What are little boys and girls made of? – Gendering International Relations

What are little boys made of?Snipsandsnailsandpuppydogtails
Snips and snails, and puppy dogs tails
That’s what little boys are made of!”
What are little girls made of?

Sugar and spice and all things nice
That’s what little girls are made of!”
(19th c. English rhyme)

Dieser aus dem 19. Jahrhundert stammende englische Kinderreim ist ein exemplarisches Beispiel für Joan Scotts Definition von Gender: „a constitutive element of social relationships based on perceived differences between the sexes, and… a primary way of signifying relationships of power.“ Obwohl es Unterschiede zur Interpretation und Bedeutung von „Snips and snails“ gibt, zeigt dieses Lied, inwiefern Mädchen und Jungen verschiedene Eigenschaften zugeordnet werden: Die frühere Version des Liedes, in der „snips of (little bits of) snails and puppy dog tails“ auf abgetrennte Schnecken und Hundeschwänze hindeuten, sowie die neuere von „frogs, and snails, and puppy dog tails“ verbinden Jungen mit physischen, „räuberischen“ Aktivitäten und im Allgemeinen mit „Abenteuern“ in der Natur. Mädchen hingegen werden mit „süßen“ und „netten“ Sachen assoziiert.

Auf diese Geschlechtsvorstellungen möchte ich, in Anlehnung an den Artikel über die „Frau als Symbol für die Nation“, einen etwas genaueren Blick in die internationalen Beziehungen werfen und so auf einige der Hauptdebatten eingehen.

Dementsprechend werden laut Ann Tickner Werte wie Stärke, Courage, Kraft, Rationalität, Unabhängigkeit, als männliche Normen angesehen, die im öffentlichen, politischen Rahmen notwendig sind, um die Beschützerrolle gegenüber dem Rest der Nation, sprich Frauen und Kindern, einzunehmen. Dieses sozial konstruierte Ideal eines Mannes, das patriarchale Autorität generiert, wird durch dessen weibliches „Gegenstück“ ergänzt, das durch Werte wie Schwäche, Abhängigkeit, Emotionalität, Passivität gekennzeichnet ist und der Privatsphäre zugeordnet wird. Anhand von diesen Binomen strukturiert Sprache auch unsere Eindrücke und Wertvorstellungen. Dies kann man sehr gut an bildlichen und medialen Inszenierungen erkennen, wie Silke Wenk es anhand der Terrorattacken von 9/11 analysiert hat: Indem die Feuerwehrmänner als Soldaten glorifiziert werden, die die unterlegenen weiblichen Opfer retten, wird das autoritäre Machtverhältnis – Macht verstanden als inhärentes Element aller sozialen Beziehungen, das als ordnendes Prinzip der Gesellschaft funktioniert – reproduziert. Die Bilder zu schützender femininer Körper fungieren nach dem tiefeingesessenen Rollenschema, sodass in Zeiten kriegerischer Bedrohungen zumindest die Ordnung der Geschlechter bestehen bleibt und so die Ohnmacht gegenüber außerstaatlicher Gewalt überspielt und den Schein der Kontrolle bewahrt wird. Dies weist auch wiederum auf das Bedürfnis konstanter Narration einer Nation hin: Die Gemeinschaft und Nation, oft als Frau oder Mutter dargestellt, braucht diese Geschlechterrollen, die auf kulturell determinierten binären Unterscheiden wie außen und innen, privat und öffentlich basieren, um sich gegen Feinde abgrenzen zu können.

Diese Analyse der medialen Inszenierungen ermöglicht uns Mythen der Sicherheit zu dekonstruieren. Nach Gordon Stables sind die Armee und der Krieg so eng mit traditionellen männlichen Normen verbunden, dass man von einer institutionellen Beziehung zwischen Militär und Maskulinität sprechen kann: „The scene of international, particularly military, affairs, provides a narrative structure rich in masculine norms.“ Dementsprechend wird sich im zwischenstaatlichen Kontext regelmäßig auf den Schutz der Frau und die Wichtigkeiten ihrer Emanzipierung berufen, um internationale Eingriffe zu legitimieren. So analysieren Elisabeth Klaus und Susanne Kassel, wie durch die Verbindung von Krieg, Gender und Medien in Zeitungen wie Der Spiegel und Focus Bilder verschleierter afghanischer Frauen zur symbolischen Repräsentation einer fremden und irrationalen, sprich gefährlichen Kultur werden. Diese Darstellungen, die in die öffentliche Debatte über Interventionen miteinfließen, werden zu Instrumenten psychologischer Kriegsführung. Deren Ziel ist es, die „Herzen und Köpfe“, d.h. die Zustimmung der Bevölkerung und so den nationalen Konsens für einen internationalen Eingriff zu gewinnen, der für die politische Legitimität notwendig ist, vor allem wenn es sich dabei nicht um eine Verteidigung bei einem direkten Angriff handelt. In diesem Duktus appellierte z.B. Gerhard Schröder 2001 an die Befreiung von Frauen im Kontext des Militäreinsatzes im Afghanistan-Krieg:

Wer die Fernsehbilder von den feiernden Menschen in Kabul nach dem Abzug der Taliban gesehen hat – ich denke hier vor allen Dingen an die Bilder der Frauen, die sich endlich wieder frei auf den Straßen begegnen dürfen -, dem sollte es nicht schwer fallen, das Ergebnis der Militärschläge im Sinne der Menschen dort zu bewerten.

