Die Nation als Frau: ein beliebtes Stilmittel nicht nur des europäischen Nationalismus

Bereits in der Kolonialzeitaus Innes 1994 gab es die beliebte Metapher der Kolonie als Frau, „in die es vom männlichen Westen „einzudringen“, die es zu erobern und zu beherrschen galt“ (Truider 2008: 17f). Innes zeigt in ihrem Text „VIRGIN TERRITORIES AND MOTHERLANDS: Colonial and Nationalist Representations of Africa and Ireland”, dass die Frauenmetapher ebenso für die britischen Besitzansprüche auf Irland und Virginia (USA) angewendet wurden, wie auf afrikanische Kolonien (wenn auch mit Unterschieden). Die Personifizierung der Nation als Frau fand dabei in literarischer wie auch bildlicher Form statt, wie dieses von Innes zitierte Bild zeigt.

Doch nicht nur in kolonialen Bestrebungen, sondern auch in anti-kolonialem Nationalismus findet diese Metapher großen Zuspruch. In einem ihrer Essays z.B. versucht die Historikerin Sumathi Ramaswarmy die Frage zu beantworten, wie durch das Beschwören der Figur von Tamilttay (Mutter Tamil) eine „imagined community“ geschaffen wurde und wie diese Figur und vor allem ihr Körper genutzt wurde um Tamil Sprechende für einen nationalen Kampf zu gewinnen.

Wie auch in Europa war die Idee der Nation als Mutter keine neue. Auch in Indien gab es schon lange Zeit Bharata Mata (Mutter Indien). Aber im Falle Tamils hatte sie nicht allein die Funktion als Symbol, sondern stellte auch eine Methode zur Nationenbildung und Festigung durch ihren Körper dar. Durch diese Strategie erwuchs eine bestimmte Pflicht für Tamil Sprechende, die jedoch für das jeweilige Geschlecht anders war.

Die Idee um Tamilttay geht zurück bis in die 1890er Jahre, erfuhr aber erst in 1930ern einen wahren „Hype“ durch die Dravidische Bewegung. Die Figur Tamilttay, die bis dahin eher göttlich attribuiert war, wurde nun zu einer fragilen Frau, deren Wohlbefinden von der Fähigkeit ihrer „Kinder“ abhing, sich zu erheben und sie zu verteidigen. Interessant ist, dass die Figur sowohl gegen britische Kolonialherrschaft benutzt wurde, als auch gegen indischen Hindi Nationalismus. Obwohl diejenigen Tamil Sprechenden, die für die Einheit Tamil Indiens mit Indien waren, versuchten, beide Mutterfiguren zu vereinigen, sahen Tamil Nationalist*innen Bharata Mata als „falsche Mutter“.

Drei Körperteile waren besonders wichtig für diesen Prozess, in dem Tamilttay zur Verkörperung der Nation wurde. Der Mutterleib und die Milch wurden benutzt, um ein Bild von Familie und Bürger*innen als Geschwister zu erschaffen. Aus dieser Verwandtschaft erwuchs die Pflicht für den*die Bürger*in, sich für die Nation (die Mutter) einzusetzen. Andere Sprachen oder Nationen wurden als „falsch“, „minderwertig“ oder „giftig“ dargestellt. Dadurch wurde auch eine nicht trennbare Verbindung hergestellt zu Tamil als Sprache und Gemeinschaft. Die Tränen Tamilttays wurden zur Mobilisierung zu Handlungen genutzt: Der geschändete Körper der Mutter wurde als Schändung der Ehre der Gemeinschaft und wiederum als Aufruf gedeutet. Wer also nicht bereit war, sein eigenes Leben und seinen Körper (der in der Rhetorik von Tamilttay geboren und genährt wurde) zu opfern, wurde somit zum Mörder seiner eigenen Mutter. Für Männer bedeutete dies, dass sie sich aktiv an Kämpfen beteiligten sollten, während Frauen aufgerufen waren, Kinder zu gebären, insbesondere neue Krieger. Für diese Art des Nationalismus gibt es sogar einen Namen: „uterine nationalism“ (also „Gebärmutter Nationalismus“).

Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte „Mother Africa Trope“ (vgl. Stratton 1994: 39-55). Dabei handelt es sich um ein Stilmittel, das in vielen Werken männlicher afrikanischer Schriftsteller auftaucht. Stratton zeigt auf, dass der Tropus nicht nur ein häufiges Merkmal afrikanisch-männlicher Literatur ist, sondern sogar eines seiner ausschlaggebenden Merkmale.

