Sherpas in Nepal – Ausbeutung durch den Tourismus

Erst kürzlich wurde auf die aktuelle Situation der Sherpas im Himalaya-Gebirge Nepals aufmerksam gemacht, als sechzehn Bergführer bei einem Lawinenunglück ums Leben kamen.

Ursprünglich bezeichnet „Sherpas“ eine Volksgruppierung, welche aus Tibet in den Süd- und Zentralhimalaya einwanderte und inzwischen hauptsächlich im Osten Nepals sowie an den Grenzregionen zu China und Indien angesiedelt ist. Diese ethnische Minderheit zählt zwischen 150.000 und 180.000 Menschen verschiedener Sherpa-Gemeinschaften.

Inzwischen steht der Begriff der Sherpas für die Hochgebirgsträger des Himalayas, deren Gruppierung sich genauer die „Sherpas of Khumbu“ nennen und sich vor allem durch einen tiefen buddhistischen Glauben charakterisieren. Ihnen wird allgemein vor allem eine enorme physische Ausdauer und Kraft zugeschrieben. Eine genaue definitorische Abgrenzung fällt demnach schwer, da mit Sherpas sowohl die einheimischen Bergführer als auch die gesellschaftliche Ethnie bezeichnet wird. Verallgemeinernd spricht man von den Sherpas „as a generic term for all Tibetan-origin people“ (Parker 1989:12).

Die Sherpas als Bergführer im Himalaya zeichnen sich jedoch vor allem durch ihre Erfahrungen in den Gebieten und Gipfeln aus sowie durch physische und psychische Belastbarkeit, welche die täglichen Besteigungen fordern. Auch das Aufbauen der Zelte, das Zubereiten der Mahlzeiten, das Schleppen in weiten Höhen und das Planen der Routen für die Bergtouristinnen und Bergtouristen gehören zu den Aufgaben der Sherpas.

Aufmerksam auf die Sherpas machten vor allem Berichte heldenhafter Bergbesteigungen der letzten Jahrzehnte, nicht zuletzt jedoch auf Grund der Besteigung des Mount Everests 1953 durch Edmund Hillary und den Sherpa Tenzing Norgay.

Als daraufhin ab den 60er Jahren der Tourismus anstieg und immer mehr Menschen den Himalaya besteigen wollten, wurden auch die Wander- und Bergtouren weiter ausgebaut und immer populärer. Ein weiterer Grund für das plötzliche Einsetzen des Massentourismus liegt wohl auch in dem Bau einer neuen Start- und Landebahn 1964 am Fuße des Himalayas.

Der enorme Ansturm der Touristinnen und Touristen stellte allerdings auch eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit für Nepal dar, die es zu bewältigen galt.

Männliche Saisonarbeiter aus dem Tiefland ohne hinreichende Erfahrungen wurden zusätzlich als Träger eingestellt, um mit Hilfe dieses kostengünstigen Personals die steigende Nachfrage nach Bergführungen erfüllen zu können. Dies löste einen hohen Konkurrenzkampf innerhalb der Sherpas aus. Immer mehr ausländische Firmen und Anbieter von Bergtouren zog es in das Himalaya Gebiet. Allein für das Jahr 2014 waren insgesamt 32 Expeditionen mit insgesamt 731 Teilnehmer_innen geplant.

Für eine Wandertour durch die Gebirge zahlen Urlauber_innen inzwischen bis zu 4.000 Euro, während die Gipfelbesteigung auf 8848 Meter des Himalayas mit 40.000 Euro berechnet wird. Die nepalesische Regierung bezieht für die Erlassung einer Lizenz eine sogenannte Gipfelgebühr von ca. 10.000 Euro. Jährlich sollen insgesamt zwischen 4 und 9 Millionen Euro durch die Besteigungen des Everests eingenommen werden.

Diese Einnahmen der westlichen Unternehmen sowie der Regierung machen den Unterschied zur Entlohnung der Bergführer deutlich, welche pro Saison mit ca. 5.000 Euro vergütet werden. Obwohl dies im Verhältnis des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung eine verhältnismäßig hohe Entlohnung der Sherpas bedeutet, bleiben die Abgaben der größtenteils europäisch und amerikanischen Bergführungsgesellschaften an die Arbeiter prozentual sehr gering. Diese enorme Unausgeglichenheit verdeutlicht vor allem die finanzielle Ausbeutung der Sherpas.

