Wer soll die konservativen sunnitischen Muslime vertreten?

In der internationalen Politik und in den innenpolitischen Angelegenheiten der mehrheitlich muslimischen Länder gibt es verschiedene politische Richtungen, welche den konservativen Flügel der sunnitischen Muslime repräsentieren wollen und um die Vormacht im Nahen Osten kämpfen. Eine Analyse der verschiedenen Interessengruppen.

Zuerst muss man klarstellen, dass in diesem Artikel die sunnitischen Muslime und ihre Vertreter untersucht werden. Außerdem wird der Begriff „Muslim“ für konservative Muslime genutzt. Dies soll nur der Vereinfachung dienen und nichts über das Muslimsein der nichtkonservativen Muslime aussagen.

Die Golfmonarchien

Die Golfmonarchien repräsentieren unter der Führung Saudi-Arabiens viele muslimische Länder im Nahen Osten. Sie sind finanziell die stärkste Gruppe. Ihre Ideologie stützt sich auf den Wahhabismus, welcher für eine drakonische Auslegung des Islams bekannt ist. In den Golfmonarchien herrscht ein beduinisch-arabisch geprägtes Schariasystem. In diesem System werden die nicht-heimischen Muslime nicht als gleichrangige Mitglieder der Gesellschaft angesehen, weshalb es in diesen Ländern z.B. sklaven-ähnliche muslimische Arbeiter gibt. Die Golfmonarchien haben ein sehr gutes Verhältnis zu den westlichen Staaten. Jedoch werden diese guten Beziehungen unter den Muslimen so interpretiert, dass die Golfmonarchien Marionetten des Westens wären. Diese Ansicht ist auch unter der Bevölkerung in den Golfmonarchien verbreitet.

AKP und die Muslimbruderschaft in Ägypten

Erdogan schaffte es in der Türkei mit seiner Partei, demokratisch gewählt zu werden. Die AKP genießt eine große Unterstützung unter den Muslimen. In der Türkei errang Erdogan 2014 in den Präsidentschaftswahlen 52%. Zudem sehen ihn viele Muslime im arabischen Raum als Vorbild, was auch erklärt, warum er einer der beliebtesten Politiker dieser Region ist. Während Erdogan in der Türkei über die AKP Einfluss nimmt, hat er in den arabischen Staaten in der Muslimbruderschaft in Ägypten einen guten Verbündeten gefunden. Die Muslimbruderschaft sah in der AKP ein Erfolgsmodell für sich. Auch daher entschied sich die Muslimbruderschaft, sich nach dem arabischen Frühling zur Wahl zu stellen. 2012 wurde Mursi mit 52% der Stimmen demokratisch zum Präsidenten Ägyptens gewählt. Bis zum Putsch von Mursi im Jahre 2013 kooperierte die Türkei mit Ägypten. Diese Kooperation ist auch darauf zurückzuführen, dass die „Milli Görüs“, aus der die AKP ursprünglich entstand, der Muslimbruderschaft ideologisch nahe war. Außerdem unterstützt Katar bis heute dieses Bündnis. Es löste sich vom Block um Saudi-Arabien ab und wurde zur „Finanzquelle“ des AKP-Muslimbruderschaftsbündnis. Dieses Bündnis genießt große Unterstützung im Volk und lehnt Gewalt ab. Dies zeigte sich auch darin, dass die Muslimbruderschaft trotz des Putsches und den Massenmorden des Putschregimes nicht zur Waffe griff. Jedoch hat dieses Bündnis seine Schwäche darin, dass es immer gegen Putschversuche kämpfen muss bzw. musste und geringe Unterstützung im Westen bekommt. Zudem bekämpfen die Golfmonarchien mit ihren Petro-Dollars und ihrer politischen Macht die Muslimbruderschaft vehement.

Konfrontation und Zusammenarbeit

Saudi-Arabien und die Golfmonarchien sehen in der Muslimbruderschaft eine Gefahr für die Sicherheit ihrer Regimes. Während der Regierungszeit Mursis befürchteten die Golfmonarchien, dass Mursi für ein Erstarken der Muslimbruderschaft in ihren Ländern sorgen könnte. Dies könnte in eine Revolution münden. Daher erfreuten sich die Golfmonarchien über den Sturz Mursis und unterstützten die neue Regierung unter Sisi. Dagegen wetterten Türkei und Katar. Bis heute haben diese zwei Staaten ein sehr schlechtes Verhältnis zu Ägypten. Die Funktionäre der Muslimbruderschaft, welche ins Exil geflüchtet sind, befinden sich in der Türkei oder in Katar. Während Saudi-Arabien durch die Vereinigung der Golfmonarchien und durch das Öl versucht, ein Machtzentrum um sich herum zu bilden, versucht die Türkei mit der Unterstützung der Bevölkerung, Demokratie, Bildung und Bündnissen, ein Machtzentrum im Nahen Osten zu etablieren. Diese Konfrontation sorgte für Spannungen zwischen Riyad und Ankara. Die gemeinsamen Interessen in Syrien, Irak und Jemen dagegen führen zu einer Kooperation all dieser Akteure gegen den Iran, Assad und ISIS. Die Verflechtungen sind sehr kompliziert. Während die eine Seite gegen die Andere in Ägypten konkurriert, arbeiten sie gemeinsam gegen Assad in Syrien. Einerseits gibt es einen innersunnitischen Konflikt, andererseits gibt es eine sunnitische Einigung. Der innersunnitische Konflikt hat politische Ursachen, beruht aber auch auf religiösen Fundamenten. Die Golfmonarchien stehen unter dem Einfluss des Wahhabismus, wohingegen das Bündnis von AKP und Muslimbruderschaft unter dem Einfluss der klassischen Islamlehre der Sunniten steht. Der Wahhabismus ist als Protest zu den klassischen Islamlehren entstanden, welche damals das osmanische Reich verkörperte.

Zum Ende dieses kurzen Einblicks ist nochmal klarzustellen, dass viele andere politische Bewegungen – vor allem liberale, aber auch militante – nicht erwähnt wurden. Jedoch kann man behaupten, dass diese zwei Gruppierungen politisch gesehen die entscheidendsten sind.

Ömer Hidayet Özkizilcik
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