Der Tropus tritt in zwei Varianten auf: der „pot of culture“-Variante und der „sweep of history“-Variante, wobei auch Mischformen auftreten können. Bei der „pot of culture“-Variante dienen Frauen als Verkörperung afrikanischer Kultur. Diese Variante kommt häufig in der Literatur der gritude vor. Sinn und Zweck war die Aufwertung afrikanischer Kultur, die im kolonialen Kontext als primitiv dargestellt wurde. Die beschriebene Frau ist entweder jung und erotisch oder die fruchtbare, sorgende Mutter. Kritiker*innen beklagen jedoch, dass durch diesen Tropus ein Stereotyp reproduziert wird, der derselben binären Logik des Westens folgt, die diesen Stereotyp hervorgerufen hat: Während der Westen mit Rationalität gleichgesetzt wird, steht Afrika für Emotionalität. Jedoch werden weitere Binaritäten reproduziert, die mit der Unterscheidung zwischen Männlich- und Weiblichkeit einhergehen, z.B. die Beherrschte und der Beherrschende.

Bei der „sweep of history“-Variante dient die Frau als Index für den Zustand des (post-)kolonialen Staates. Sie trägt damit die historische Interpretation des Autors. Die typischen Rollen, die sie in dieser Variante des „Mother Africa Tropes“ innehat, ist die der Mutter und Prostituierten. Während die Rolle der fruchtbaren Mutter positiv ist und für das „wahre Afrika“ steht, ist die Prostituierte ihr Gegenbild. Dabei geht es aber nicht um die tatsächliche Darstellung der Umstände von Prostituierten, sie stehen lediglich symbolisch für die empfundene Unterdrückung und Erniedrigung des Mannes/Autors im kolonialen und/oder postkolonialen Staat. Ein weiteres Motiv für diese empfundene Erniedrigung ist das Bild der schönen, vergewaltigten Frau.

Dabei kann die Frau auch beide Rollen gleichzeitig innehaben oder zwischen diesen wechseln. Der Wechsel ist dabei oftmals auch mit einem räumlichen Wechsel verbunden. Die Stadt als Quelle von Korruption verdirbt die Frau. Erst wenn sie in das dörfliche Leben zurückkehrt (oder vom männlichen Protagonisten dorthin gebracht wird), kann sie sich in eine tugendhafte und glückliche Frau/Mutter wandeln. Die Stadt steht dafür für westliche Werte und den Zerfall vorkolonialer Gesellschaftssysteme, das Dorf hingegen für eine Art paradiesischen afrikanischen Urzustand und damit Widerstand gegen das Kolonialregime.

Auch Schwangerschaft ist ein starkes Symbol in der „sweep of history“-Variante. Sie steht für das Versprechen, dass mit der Unabhängigkeit eine so starke Veränderung des Staates auftreten wird, dass diese einer Neugeburt gleichkommt. Wie diese Schwangerschaft zustande kommt, von den Figuren bewertet wird usw. zeigt den politischen Optimismus bzw. Pessimismus des Autors. Auch hier werden Frauen nur als Ressource für das literarisch-metaphorische Potential genutzt und Frauen werden allein durch ihre Sexualität definiert: Jungfrau-Mutter versus Prostituierte. Diese Kategorien werden auch bewertet und einander gegenübergestellt. Passend dazu wird männlich-sexuelle Potenz auch mit männlich-politischer Potenz verknüpft.

Obwohl also beide Beispiele von verschiedenen Kontinenten kommen und verschiedene Methoden und gewiss viele Unterschiede haben, haben sie doch eines gemeinsam: Sie benutzen (den Körper von) Frauen als Symbol für die Nation.

  1. Die Kolonie aus den Augen der Kolonialisierenden als Frau, die jungfräulich ist und erobert werden muss.
  2. Die Nation im anti-kolonialen Widerstand als Frau…
    1. als Abbild des „wahren“ Afrikas
    2. als Metapher für den Zustand und die Zukunft der Nation

Daraus ergeben sich aber auch Konsequenzen für reale Frauen. Ramaswarmy spricht die Rolle der gebärenden Frau im nationalen Kampf für das tamilsprachige Indien an. Strattons These ist, dass durch den Tropus afrikanische Frauen von „autorship and citizenship“ ausgeschlossen werden. Jedoch findet sich auch immer Widerstand. So wurde in Tamil-Indien die Interpretation der Rolle der Frau damals schon in Frage gestellt und alternative Interpretationen, die eine andere Aufgabe für Frauen nach sich zogen, waren im Umlauf. Dabei beriefen sich die Aktivistinnen auf ihr Frau-Sein, das sie mit Tamilttay teilten. Diese alternativen Interpretationen dienten auch zur Aufwertung der Rolle der Frau und gleichzeitig schufen sie eine Rolle im nationalen Projekt für liberale Feministinnen. Und in der afrikanischen literarischen Szene gibt es viele Schriftstellerinnen, die mit ihren Frauenfiguren gegen den Mother Africa Trope „anschreiben“. So ist auffällig, dass z.B. in Buchi Emechetas „The Joys of Motherhood“ sämtliche der von Stratton erwähnten Formen und Symbole vorkommen, aber eine andere Wertung erfahren und es allgemein mehr um die Erfahrungen von Frauen geht, anstatt um ihren symbolischen Wert.

M.K.

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