Gewaltvolle Konflikte weltweit – primordiale, instrumentelle und konstruktivistische Perspektive auf Identitäten

Gewaltvolle Konflikte und Kriege innerhalb und zwischen Staaten waren und sind allgegenwärtig. Doch wenn ich in den gängigen Medien etwas über Konflikte wie in der Ukraine, in Syrien oder im Jemen höre, dann habe ich nicht das Gefühl, dass ich wirklich etwas über den Konflikt, die Konfliktursachen und die Konfliktparteien erfahre. Identitäten (mehr zum Begriff der (kollektiven) Identität in diesem Beitrag) in diesen Konflikten werden oft nur aus primordialer Sichtweise Beachtung geschenkt – auf Grund von religiösen Unterschieden, scheinbar auf Grund der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Ethnie oder auf Grund von einer anderen „von Natur aus“ festgeschriebenen Gemeinsamkeit schließen sich diese oder jene Gruppierungen zusammen und ziehen in den bewaffneten Kampf. Dieser Beitrag stellt drei theoretische Perspektiven auf den Zusammenhang von Identitäten und weltweiten Konflikten dar und kommt zu dem Schluss, dass wir alle viele Identitäten besitzen und diese in Konflikten unterschiedlich instrumentalisiert werden können.

Andreas Hasenclever und Volker Rittberger beschäftigen sich in einem Beitrag des Millennium – Journal of International Studies von 2000 mit drei theoretischen Perspektiven hinsichtlich der Bedeutung des religiösen Glaubens auf politische Konflikte. Sie reagieren damit auf die von Wissenschaftler*innen angenommene Korrelation zwischen dem politischen Wiederaufleben von religiösen Gemeinschaften und Konflikten weltweit.

Die häufig angenommene Sichtweise des Primordialismus sieht dabei als wichtigste unabhängige Variable die Unterschiede von beispielsweise religiösen Traditionen. Die persönliche Identität wird statisch als mit Religion, Ethnizität etc. verbunden beurteilt. Kollektive Akteure schließen sich aus dieser theoretischen Perspektive auf Grund von ähnlichen Weltbildern zusammen, religiöse Unterschiede und unterschiedliche Weltbilder führen demnach zu Spannungen und diese können sich in gewaltvollen Konflikten entladen.

Diese Sichtweise berücksichtigt jedoch nicht die vielen verschiedenen und überlappenden Identitäten einer Person. Wenn ich an meine eigene Identität denke, so kommt es auf die Situation an, welche Identität in welchem Moment überwiegt. Wenn ich beispielsweise Ungerechtigkeit gegenüber Frauen erlebe, fühle ich mich meine Identität als Frau stark. A.F. beschreibt in dem Beitrag, dass auch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer oder mehreren Nationen nicht statisch ist, denn Identitäten sind komplex und vielfältig und die statische Sichtweise wird dieser Komplexität nicht gerecht.

Im Gegensatz zum Primordialismus geht der theoretische Ansatz des Instrumentalismus davon aus, dass Konflikte durch religiösen Glauben verstärkt, aber nicht von diesen verursacht werden.

Anthony D. Smith sieht viele kulturelle, ethnische und religiöse „Marker“ in jeder Nation, die von eigennützigen Führer*innen zu dem Zweck der Identitätsbildung und Mobilisierung zu kollektiven Aktionen ausgenutzt werden können. Dazu sei die Existenz von „pre-existing raw materials“ wie z.B. gemeinsame Mythen, Sprache, religiöse Traditionen notwendig. Stephan Rosiny ist der Meinung, dass „Menschen Schutz, Solidarität und Vertrauen [in primordialen Bindungen und religiösen Ideologien suchen], weil sie keine Verlässlichkeit mehr im Staat und der […] Nation finden.“

Der Instrumentalismus sieht die Ursachen für Kriege und Konflikte damit nicht in religiösen oder die Ethnie betreffenden Unterschieden, sondern vielmehr in ökonomischen, sozialen und politischen Ungleichheiten innerhalb und zwischen Nationen. Innerhalb von Staaten sei eine Politisierung und Radikalisierung von religiösen Gemeinschaften in Zeiten wirtschaftlichen und sozialen Abbaus und Staatsversagen besonders wahrscheinlich, da die Menschen nach Verbesserung und Halt in religiösen Traditionen suchen würden. Diese Hinwendung zum religiösen Glauben in Zeiten der Not könne nach Hasenclever und Rittberger durch nach Macht strebende politische Eliten ausgenutzt werden. Damit scheint die Eskalation von Konflikten nach diesem theoretischen Ansatz unwahrscheinlich in wohlhabenden und respektierten Gemeinschaften, aber sehr wahrscheinlich in Gemeinschaften, die über nicht ausreichend ökonomische und soziale Ressourcen verfügen.

Die konstruktivistische Perspektive teilt die Annahmen des Instrumentalismus, geht aber darüber hinaus, indem sie stärker auf die Konstruktion von Identitäten eingeht. Soziale Konflikte sind nach diesem theoretischen Ansatz eingebettet in kognitive Strukturen (z.B. Ideologie, Nationalismus, Ethnizität, Religion) und soziale Akteure sind durch diese geprägt und beeinflusst in ihren strategischen Entscheidungen, da sie sich selbst und die anderen auf bestimmte Art und Weise wahrnehmen. Religiöse Traditionen sind demnach intersubjektive Strukturen, die von sozialen Praktiken und Interaktionen abhängig sind, die unweigerlich mit dem Selbstverständnis und der Identität der Akteure zusammenhängen. Nicht die Tatsache der gemeinsamen Identität, sondern beispielsweise gemeinsame Diskriminierungserfahrungen können zu einem Zusammenschluss und zu Auflehnung und Gewaltanwendung führen.

Die Frage, die P.G. in dem Beitrag „Was wissen wir über den Rest? Und woher?“ aufwirft, sollte meiner Meinung nach auch in Bezug auf gewaltvolle Konflikte weltweit gestellt werden. Die theoretischen Ansätze, die hier vorgestellt wurden, helfen vielleicht dabei die Darstellungen in den Medien kritischer zu hinterfragen. Die Sichtweise des Instrumentalismus und des Konstruktivismus zeigen, dass Kriege nicht auf Grund von beispielsweise Religionsunterschieden geführt werden, sondern dass gemeinsame Erfahrungen dazu führen können, dass eine bestimmte Identität in einem bestimmten Kontext wichtiger wird. Weil ich von anderen als „Frau“ erkannt werde, mache ich zum Beispiel sexistische Erfahrungen und werde darum feministisch aktiv und schließe mich mit anderen zusammen. Ausschlaggebend ist nicht die Tatsache der Zugehörigkeit, sondern vielmehr die äußere Zuschreibung, die zu gemeinsamen Erfahrungen führt, durch die wir eine Identität mehr oder weniger spüren. In Bezug auf gewaltvolle Konflikte zeigen die theoretischen Ansätze des Instrumentalismus und vor allem des Konstruktivismus, dass Konflikte nicht auf Grund von irgendwelchen Unterschieden entstehen und dass Zugehörigkeiten und Identitäten konstruiert sind und damit kontingent.

M.S.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Konflikt, Theorie abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Gewaltvolle Konflikte weltweit – primordiale, instrumentelle und konstruktivistische Perspektive auf Identitäten

  1. Pingback: Understanding Boko Haram | nowestversusrest

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s