Nach der Unabhängigkeit – und was kommt dann? Scheiterten postkoloniale Staaten an der Zerrissenheit zwischen politischen Ideologien?

Dekolonialisierungswelle in den 60er Jahren

Wir befinden uns in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Welt ist aufgerieben zwischen Weltanschauungen, Nuklearsprengköpfen und Zugehörigkeitsbekenntnissen. Geprägt von der Konfrontation zwischen den kapitalistischen USA und der sozialistischen UdSSR. Genau in dieser Zeit finden Revolutionen in vielen afrikanischen Kolonien statt. Im „Afrikanischen Jahr“ 1960 werden 18 Staaten unabhängig. Die explosive weltpolitische Lage zwingt diese jungen unabhängigen Länder jedoch dazu, sich für eine politische Seite zu entscheiden. Sie müssen sich für eine Ideologie entscheiden, um Unterstützung von einflussreichen und wohlhabenden Ländern zu erhalten, um wirtschaftlich den Rest der Welt einzuholen.

Wozu hat dieser Entscheidungszwang geführt? War eine politische Ideologie erfolgreicher als die andere? Oder sind beide gar nicht so unterschiedlich und scheitern an ihren eigenen Maßstäben?

Dieser Artikel soll aufzeigen, dass beide Ideologien sehr ähnlich sind in ihrer Grundannahme, dass Unabhängigkeit und Entwicklung zusammengehören. Beide berufen sich auf das Entwicklungsdogma und scheitern am Wachstumsgedanken.

Gemeinsame Grundlage: Selbstbestimmungsrecht der Völker

Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass sowohl der Leninismus (als Grundlage für kommunistische Ideen) als auch der Wilsonianismus (als Grundlage für Kapitalismus) eine gewisse Berechtigung für Unabhängigkeitsbestrebungen sahen, wie es Immanuel Wallerstein gut beschreibt in seinem 1992 erschienenen Text „The Concept of National Development, 1917-1989.

Die westliche Seite berief sich dabei auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, welches 1966 in den beiden Menschenrechtspakten der Vereinten Nationen festgeschrieben wurde. Als Begründer gilt der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson, der 1917 wohl eher die „Selbstregierung“ der Völker meinte, d.h. das Recht in einem „demokratischen Staat leben zu können“. Nicht aber als „Anspruch auf die Änderung bestehender Grenzen“ (Schieren 2011).

Wilson betonte das Selbstbestimmungsrecht wohl auch deshalb so stark, weil es zeitgleich starken Zuspruch von Lenin bekam. In dessen 1916 veröffentlichten sozialistischen Thesen betont er, dass jede Nation das Recht habe, sich von der sie unterdrückenden Nation zu befreien. Dabei sieht er die völlige Freiheit zur Abspaltung nur als Übergangsform zur „unvermeidlichen Verschmelzung der Nationen“ (so wie er die Diktatur des Proletariats auch nur als Übergang zur klassenlosen Gesellschaft sah) (Lenin 1916).

Auch wenn beide Ideologien nicht müde wurden, ihre Unterschiedlichkeiten zu propagieren, beruhte ihre Forderung nach schneller Unabhängigkeit für die Länder der Peripherie auf der gleichen Grundlage: dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Gleichzeitig darf man aber nicht vergessen, dass sich beide Seiten in ihrer Vorstellung von der Umsetzung der Unabhängigkeit unterschieden: Wo der Wilsonianismus eine „geordnete“ Unabhängigkeit forderte (über Verhandlungen mit der Kolonialregierung), rief der Leninismus auf zu „revolutionären“ Unabhängigkeitsbestrebungen (Wallerstein 1992: 520).