Die komplexeren Dynamiken und Interessen in bewaffneten Konflikten werden demnach oft auf ein einfacheres schwarz-weiß Schemata reduziert, das die duale Konstruktion von Freund und Feind im Namen der Frauenrechte reproduziert. Momentan passiert das durch das Hervorheben der Hilflosigkeit von Frauen und Kinder, angesichts des „Islamischen Staats“ (IS) und Boko Haram: Tagtäglich werden wir mit Nachrichten von verkauften, vergewaltigten und brutal ermordeten Frauen konfrontiert, die als Kriegsbeute verschleppt werden. Dies bedeutet auf keinen Fall, dass diesen Grausamkeiten weniger Beachtung geschenkt werden sollte, sondern soll zeigen, wie das Konzept der „weiblichen und kindlichen Verletzlichkeit“ in medialen Inszenierungen aktiv benutzt wird um gegen Terroristen vorzugehen. Das wird auch in der Gegenpropaganda des Französischen Verteidigungsministerium deutlich: Bilder von durch Terroristen verängstigte Kinder und unterworfenen Frauen sollen davon abhalten, dem IS beizutreten.

Hinter dieser Verflechtung von Medien und Kriegslogik, die auf binären Geschlechterkonstruktionen basiert ist, versteckt sich eine postkoloniale Dimension. Dementsprechend wird das Lüften des Schleiers der Frau als eine „Befreiung“ der muslimischen Gesellschaft repräsentiert und als Schritt hin zur „Moderne“ verstanden. Indem sich der Westen als fortschrittliche Gesellschaft gibt, in der Frauen gleichberechtigt sind, werden muslimische Länder als rückständige, inhärent patriarchale Gesellschaften dargestellt. An diesem Beispiel wird besonders klar, was postkoloniale Autor_innen, wie Chandra Mohanty und Avtar Brah dem „Westen“, und auch „westlichen“ Feminist_innen vorwerfen: nämlich Eurozentrismus. So warnt Mohanty vor westlichem Imperialismus der auf Weißen, männlichen Werten basiert und Frauen emanzipieren möchte. Ein Beispiel dafür ist die Verärgerung vieler Frauen nach der Veröffentlichung des Artikels „Why Do They Hate Us?“ der ägyptisch-amerikanischen Journalistin Mona Eltahawy in der Zeitschrift „Foreign Policy“. Die Journalistin, die den Islam und den Hass der Männer für die Unterdrückung arabischer Frauen verantwortlich macht, wurde mehrfach beschuldigt diese Frauen als Opfer darzustellen und so das koloniale Bild der unterworfenen Frau als Anzeichen für die „Primitivität“ anderer Kulturen zu revitalisieren. Ähnlich wie Eltahawy hat die deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek muslimischen Migrant_innen vorgeworfen, Frauen zu unterdrücken indem sie ihre Mädchen in Deutschland zwangsverheiraten. In diesen Beispielen wird Spivaks Äußerung „Weiße Männer retten braune Frauen vor braunen Männern“ zu „Weiße Frauen retten braune Frauen vor braunen Männern“ umformuliert. Dabei steht in der Westen als „zivilisiert“ und moralisch höher gegenüber einer menschenrechtsverletzenden muslimischen Gesellschaft, deren Frauen man retten muss. Um diesem Westlichen Feminismus zu entkommen, plädieren postkoloniale Autor_innen beim Untersuchen von Gender für die Theorie der Intersektionalität, in der „Rasse“, Klasse und der geographische Standpunkt miteinbezogen werden.

So geht es nicht darum, Menschenrechtsverletzungen oder Ungerechtigkeiten zu ignorieren, sondern darauf aufmerksam zu machen, welche Interessen bei diesen Geschlechterdarstellungen auf internationaler und nationaler Ebene mitspielen. In diesem Kontext scheint Edward Saids Zitat besonders wertvoll:

Just as none of us is outside or beyond geography, none of us is completely free from the struggle over geography. That struggle is complex and interesting because it is not only about soldiers and cannons but also about ideas, about forms, about images and imaginings.“

Die Bilder verschleierter Frauen, die an die Gefühle des Publikums und an deren Verantwortung appellieren, verkörpern die Vorstellung eines patriarchalen Islams und machen so die komplexeren Wechselspiele eines Konfliktes unsichtbar. Es geht also darum, die diskursive Macht der Medien und Bilder und deren Verwobenheit mit Geschlechterkonstruktionen und Kriegslogik zu analysieren, um den Appell an „männliche Beschützerinstinkte“ als Legitimierung von Eingriffen aufzudecken und postkoloniale Strukturen sichtbar zu machen.

C.K.

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