Der Aufstieg des Berges beinhaltet in vielerlei Hinsicht ein großes Gefahrenpotential. Zum einen sind die Sherpas einem extremen körperlichen Risiko ausgesetzt, zum Anderen können die Langzeitfolgen dieser physischen Überanstrengungen existentielle Folgen mit sich bringen. Da in Nepal weder umfassende Kranken- und Altersvorsorge noch Lebensversicherungen gegeben sind, ist eine körperliche Beeinträchtigung mit schwerwiegenden Folgen verbunden, zumal meist ein arbeitendes Familienmitglied für den Lebensunterhalt der gesamten Familie aufkommen muss. Ein Unfall dieser Person könnte somit gleichzeitig den Verfall der finanziellen Existenz als auch des sozialen Status der Angehörigen bedeuten. Seit den ersten Besteigungen starben insgesamt mehr als 300 Personen auf dem Weg zum Himalaya, der Großteil der Verunglückten waren Sherpas.

Schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts kämpfen Sherpas regelmäßig um mehr Anerkennung für ihre Leistungen, bessere Gehälter, angemessene Arbeitsbedingungen sowie vor allem weniger Fremdbestimmung.

Nach dem Tod ihrer Kollegen im April gingen sie in einen erneuten Streik und verweigerten weitere Besteigungen für die Saison 2014. Da Nepal vor allem ökonomisch sehr auf die Arbeit der Touristenführer angewiesen ist, sah sich die Regierung letztendlich gezwungen, auf die Situation zu reagieren und sich auf Verhandlungen einzulassen. Somit wurde den Hinterbliebenen der verstorbenen Arbeiter zunächst eine Entschädigungssumme von ca. 300 Dollar angeboten, welche nach Ablehnung der Sherpas jedoch auf 7.000 Dollar erhöht wurde. Zudem will die Regierung den nepalesischen Bergführern mit einer Lebensversicherung in Höhe von 11.000 Euro pro Person entgegenkommen.

Der Massentourismus aus den westlichen Teilen der Welt stellt für Nepal eine enorm wichtige Einnahmequelle dar. Dennoch leiden Teile der Bevölkerung extrem unter dem daraus entstandenen wirtschaftlichen Druck, was am Beispiel der Sherpas mehr als deutlich zum Ausdruck kommt. Der ökologische Nutzen sowie die Einnahmen der Regierung und westlichen Exkursionsfirmen stehen in keinerlei Verhältnis zu der Entlohnung der Sherpas und der Träger. Dazu kommen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, denen sie täglich bei den Besteigungen ausgesetzt sind. Sie legen Wege an, befestigen Stiegen und Leitern, schleppen die Lasten und Sauerstoffflaschen der Bergsteiger_innen und manchmal sogar diese selbst. Während sich auf der einen Seite Touristinnen und Touristen als held_innenhafte Bergsteiger_innen rühmen lassen und teilweise einen regelrechten Wettlauf mit der Zeit um Höhenmeter anstreben, basiert diese Art des „adventure tourism“ auf menschenunwürdigen Lebensstandards zum Leid der nepalesischen Bevölkerung. Während für diese Sportler_innen alle erforderlichen Maßnahmen und Möglichkeiten zur Bergbesteigung, vor allem seitens der Regierung, bereitgestellt werden, wird hingegen auf die lebensnotwendigen Bedürfnisse wie beispielsweise medizinische Versorgung der Sherpas achtlos verzichtet. Diese ökonomische und humanistische Ausbeutung der Einheimischen verdeutlicht auf drastische Art die negativen Entwicklungen des Massentourismus. Auch wenn die Regierung Nepals auf die Forderungen der Sherpas eingeht und fortwährend weiter verhandelt, so ist dies nur ein kleiner, wenn auch wesentlicher Schritt weg von der Ausbeutung der Sherpas durch den Tourismus.

E.W.

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