Im Anschluss daran dominiert der Entwicklungsgedanke

Nachdem ein Land die Unabhängigkeit erreicht hat, stellt sich die Frage nach der Weiterentwicklung. Als ehemalige Kolonien waren die meisten der Länder wirtschaftlich ausgebeutet und gesellschaftlich gespalten. Um diese Missstände zu überwinden, wendeten sich viele Länder an ein (oder mehrere) industrialisierte Länder, um Unterstützung (in Form von Darlehen und Zuschüssen) zu erhalten. An dieser Stelle mussten sich die meisten Staaten für eine politische Seite entscheiden. Welches Land sollte sie unterstützen, welcher politischen Richtung sollten sie demnach gefällig sein?1

Die Folgen dieser Entscheidung sind im Detail festzumachen: So zählt der Wilsonianismus den freien Markt zu den Grundlagen einer erfolgreichen Entwicklung. Freier Austausch von Waren, Arbeitskraft und Kapital solle dazu führen, dass Länder aus ihrer wirtschaftlich prekären Lage herauskommen. Wohingegen die leninistische Wirtschaftsvorstellung auf staatlich kontrollierter Produktion und Devisenverkehr beruht.

Obwohl der Wilsonianismus und der Leninismus auch an dieser Stelle ihre Differenzen propagieren würden, lohnt es sich auf die Gemeinsamkeiten bei beiden zu achten: Beide beriefen sich auf die Doktrin der „nationalen Entwicklung“: Die Länder sollten den Rest der Welt einholen. Nötig dafür schien nur die „richtige“ politische Linie zu sein (Wallerstein 1992: 522).

Das allgemeine Ziel blieb bei beiden Ideologien: Wohlstandssteigerung und eine „Modernisierung“ der Infrastruktur. Als Gegenleistung wurde den jungen unabhängigen Ländern dafür die volle Teilnahme am internationalen System angeboten (Wallerstein 1992: 522).

Wie Wallerstein feststellt, kann man also folgendes sehen: „The developmentalist paradigm incarnated in both variants of the ideology was overwhelmingly and virtually unfailingly accepted as the operational program of the political movements of […] the world system“ (Wallerstein 1992: 522 f.).

Beide Wege scheitern in den meisten Fällen

Von den 18 Staaten, die 1960 unabhängig geworden sind, zählen heute laut dem „Failing States Index“ (2013) mindestens eine Handvoll zu Staaten mit sehr wenig (bis keiner) Staatlichkeit2. Viele Staaten haben es nach der Unabhängigkeit nicht geschafft, eine tragfähige Wirtschaft und ein gesellschaftlich anerkanntes Regierungssystem aufzubauen. Gründe dafür gibt es viele. Hier soll nur darauf eingegangen werden, dass es egal ist, ob sich ein Land für den kapitalistischen oder den sozialistischen Entwicklungsweg entschieden hat. So findet sich unter den fünf Staaten mit dem höchsten Grad an Instabilität sowohl der früher sozialistische Sudan als auch der vom Westen unterstützte Tschad.

Wie Wallerstein betont, scheiterten die meisten der afrikanischen Revolutionen an der Zerrissenheit zwischen kommunistischer und kapitalistischer Ideologie: „The Wilsonian half of the package was always waiting for its Leninist fulfillment“ (Wallerstein 1992: 528). Wallerstein zufolge wäre es das Beste für die früheren Kolonien gewesen, sich an beide Ideologien zu halten: Die Unabhängigkeitsbewegung solle sich nach der wilsonianischen Idee von gegebener Unabhängigkeit richten und die darauf folgende Entwicklungsphase solle sich an der leninistischen Idee eines geschützten Marktes, der staatlich kontrolliert ist, orientieren (ebd.). Beide hätten sich hervorragend ergänzen können.

Länder scheitern am Entwicklungsdogma

Allerdings ist in meinen Augen die zugrunde liegende Prämisse „mehr Wohlstand und Modernisierung führt zu Wachstum und weltweitem Ausgleich“ das entscheidende Problem. Sie unterscheidet sich aber auf beiden Seiten nicht. Daher kann man als einen Grund für das reihenweise Scheitern der weltweiten Wachstumsbestrebungen nicht die einzelnen Ideologien verantwortlich machen, sondern vielmehr die von beiden vertretene Entwicklungsdoktrin selbst.

