Zivilgesellschaft im afrikanischen Kontext

Das Konzept der Zivilgesellschaft ist in der wissenschaftlichen Debatte sehr umstritten, insbesondere wenn es um den afrikanischen Kontext geht. Die Spannbreite der Positionen reichen von ‚Heilsbringer für die Demokratie‘ bis zum ‚verlängerten Arm des Neokolonialismus‘. Was steckt hinter den widerstreitenden Ansätzen? Welche Konzepte von Zivilgesellschaft gibt es und was für eine Bedeutung haben sie für Subsahara Afrika? Diese Fragen sollen im Folgenden diskutiert werden, können aber auf Grund des engen Rahmens nur angerissen werden.

Zunächst einmal lassen sich unterschiedliche Definitionen von Zivilgesellschaft ausmachen. Was zählt überhaupt alles zur Zivilgesellschaft?

Der breite Definitionsansatz geht davon aus, dass Zivilgesellschaft alle öffentlichen, politischen und nicht staatlichen Aktivitäten miteinschließt. Ein engerer Ansatz versteht nur solche Aktivitäten als Zivilgesellschaft, die den Staat direkt herausfordern. Bei diesem Ansatz wird jedoch eine strikte Trennung von Staat und Zivilgesellschaft vorausgesetzt, die bei näherem Hinsehen nicht unbedingt aufrecht erhalten werden kann. Eine dritte Möglichkeit betrachtet hingegen vor allem Organisationen als konstitutiv für Zivilgesellschaften. Dieser Ansatz geht auf Alexis de Toqueville zurück, der ein republikanisches Verständnis von Zivilgesellschaft prägte. Strittig daran ist jedoch, dass der unterschiedliche Zugang von gesellschaftlichen Gruppen zu Organisationen auf Grund von Ungleichheiten ausgeblendet wird. Grundsätzlicher wird dieser Ansatz kritisiert, weil viele Vertreter_innen dieses Ansatzes Zivilgesellschaft nicht als Raum für gesellschaftspolitische Aushandlungsprozesse verstehen, sondern vor allem als die Begrenzung des Staates. Nach einem erweiterten Verständnis ist Zivilgesellschaft mehr als die Summe nicht-staatlicher Akteure und besteht nicht, wie oft genug suggeriert wird, aus einer homogenen Meinung.

An dieser Stelle soll kurz auf zwei Vertreter eingegangen werden, Habermas und Gramsci.

Jürgen Habermas versteht Zivilgesellschaft aus einer Akteursperspektive als kommunikativen Vermittler zwischen der Lebenswelt der Menschen und dem Staat. Er entwickelte den Begriff der kommunikativen Macht, die innerhalb der Zivilgesellschaft existiert und über institutionalisierte Verfahren in administrative Macht umgeformt werden kann.

Eine andere Perspektive, aus der Gramsci und auch Foucault kommen, versteht Zivilgesellschaft als deutlich umkämpftere Sphäre als Habermas dies tut. Bei Gramscis Hegemonie-Konzept geht es vor allem um den Kampf um Macht, der über Diskurse funktioniert und alle gesellschaftlichen Arenen umfasst. Dabei lassen sich Staat und Gesellschaft nicht so einfach trennen.

Ein grundsätzliches Problem aller Ansätze zur Zivilgesellschaft in Afrika, ist die Gefahr, die Westlichen Vorstellungen von Zivilgesellschaft einfach zu übertragen ohne die normativen Prämissen dahinter zu hinterfragen und ohne der spezifischen Situation in Afrika Rechnung zu tragen. Zudem werden oft genug viel zu hohe Erwartungen an Zivilgesellschaften gestellt. Sie allein sollen für eine Demokratie nach Westlichem Vorbild sorgen.

Eine sehr kritische Sichtweise auf Zivilgesellschaft kommt vor allem aus der Bewegungsforschung. Dabei werden die Parallelen zur Kolonialzeit in den Vordergrund gerückt. Zivilgesellschaft diene vor allem dazu, das neoliberale Projekt durchzusetzen und stütze damit Unterdrückung und Ausbeutung. Zudem wird der massive Einfluss von Entwicklungshilfe und Nicht-Regierungs-Organisationen auf zivilgesellschaftliche Strukturen in Afrika kritisiert. Allerdings kann diesem Ansatz vorgeworfen werden, dass er die Selbstorganisation afrikanischer Gesellschaften systematisch unterschätzte.

Die Bewegungsforschung untersucht vor allem kollektives Handeln, das Herrschaftsverhältnisse radikal in Frage stellt und unterscheidet deshalb zwischen Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen. Zivilgesellschaft kann in diesem Kontext nur systemstabilisierend wirken, da sie die grundlegenden Vorstellungen von Staat und Gesellschaft nicht in Frage stellt und den Staus Quo bekräftigt.

Die Entwicklungsforschung macht hingegen keinen Unterschied zwischen Zivilgesellschaft und sozialen Bewegungen. Generell werden kollektive Handlungen untersucht, die nur auf systemimmanente Transformationen abzielen.

Wir sehen also, was für einen entscheidenden Unterschied es macht, welche Akteure und Aktivitäten zur Zivilgesellschaft gezählt werden und welche nicht. Jeder Ansatz hat zudem eigene Vorannahmen und Hintergründe. Fest steht, dass Zivilgesellschaft kein eindimensionales Konzept und kein neutraler Akteur sein kann, sondern ein vielschichtiges Phänomen darstellt, das ganz unterschiedlich konzeptualisiert werden kann. Davon abhängig ist schließlich auch, ob und welche Erwartungen man in die Entwicklung von Zivilgesellschaften in Subsahara Afrika haben kann.

C.L.

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