Der Weg in die koloniale Unabhängigkeit – Indien

Der Unabhängigkeitskampf Indiens ist einer der bekanntesten Wege kolonialer Staaten in die Unabhängigkeit. Mahatma Gandhi steht heute weltweit für den friedlichen Widerstand, doch was wissen wir eigentlich außerhalb Gandhis über die Geschichte des indischen Unabhängigkeitskampfes?

In Indien gab es seit dem 17. Jahrhundert europäische, vor allem britische, aber auch französische Handelsniederlassungen. Mitte des 18. Jahrhunderts kam es durch politische Fragmentierung der indigenen Bevölkerung zu gewaltsamen Machtkämpfen durch die sich die europäischen Händler zunehmend bedroht sahen. 1757 begannen die Vertreter der englischen Handelsniederlassungen deswegen eine Form der indirekten Kolonialherrschaft zu errichten. Mitte des 19. Jahrhunderts sicherten sich die Briten die militärische Dominanz in Indien. 1857 brach ein Aufstand der indigenen Bevölkerung gegen die britische Kolonisationspolitik aus. Dies änderte die britische Kolonialpolitik in Indien: Die britische Handelsgesellschaft wurde aufgelöst und in Indien wurde eine Form der direkten Herrschaft aufgebaut. Ein britischer Vizekönig wurde oberster Verwalter des Landes. Es folgte die zunehmende Bürokratisierung: Provinzen wurden gebildet und ein Beamtenapparat etabliert, der fast ausschließlich aus britischen Siedlern bestand.

1885 wurde durch die Initiative eines Engländers eine Plattform für gebildete Inder zur Teilhabe am politischen Diskurs gegründet: Der Indische Nationalkongress (INC). Ein Mal im Jahr traf sich hier eine Gruppe indischer Intellektueller, hielt Reden und diskutierte über Kolonisationspolitik und politische Beteiligung der indigenen Bevölkerung. Entgegen der eigentlichen Intention seiner Gründung, nämlich der Förderung der Zusammenarbeit zwischen Indern und Briten, entwickelte sich innerhalb des Kongresses schnell die Forderung nach kolonialer Unabhängigkeit. Die britische Kolonialregierung versuchte der wachsenden indischen Unabhängigkeitsbewegung durch die zunehmende bürokratische Trennung der ethnischen und religiösen Gruppen entgegen zu treten. Besonders deutlich wurde das durch die Teilung der Provinz Bengalen im Jahr 1906, bei der die Region unabhängig von ethnischen und religiösen Zusammenhängen in zwei Gebiete geteilt werden sollte. Die Briten gaben als Grund für die Teilung verwaltungstechnische Erleichterung an. Die Provinz Bengalen galt aber auch als Zentrum politischer Bewegungen, sowohl der Muslime, als auch der Hindus. Parallel zum INC, der traditionell eine hinduistische Bewegung gewesen war, bildete sich eine eigene politische Gruppierung der Muslime: die Muslim-Liga. Beide Organisationen forderten die koloniale Unabhängigkeit, für dessen Ziele sie immer wieder Koalitionen eingingen. Aber die Frage nach dem Grad der Unabhängigkeit schied nach wie vor die Geister, vor allem innerhalb des INC wurden darüber heftige Diskussionen geführt.

Diese Diskurse spielten sich nach wie vor hauptsächlich in intellektuellen Kreisen ab. Zu einer Massenbewegung wurde die Unabhängigkeitsbewegung erst in den 1920er Jahren. Eine große Rolle dabei spielte Mohandas Gandhi.

Gandhi kritisierte die Reden der Intellektuellen im INC, die hauptsächlich auf Englisch gehalten wurden. Er war der Überzeugung, wenn man die indische Bevölkerung erreichen wolle, müsse man das mit ihren eigenen Symbolen und ihrer eigenen Sprache tun. Außerdem forcierte Gandhi die Umstrukturierung des INC. Aus einer jährlich tagenden Veranstaltung wurde eine Partei mit Landesverbänden, die Delegierte in die Legislative der Organisation entsenden konnten. Außerdem wurden Orts- und Bezirksverbände, sowie ein Exekutivorgan und die Wahl eines Präsidenten eingeführt.