Die Annahme der Entwicklungspropaganda, dass die „unterentwickelten“ Länder aufgrund von „endogene[n] Faktoren wie Tradition, Kultur oder Kapitalmangel verursacht wird“ wird zum Beispiel von der Dependenztheorie scharf kritisiert. Die „nachteilige Stellung“ der postkolonialen Staaten sei demzufolge „äußeren Faktoren geschuldet“. Gemeint sind damit vor allem die globalen Wirtschaftsbeziehungen, bei denen ein Teil der Welt den anderen Teil systematisch ausbeutet, was auch in den postkolonialen Staaten massiv stattfand. Interessant an dieser Kritik ist, dass sie die weltweiten Beziehungen zwischen den Staaten mit ins Auge fasst und sich nicht nur auf die „unterentwickelten Länder“ konzentriert.

Man kann viele Gründe dafür nennen, warum viele postkoloniale Staaten geplagt sind von Bürgerkriegen, Ressourcenausbeutung, Machtkämpfen und terroristischen Bedrohungen. Allerdings gehört zu diesen Gründen nicht, dass ein Staat die „falsche“ politische Linie verfolgt hätte, so wie es Vertreter_innen des Wilsonianismus oder Leninismus propagierten. Sowohl Länder, die von den USA in ihrer Entwicklung unterstützt worden sind, zählen heute zu den Failed States, genauso wie ehemals sozialistische Staaten. Woran viele Staaten aber sicherlich gescheitert sind, ist die Wachstumserwartung, die an sie gestellt wurde. Wie der Index der menschlichen Entwicklung zeigt, erzielen unter anderem die Länder südlich der Sahara die geringsten Fortschritte darin, das Leben der Menschen zu verbessern (Müller). An Ländern wie Nepal hingegen lässt sich sehen, dass sich der Lebensstandard der Menschen verbessern kann, ohne jedoch maßgebliche Einkommenssteigerungen verzeichnen zu müssen (ebd.). Dadurch zeigt sich, dass „wirtschaftlicher Fortschritt nicht gleichbedeutend mit menschlicher Entwicklung ist“ (ebd.).

Außerdem hat die Blockkonfrontation im Kalten Krieg fatal auf die Situation in vielen afrikanischen Ländern eingewirkt und zur heutigen „Unterentwicklung“ vieler dieser Länder beigetragen. Die Finanzierung von jeweils unterschiedlichen Unabhängigkeitsbewegungen durch die beiden Blöcke führte zu langwierigen und brutalen Kriegen. Durch die angefeuerten Konflikte und politisierten Identitäten bestehen viele fragile Staatsstabilitäten bis heute fort, was man z.B. heute noch in Angola deutlich sehen kann.

Die Herausforderungen der postkolonialen Welt sind sehr komplex und lassen sich in meinen Augen nicht in zwei Ideologien pressen, bei denen es ein „richtig“ und ein „falsch“ gäbe. Die Theorien des Wilsionianismus und Leninismus helfen uns allerdings, die politischen Entscheidungen und staatlichen Entwicklungen im letzten Jahrhundert besser zu verstehen. Um die enormen Herausforderungen heute meistern zu können, ist es aber nötig, nicht nur auf die Länder der Peripherie zu schauen, sondern gerade die Länder des globalen Nordens miteinzubeziehen. Kein Teil der Welt kann unabhängig von einem anderen agieren. Daher müssen Wege gefunden werden, um individuell mit den Schwierigkeiten eines Landes umzugehen. Sich nur auf eine politische Ideologie zu verlassen, hat den meisten Staaten bisher nicht geholfen.

F.K.

1 Natürlich gab es auch die Blockfreien Staaten, d.h. Staaten, die sich weder Ost noch West anschlossen, sondern teilweise sogar von beiden Blöcken Gelder erhielten, daher stammt auch der Begriff „Third World“.

2 An dieser Stelle möchte ich kurz darauf hinweisen, dass der Failing State Index mit Vorsicht zu genießen ist. Er wird als eurozentristisch kritisiert, was unter anderem an einer problematischen Auswahl an Parameter oder einer intransparenten Erstellung des Rankings liegt.

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