ oder „Weiß“ bezeichnet, er kann diese Begriffe manipulieren und verwandeln um seine Ziele zu erreichen. Diese Bezeichnungen führen aber zur Herstellung von Strukturen, die schwierig zu beseitigen sind. Der Staat kann leichter verschiedene „Rassen“ hervorbringen, als sie zu zerstören.

A.P.

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