Durch sein Programm des gewaltlosen Widerstandes und seinen Einsatz für ein friedvolles Miteinander in ganz Indien gelang es Gandhi, die breiteren Massen Indiens für den Widerstand zu animieren. Dies geschah durch politische Aktionen des zivilen und gewaltfreien Ungehorsams. Zum Beispiel setzte Gandhi auf den weiteren Ausbau des swadeshi, dabei handelte es sich um eine Art des ökonomischen Widerstandes gegen die britischen Herrscher, bei dem britische Produkte zu Gunsten der Förderung indischer Waren durch die Bevölkerung boykottiert werden sollten. Dies geschah vor allem auch zur Förderung nationaler und lokaler Produkte. Swadeshi war für Gandhi ein wichtiger Teil des swaraj (Self rule). Gandhi organisierte außerdem nationale Kampagnen des zivilen Ungehorsams, dessen zentrale Neuerung seine Forderung nach Gewaltfreiheit war. Er ging damit stückweise gegen die Politik der britischen Regierung vor. Gandhi organisierte Protestaktionen, öffentliches Fasten, Swadeshi und gewaltfreie Nichtkooperation, die von dem Boykott britischer Güter bis zum Austritt aus britischen Organisationen, auch Schulen und Universitäten führte. Er ging bei seinen Aktionen immer als Bespiel voran und war bei der Durchführung auf große Öffentlichkeit bedacht. Gandhi informierte die britische Regierung über jede Aktion, die er plante und durchführte. Das geschah immer auch im Namen des INC, der Gandhi mit der Durchführung von Kampagnen des zivilen Ungehorsams und der gewaltfreien Nichtkooperation betraut hatte. Durch die große Öffentlichkeit, die Gandhi mit seinen Aktionen erreichte, wurden er und durch ihn der INC zu einer Organisation mit politischer Bedeutung. Die britische Kolonialregierung suchte deshalb Mitte der 30er Jahre zunehmend den Dialog mit dem INC.

Die Rolle Gandhis für die indische Unabhängigkeitsbewegung ist weitgehend unumstritten. Kritiker und Kritikerinnen betonen jedoch, dass Gandhi darin stark idealisiert wurde und immer noch wird. Bestimmte Kontroversen, etwa Gandhis Positionen zum Kastensystem und sein starker, hinduistischer Glaube als Ursprung seines Widerstandes, werden oftmals ausgeblendet. Dazu sprach kürzlich die Autorin Arundhati Roy an der Kerala Universität im gleichnamigen indischen Bundesstaat.

Verfassungs- und Unabhängigkeitsdiskussionen scheiterten im Laufe der 30er und frühen 40er Jahre jedoch entweder an der Härte der britischen Regierung oder der Unnachgiebigkeit Gandhis und des INC. Gandhi und der INC gingen mit ihren Forderungen immer einen Schritt zu weit für die konservative Regierung Großbritanniens, die bis zum Ende des zweiten Weltkrieges ihren Einfluss auf Indien nicht verlieren wollte.

