Referat: „The Racialization of the Hutu/Tutsi Difference under Colonialism”

Was haben die ehemaligen Kolonialmächte Belgien und Deutschland mit dem Völkermord 1994 in Ruanda zu tun? Einige werden sofort an die Untätigkeit der internationalen Staatengemeinschaft und an den Abzug der Blauhelmtruppen denken, die der Ermordung von mehr als 800.000 Tutsi und gemäßigten Hutu durch radikale Hutu Milizen scheinbar tatenlos zusahen.

Das ist richtig, allerdings reicht die Verantwortung der ehemaligen Kolonialmächte weitaus weiter. Mahmood Mamdani zeigt in dem Kapitel „The Racialization of the Hutu/Tutsi Difference under Colonialism“ (2002), wie die Politik der Kolonialmächte bis 1962 den Grundstein für die Eskalation des Konflikts legte.

Dabei geht er von der These aus, dass der Unterschied zwischen Hutu und Tutsi vormals ein sozialpolitischer war und unter dem Kolonialismus „rassifiziert“ wurde. Mamdani zitiert Hannah Arendt, die sagt, dass es für einen Völkermord sowohl eine Rassenideologie als auch einen funktionierenden Bürokratieapperat brauche. Ihm geht es deshalb darum zu zeigen, wie zunächst Deutschland, später aber vor allem Belgien als Kolonialmächte genau diese beiden Voraussetzungen in Ruanda geschaffen haben.

Zunächst einmal untersucht Mamdani den Ursprung der „Rassenideologie“. Einer der Hintergründe dieser Pseudowissenschaft, die ihren Siegeszug im 19. Jahrhunderts feierte, ist die Tatsache, dass Europa die Missionierung, Kolonialisierung und Versklavung weiter Teile der Welt zumeist damit rechtfertigte, dass die Menschen in Afrika und anderswo durch Europa zivilisiert werden müssten. Diese krude Argumentation sah sich mit der Zeit zwei Problemen ausgesetzt. Zum einen fanden die kolonialen Eroberer in Afrika sehr wohl hoch komplexe ausdifferenzierte Gesellschaften vor und die Rede vom „unzivilisierten Afrika“ ließ sich kaum aufrecht erhalten.

Zum anderen besann sich Europa zunehmend auf seine antiken Wurzeln und kam deswegen auch nicht umhin, das alte Ägypten als wichtige und einflussreiche Hochkultur anzuerkennen. Da Ägypten aber zu Afrika gehörte, sah man sich gewissermaßen gezwungen, den Kontinent zum Teil umzudeuten, um sich guten Gewissens auf die alten Ägypter berufen zu können.

An diesem Punkt kommt die sogenannte Hamitische These ins Spiel, die auf die Bibel zurückgeht. Dort ist die Rede von Noah und seinen drei Söhnen. Einer von ihnen, Ham, beschämte seinen Vater, über die Art und Weise gibt es unterschiedliche Erzählungen. Noah verfluchte seinen Sohn daraufhin und mit ihm alle seine Nachkommen. Dies ist zunächst einmal ein biblischer Mythos, der jedoch so umgedeutet wurde, dass aus den drei Söhnen Noahs drei „Menschenrassen“ wurden, die Arier, die Semiten und die Hamiten. Die letzteren waren durch den Fluch Noahs schwarz geworden, stammten aber noch von Noah ab, waren also in der Lage, eine alte Hochkultur wie das alte Ägypten hervorzubringen. Hinzu kam auch, dass die sogenannten Hamiten dazu auserkoren wären, die „eingeborenen“ Völker Afrikas zu beherrschen.

Soweit so schlecht. Tatsache ist jedoch, dass diese völlig abstruse und zurechtgebogene Legende im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer wissenschaftlichen Tatsache umfunktioniert wurde. In Forschungen wollte man herausgefunden haben, dass es tatsächlich so etwas wie Hamiten gegeben hatte, die vor langer Zeit aus Eurasien nach Afrika gewandert waren, die Viehzüchter waren und einer gemeinsamen Sprachfamilie angehörten. In diesen Topf warf man neben Ägyptern, Berbern, Äthiopiern und Massai eben auch die Tutsi aus Ruanda. Dass diese unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen weder alle Viehzüchter waren, noch verwandte Sprachen hatten, übersah man einfach.

Doch was hat das alles mit Belgien und dem Völkermord zu tun? Mamdani argumentiert, dass die belgischen Kolonialherren auf Grundlage eben dieser Hamitischen These die Überlegenheit der Tutsi gegenüber den Hutu ideologisch begründeten und real werden ließen, indem sie die Tutsi zur Herrschaftselite des Landes ausbildeten. Zum Beispiel bekamen Tutsi- Kinder eine bessere Schulbildung und wurden auf Französisch unterrichtet. Außerdem gab es eine ganze Reihe tiefgreifender administrativer Reformen, die das alte Gleichgewicht zwischen Hutu und Tutsi zerstörten. Dieser Prozess fand in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts statt.

Die institutionell und ideologisch abgesicherte Vormachtstellung der Tutsi begünstigte ein unmenschliches System, in dem Hutu zur Arbeit und zu horrenden Abgaben an lokale Tutsi- Eliten gezwungen wurden.

1933 führten die Belgier zudem eine Volkszählung in Ruanda durch, bei der fast die gesamte Bevölkerung in Hutu und Tutsi klassifiziert wurde und die als Endpunkt des „Rassifizierungsprozesses“ gelten kann. Durch die (oft genug willkürliche) offizielle Klassifizierung in Hutu und Tutsi, wurde die Hutu-Mehrheit zu einer indigenen Gruppe, während die Tutsi-Minderheit als nicht indigen und deshalb überlegen konstruiert wurde.

Die Trennung der lokalen Bevölkerung in indigene Mehrheit und nicht indigene Minderheit hatte für die belgische Kolonialmacht einen konkreten machtpolitischen Nutzen, da die als überlegen konstruierte Tutsi-Elite als Herrschaftsinstanz installiert werden konnte. Mamdani spricht in diesem Zusammenhang von indirekter Herrschaft, die dazu führt, dass Konflikte und Spannungen zwischen den Kolonialisierten und den eigentlichen Kolonialisierern minimiert werden und auf die Bevölkerung abgewälzt werden können.

Zwar haben die Kolonialmächte die Unterscheidung zwischen Hutu und Tutsi nicht erfunden, sie hatte auch in vorkolonialer Zeit Bedeutung. Jedoch wurden Hutu und Tutsi als hierarchisierte „Rassen“ konstruiert.

Und eben diese institutionell hergestellte und ideologisch abgesicherte Ungleichheit von Hutu und Tutsi durch die Kolonialmächte sollte als ein entscheidender Faktor im ruandischen Völkermord nicht vergessen werden.

C.L.

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