Crime (?) and Punishment

Von struktureller Internierung von Women of Color und indigenen Frauen im US-amerikanischen Gefängnissystem

Die Gefängnisse sind voll und die Gefängnisindustrie boomt. Neoliberale Strukturen in den USA aber auch in anderen Teilen der Welt führen dazu, dass besonders Frauen1 des globalen Südens und arme Women of Color die weibliche Gefängnisbevölkerung ausmachen.

Im Sinne Foucaults reproduziert das Gefängnis den Gesellschaftskörper. Es setzt die Grenzen und Anforderungen, welche die Gesellschaft an ihre Mitglieder stellt, mit Nachdruck um. Demzufolge werden die Maßstäbe, welche ein neoliberales System an die Menschen, die in ihm leben, stellt, auch in seinem Bestrafungs- und Besserungsapparat widergespiegelt. Das Prinzip Gefängnis ist also, dass Menschen, die auf die eine oder andere Weise nicht den Erwartungen des Systems entsprechen, in dafür vorgesehenen Einrichtungen bestraft und angepasst werden.

Gefängnisse in den USA sind darüber hinaus aber auch ein Weg, mit der armen Bevölkerung umzugehen. Sie stellen eine billige Alternative für den Staat dar, die zu „versorgen“, welche ob der bestehenden Strukturen aus eigenen Mitteln nicht dazu in der Lage sind. Besonders in Zeiten der Gefängnisprivatisierung werden Gefangene aus armen Verhältnissen häufig als Profitfaktoren gesehen, die im Gefängnis weniger kosten als außerhalb. Weil Frauen und besonders indigene Frauen und Women of Color von Armut stärker betroffen sind als Männer*, weil sie auch größeren Belastungsfaktoren ausgesetzt sind, stehen sie hier im Mittelpunkt der Betrachtungen.

In Zeiten des globalen Kapitalismus wird es Women of Color, indigenen Frauen, psychisch kranken Frauen und allen anderen Frauen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen – das heißt die nicht weiß, gebildet und finanziell abgesichert sind – von der Gesellschaft nicht leicht gemacht, die Anforderungen, die sie stellt, zu erfüllen. People of Color in den USA sind im Vergleich zu weißen Menschen finanziell weniger gut situiert, leben oft in ärmeren Communities (auch wenn sie nicht arm sind) und haben einen erschwerten Zugang zu höheren Bildungsinstitutionen gegenüber weißen Menschen. All diese Faktoren beeinträchtigen Women of Color in dem Versuch, den gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden, zu studieren, Geld zu verdienen, ihre Familie zu ernähren. Da der Zugang zu regulärer Arbeit durch strukturelle Begebenheiten, wie die Allokation symbolischen Kapitals und dem tendenziell niedrigeren Bildungsgrad erschwert ist, müssen viele von ihnen Strategien entwickeln, die es ihnen ermöglichen, ihre Kinder zu kleiden, sie zur Schule zu schicken und Tag für Tag Essen auf den Tisch zu bringen. Hinzu kommen weitere Notwendigkeiten wie Arztrechnungen und Medikamente, die bezahlt werden müssen. Manchmal befinden sich diese Strategien außerhalb der Legalität – manchmal wird das Handeln mit Drogen oder Sexarbeit als einziger Weg gesehen zu überleben.

Aber gerade der „war on drugs“ wird in den USA mit harten Bandagen gekämpft: Seit Nixon den Drogen 1971 den Krieg erklärt hat, sind die Gefangenenzahlen in die Höhe geschossen – Drogenabhängige werden nun nicht mehr als Patient_innen gesehen, welche es zu heilen gilt, sondern als Kriminelle. Drogenhandel, Drogenmissbrauch, auch Drogenbesitz können nun mit vielen Jahren Gefängnis bestraft werden – oft stehen die Strafen dabei in keinerlei Verhältnis zu denen von Gewaltverbrechen und anderen Straftaten. Besonders betroffen von den Regelungen sind Schwarze Menschen: Obwohl sie nicht mehr Drogen als Weiße konsumieren, werden sie häufiger festgenommen, verurteilt und dies meist zu längeren Strafen. Das gilt auch für mittellose Women of Color, Migrantinnen und indigene Frauen, die häufig nur kleine Rollen in (oft transnationalen) Drogennetzwerken spielen. Denn gerade sie werden gerne angeworben, um Kurieraufgaben zu erledigen und sehen sich in vielen Fällen unfähig, abzulehnen – entweder aus Angst vor den Konsequenzen durch die Drogendealer oder weil das angebotene Geld eine so starke Bedeutung für ihre unmittelbare Lebenssituation hat. Einmal von der Polizei aufgegriffen, werden diesen Frauen häufig Angebote der Haftverkürzung gemacht, z.B. im Tausch gegen die Namen ihrer Kollaborateur_innen. Da sie aber ganz unten auf der Hierarchie des Netzwerkes stehen, haben die verhörten Frauen oft keine genaueren Informationen und werden dementsprechend häufig zu langen Gefängnisstrafen verurteilt; Gleiches gilt für Familienmitglieder, Freundinnen und Ehefrauen von Drogendealern.

Der Großteil der Schwarzen Frauen in US-amerikanischen Gefängnissen sitzt wegen gewaltfreier Straftaten ein, z.B. Drogenbesitz, Diebstahl, Migration. Die meisten dieser Frauen stammen aus armen Verhältnissen, haben lange Geschichten von sexueller, häuslicher und emotionaler Gewalt zu erzählen und der Anteil von ihnen mit psychischen Problemen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen ist überproportional hoch. Hier zeigt sich, wie das Gefängnissystem der USA die von Frauen entwickelten Strategien um mit prekären Lebenslagen umzugehen kriminalisiert. Wie es die ohnehin von der Gesellschaft ausgeschlossenen Frauen für diesen Ausschluss bestraft und für ein Fortbestehen des Ausschlusses Sorge trägt.

L.S.

1 Ich verstehe die Kategorien „Frau“ und „Mann“ sowie „Schwarz“ und „Weiß“ als sozial konstruiert. Obgleich man idealerweise von einer Reproduktion dieser Kategorien absehen sollte, halte ich es für sinnvoll, sie in eine Analyse gesellschaftlicher Ungleichheit miteinzubeziehen, da die gesellschaftliche Unterscheidung von Männern und Frauen und Schwarzen und weißen Menschen Ungleichheit erst produziert und eine Nichtbeachtung der gemachten Unterscheidungen soziale Verhältnisse verzerren würde.

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Eine Antwort zu Crime (?) and Punishment

  1. Pingback: Jim Crow may be dead but his spirit lives on in modern day America | nowestversusrest

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