Belastung oder Bereicherung? Normal oder Anormal? – Über den Diskurs der Toleranz

Toleranz soll eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zu Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Goethe hat den Toleranzbegriff, aus dem Lateinischen tolerare –„ertragen“ als Duldsamkeit ausgelegt. So auch das OED Wörterbuch (Oxford English Dictionary), das drei Hauptdefinitionen liefert:

  1. “the action or practice of enduring pain or hardship”
  2. “the action of allowing; license, permission granted by an authority
  3. “the disposition to be patient with or indulgent to the opinions or practices of others”

Ob die ARD den Begriff Toleranz auch so verstanden hat? Alles deutet darauf hin, dass dies nicht der Fall ist.

Quelle: meedia.de, Screenshot: br.de

Quelle: meedia.de, Screenshot: br.de

Als der Fernsehsender Ende des Jahres 2014 seine neue Themenwoche über „Toleranz“ vorstellte, waren viele entsetzt. Schockierende Plakate mit „denen“, die „toleriert“ werden sollen, schmückten im November die deutschen Städte. Schockierend nicht, weil Schwarze oder gleichgeschlechtliche Paare abgebildet waren, sondern weil sie mit den platten Titeln „Belastung oder BereicherungNormal oder nicht normal?“ Verknüpfungen reproduzierten, die unfassbar diskriminierend wirkten. Gegenentwürfe zu den Plakaten kursierten schnell im Internet und so wurde die Werbekampagne ins Lächerliche gezogen.

Doch damit war es nicht genug. Denn bei den Plakaten handelte es sich nur um die Werbekampagne des Programms, in dessen Rahmen auch eine Diskussionsrunde über Toleranz mit Mathias Matussek stattfand, der sich kurz davor selbst als homophob bezeichnet hatte. Diejenigen, bei denen die Plakate nicht für Entrüstung gesorgt hatten, regten sich spätestens bei der Einführungsbeschreibung dieses Talks auf:

Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt? (…) Und mit welcher Beharrlichkeit die muslimische Kollegin den Betrieb in der Kantine lahmlegt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist.1 Kurzum: Es bedarf schon einer gehörigen Portion Toleranz, um den Alltag zu überstehen!

Andere hingegen beurteilten die Aufregung dieser „Moralwächter“ als „scheinheilig“ und behaupteten, dass ohnehin niemand einen Anspruch auf Toleranz erheben könne, und schon gar nicht, wenn es sich um „nicht gegebene Eigenschaften“ handele.

Doch anstatt einen weiteren Diskriminierungsvorwurf zu den schon vielen existierenden hinzuzufügen, scheint es sinnvoller, einen genaueren Blick auf den Toleranzbegriff zu werfen. Denn die ARD hat ein exemplarisches Beispiel für das geliefert, was die amerikanische Politikwissenschaftlerin Wendy Brown als Reproduktion von Identitäten im Namen der Toleranz versteht.

Indem sie Toleranz als biopolitische Taktik der Gouvernementalität analysiert, beruft sie sich auf den französischen Philosophen Michel Foucault. Laut ihm bezeichnet Biopolitik eine moderne Form von Macht, die zur Regierung der Bevölkerung nicht wie einst auf die Drohung des Todes zurückgreift, sondern anhand von praktischen und diskursiven Dispositiven das Lebens reguliert. Auf dieselbe Weise fungiert der Begriff der Toleranz – der auf den ersten Blick harmlos und „unschuldig“ scheint – als normative Macht in der Form eines Diskurses, deren Objekte hauptsächlich Ethnizitäten, sexuelle Orientierung und Kulturen sind. Diese werden jedoch nicht nur erläutert, sondern konstituieren durch die inhärente performative Kraft eines Diskurses bestimmte Identitäten, die sich von den westlichen Normen unterscheiden und ihnen so unterlegen sind. Dementsprechend operiert Toleranz als Instrument liberaler Regierungen und legitimiert bestehende Gewalt in unseren Gesellschaften dadurch, dass die Reproduktion eines zu duldenden „Anderen“ strukturell im Toleranzdiskurs verankert ist. Ein flagrantes Beispiel, das Brown 2008 bei einer Debatte am ICI in Berlin vorführte, war wie die Zeitung New York Times die Erwählung von Obama mit einem „Triumph der Toleranz“ gleichsetzte: Zur selben Zeit wie der Artikel ihn als erfolgreich „integrierten“ Schwarzen darstellte, re-marginalisierte er Obama diskursiv:

Mr. Obama’s election in 2008 was a triumph of American democracy and tolerance. He overcame incredible odds to become the first president of mixed race, the first brown-skinned president.