Nach Ende des Krieges war Großbritannien geschwächt, die politischen Kräfte Indiens, mit einer sich ausdifferenzierenden Parteienlandschaft, die auf einen fünfzig jährigen Kampf um Unabhängigkeit zurückblicken konnten, waren hingegen stark und unnachgiebig in ihren Forderungen nach Unabhängigkeit. Ein englischer Regierungswechsel trug dazu bei, dass der Wind drehte und direkt nach dem Krieg die Unabhängigkeit Indiens eine zentrale Rolle in der britischen Politik spielte. Man entsandte Minister nach Indien, die eine verfassungsgebende Konferenz begleiten sollten. Die Entstehung einer Verfassung war die einzige Voraussetzung für die Unabhängigkeit Indiens. Allerdings hatten sich in den Jahren des Krieges, je näher die tatsächliche Unabhängigkeit rückte, die beiden großen indischen politischen Akteure, INC und Muslim-Liga, immer weiter auseinanderentwickelt. Vielleicht war es die nun bevorstehende Frage der Machtverteilung in Indien, an denen sich die Geister schieden. Es kam dazu, dass der Präsident der Muslim- Liga die Teilung Indiens in zwei Staaten forderte. Gandhi verurteilte diese Lösung der Unabhängigkeit Indiens, für ihn war eine unabhängige Einheit das Ziel gewesen, deren Teil alle Religionen waren. Die verschiedenen Zielsetzungen der beiden Parteien führten nun im Jahr 1946 dazu, dass sowohl der verfassungsgebende Prozess, als auch die Bildung einer paritätischen Übergangsregierung scheiterten. Daraufhin verließen die britischen Minister das Land und die Entlassung Indiens in die Unabhängigkeit wurde dem britischen Vizekönig überlassen. Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Hindus in Bengalen setzten sich fort. Zusätzlich führte die Erklärung der britischen Regierung, das Land im Sommer 1948 in die Unabhängigkeit zu entlassen, zu einem Verlust an Autorität der britischen Ordnungsorgane. Indien drohte aus der Kontrolle zu geraten. Der britische Vizekönig gab bekannt, Indien sollte innerhalb von zwei Monaten ein unabhängiger Staat sein und verfasste einen Plan, der die Teilung Indiens in die Staaten Indien und Pakistan vorsah. Sowohl der INC, als auch die Muslim-Liga stimmten dem Plan zu. Gandhi sah von einer Widerstandsaktion gegen die Teilung ab, auch wenn so seine größte Befürchtung eintreten sollte. Die religiösen Unruhen hatten sich noch immer nicht gelegt. Nach der Erklärung der Unabhängigkeit der beiden Staaten Indien und Pakistan am 15.08.1947 und der Bekanntgabe der Grenze, die von britischer Seite und von einem Team ohne lokale Kenntnisse gezogen worden war, folgte ein Bevölkerungsaustausch, im Zuge dessen 10 Millionen Menschen ihre Heimat aufgeben mussten. Die Briten entzogen sich der juristischen Verantwortung, indem sie die Grenzziehung erst einen Tag nach der Unabhängigkeit verkünden ließen. Es kam zu religiös motivierten Gewaltausbrüchen, sowohl in Indien, als auch in Pakistan. Der Streit um die Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan ist bis heute nicht endgültig geklärt.

Mit Blick in die Geschichte der indischen Unabhängigkeitsbewegung wird klar, dass der postkoloniale Nationalstaat Indien durch den Einfluss politischer Eliten, sowie auf Grundlage kolonialer und interner Machtkämpfe entstand. Die koloniale Unabhängigkeit stellt gleichzeitig einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung der indischen Gesellschaft dar: die Teilung Indiens in zwei Staaten auf der Grundlage religiös motivierter Machtkämpfe. Bis heute kommt es in Indien zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen verschiedener Religionsgruppen. (Hier im Bundesstaat Gujarat.) Mit der Befreiung von der kolonialen Herrschaft stellt sich nun die Frage, inwiefern es durch die Strukturen des postkolonialen, indischen Nationalstaats und seine politische Führung möglich sein wird, die kulturelle und religiöse Vielfalt der indischen Bevölkerung zu integrieren und so weitere Gewaltausbrüche und Diskriminierung von Minderheiten zu verhindern.

Laura Lüth

Literatur:

Atkinson, David W.: Tagore, Gandhi and Indian Nationalism, in: Hill, John L. (Hrsg.): The Congress and Indian Nationalism- Hisorical Perspecitves, London 1991, Seite 302- 329.

Dr. Betz, Joachim: Von den Hindu-Königreichen über Mogul-Herrschaft und Kolonialzeit zur Republik, in: BPB, 18.01.2007 (Zugriff: 26.09.14).

Godrej, Farah: Nonviolence and Gandhis Truth: A Method for Moral and Political Arbitration, in: The Review of Politics, Vol. 68/ No. 2 (Spring 2006), Seite 287-317.

Rothermund, Dietmar: Mahatma Gandhi. Eine politische Biographie, 2. Auflage München 1997.

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