Es ist genau in dieser Hinsicht, dass die Objekte der Plakate als die zu Tolerierenden hervorgehoben werden, also als die nicht-dem-Publikum-angehörigen „Anderen“, sodass ihre Identität als Außenseiter_innen reproduziert wird. Indem der Toleranzdiskurs das zu tolerierende Subjekt als Produkt einer Gruppenidentität darstellt, das also einer Gruppe angehört, die andere „Praktiken und Ansichten“ hat als „wir“, wird die „Unterschiedlichkeit“ zwischen „uns“ und „ihnen“ zusätzlich hervorgehoben. Dies weist auf einen logischen Folgeschluss hin, den Rainer Forst als eine der Hauptcharakteristika von Toleranz bezeichnet: Die Ablehnung. Toleranz ist nicht neutral, denn um etwas zu tolerieren, muss man der Meinung sein, dass es falsch ist. So erscheint Toleranz als Mittel zur Regulierung des ungleichen sprich gefährlichen „Fremden“, der sich in unserer Gesellschaft eingenistet hat.

Ein weiterer wichtiger Faktor der Toleranz, den Brown erläutert, ist dessen entpolitisierender Effekt. Dadurch dass Liberalismus sich als säkular oder gewissermaßen kulturell und religiös neutral gibt, reduziert es viele Auseinandersetzungen auf ihre „kulturelle“, „natürliche Essenz“, und macht andere Faktoren wie Kolonialismus oder Wirtschaft unsichtbar. Laut Brown kann Bush also von einer essentiellen „Natur“ seiner Feinde reden und dementsprechend religiösen, sprich islamischen, Fundamentalismus als Erklärung für alle Konflikte gelten lassen. Doch der Liberalismus, der sich rühmt die Religion in den privaten Bereich einzugrenzen, ist weder norm- noch kulturlos. So auch die Broschüre der ARD „Toleranzwoche“, in der Reinhard Marx, Leiter der Deutschen Bischofskonferenz behauptet, „Wir müssen uns, gerade als Christen, zu unseren Werten und Überzeugungen bekennen, wenn wir aufrecht in den Kontakt mit anderen Religionen treten wollen.“ Die Zeit bemerkt richtig: „Das Wir, von dem er spricht, ist ein Christen-Wir. Nicht-Wir, das sind andere Religionen.“ Dies weist auf eine Asymmetrie hin, nach der verschiedene Religionen schon im Voraus als intolerant gekennzeichnet sind, wobei andere eine solche Hegemonie ausüben, dass sie schon als „Mainstream“ gelten.

Des weiteren ist der nationale entpolitisierende Toleranz-Diskurs mit dem internationalen verkettet. Die Verbindung von Säkularismus, Aufklärung, Zivilisation und Toleranz, so Brown, wurde auch bei den Eingriffen im Irak und Afghanistan 2001 und 2003 benutzt. Und es ist auch diese Mischung, nach der die Staatsoberhäupter gegenüber der Machtlosigkeit nach den Charlie Hebdo Attentaten, riefen:

Today it is the Republic as a whole that has been attacked. The Republic equals freedom of expression; the Republic equals culture, creation, it equals pluralism and democracy. That is what the assassins were targeting. It equals the ideal of justice and peace that France promotes everywhere on the international stage, and the message of peace and tolerance that we defend – as do our soldiers – in the fight against terrorism and fundamentalism.(François Hollande)

Frankreich erteilt keinem Land Lektionen. Aber Frankreich akzeptiert auch keinerlei Intoleranz (…) Die französische Flagge ist die der Freiheit.“ – La France ne fait pas de leçon, à aucun pays, mais la France n’accepte aucune intolérance (…) le drapeau français, c’est toujours celui de la liberté.“
(François Hollande)

In den beiden Äußerungen von François Hollande wird Toleranz mit Gleichheit und Meinungsfreiheit sowie Demokratie gleichgestellt. Folgendermaßen scheint Toleranz nicht nur eine Tugend zu sein, sondern ein exklusiv Westliches Allgemeingut, das man auch international verteidigen muss. Kein Wunder, dass in Frankreich Voltaires Traktat über die Toleranz am Anfang des Jahres als Bestseller galt: „Man muss den Fanatismus ganz und gar ausrotten.2 Indem man sich zu Hause als tolerant gibt, kann man auch im Namen der Toleranz gegen die barbarischen Intoleranten vorgehen. Dementsprechend weist Brown darauf hin, dass die Toleranz als solche nicht das Problem sei, sondern eher der Ruf nach Toleranz: Der Ruf nach dem Etablieren von Toleranz als Synonym von Modernität und Aufklärung differenziert „uns“ von „ihnen“ und verstärkt durch diese Essentialisierung und Entpolitisierung die Konsequenzen unserer Unterschiede und dem „Anderssein“ anstatt sie zu vermindern, sodass postkoloniale, Said zufolge „orientalistische“ Darstellungen und deren Dominanz- und Unterdrückungssysteme perpetuiert werden.

So kann man der ARD vielleicht zum Schluss doch dankbar sein – nämlich dass sie gerade den Begriff der Toleranz als Tugend in Frage gestellt hat.

Charline Kopf

1Dies wird in Frankreich bald kein Problem mehr darstellen, falls Sarkozy im Jahr 2017 gewählt wird und sein Versprechen der Schweinefleisch-Abgabe hält…

2 Wobei man bemerken muss, dass Voltaire hier auch stark das Christentum kritisiert hat: „Wir, die Christen sind Verfolger, Henker, Mörder gewesen“.

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