Deutsche Kolonialgeschichte: Der vergessene Genozid an den Herero und Nama

Deutschland war Kolonialmacht. Dieser Fakt scheint für einige Menschen in Deutschland nicht präsent zu sein, ja manchmal scheint es als läge dieser Teil der Geschichte vollkommen im Dunkeln. Dabei hatte Deutschland nicht wenige Gebiete zu „deutschen Schutzgebieten“ erklärt. Neben den zwei größten Kolonien „Deutsch-Südwestafrika“, dem heutigen Namibia und „Deutsch-Ostafrika“, dem heutigen Tansania, Ruanda und Burundi, besetzte das deutsche Kaiserreich auch Kiautschou in China (heutiges Qingdao) und Gebiete Ozeaniens. In Namibia verübte die deutsche Kolonialmacht unter der Leitung von Lothar von Trotha den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Auch das scheint aus dem deutschen Gedächtnis verbannt oder nie wirklich vorhanden gewesen zu sein. Von Seiten der Politik ist lediglich die Bitte um Versöhnung zu vernehmen.

Nachfolgender Beitrag wird sich mit den schrecklichen Ereignissen von damals befassen und die diesbezügliche Aufarbeitung und Erinnerungspolitik der deutschen Gesellschaft in den Blick nehmen.

Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts

13 Jahre nach der Besetzung Namibias durch deutsche Schutztruppen führte eine im südwestlichen Afrika ausgebrochene Rinderpest zu einer Reduktion der Rinderbestände um etwa 85%. Dies zwang die Herero in Lohnarbeit und in damit einhergehende zunehmende Abhängigkeit gegenüber der deutschen Kolonialmacht. Betrügereien, sexuelle Übergriffe und Gewalt von Seiten der Deutschen nahmen zeitgleich zu. Der Ausbruch des Krieges 1904, 20 Jahre nach Ausrufung des deutschen Schutzgebietes, ist somit als die direkte Konsequenz der sich zunehmend verschlechternden (sozio-ökonomischen) Lage der Herero zu deuten. 7.500 Herero schlossen sich dem Widerstand an, plünderten Farmen und Siedlungen und töteten 123 deutsche Männer. Binnen kürzester Zeit gelang es den Herero, ganz Zentralnamibia zu besetzen. Dieser Erfolg war allerdings nicht von Dauer. 15.000 deutsche Soldaten wurden zur Unterstützung der Besatzungsarmee gerufen und eine Schlacht im teilweise offenen Feld begann, in deren Verlauf sich die Herero an den Waterberg zurückzogen. Dort sollten die Widerstandskämpfer nach Anordnung des Generalleutnants Lothar von Trotha eingekesselt und vernichtet werden. Nach Osten konnten die meisten Herero allerdings in die angrenzende, fast wasserlose, Omahake-Wüste flüchten, was den drohenden Genozid allerdings nur verzögerte. Laut des von Lothar von Trotha verkündeten Vernichtungsbefehls, riegelten die deutschen Soldaten daraufhin die Wüste ab und besetzen alle Wasserstellen. Tausende Herero starben qualvoll an Hunger und Durst.

„Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“ [Lothar von Trotha, 1904]

Nicht aus humanitären, sondern aus strategischen Gründen zog der damalige Reichskanzler Bernhard von Bülow erst nach Wochen den Befehl von Trothas zurück. Die grausamen Ereignisse am Waterberg hatten sich herumgesprochen, woraufhin nun auch die Nama Widerstand leisteten und einen zunächst erfolgreichen Guerillakrieg gegen die Deutschen begannen. Dieser erstreckte sich insgesamt über vier Jahre bis 1908, mit Erfolg der deutschen Kolonialmacht. In den damals entstandenen Konzentrationslagern wurden Kriegsgefangene, zu denen auch Frauen und Kinder zählten, bis zur vollständigen Erschöpfung zu Rekordarbeit gezwungen. 1904 bis 1908 wurden 65.000 bis 85.000 Herero sowie etwa 10.000 Nama Opfer des ersten Genozides des 20. Jahrhunderts.

80 Prozent des Herero-Volkes, sowie 60 Prozent der Nama wurden durch die deutsche Kolonialmacht grausam ermordet.

Kolonialismus und Nationalsozialismus

Ein spannender Aspekt, welcher bezüglich der deutschen Vergangenheit zunehmend in den Fokus rückt, ist der Zusammenhang der kolonialen Gewalterfahrungen und -praktiken Anfang des 20. Jahrhunderts und der Zeit des Nationalsozialismus im Dritten Reich. Einer der bekanntesten Wissenschaftler in diesem Forschungsfeld ist der Historiker Jürgen Zimmerer. Er sieht zwischen dem Genozid an den Herero und Nama und dem anschließenden Vernichtungskrieg ein „entscheidendes Bindeglied zu den Verbrechen der Nationalsozialisten“ und spricht von deutlichen Parallelen der Kolonialzeit im damaligen Deutsch-Südwestafrika und der NS-Zeit 30 Jahre später. Hierbei benennt er zum einen die strukturellen Ähnlichkeiten der mentalen Disposition zum Massenmord, den Staat als Täter und die Bürokratisierung des Vernichtungsvorgangs. Symptomatisch seien auch das systematische „Abdrängen in lebensfeindliche Gegenden, die Zerstörung der Nahrungsgrundlagen, die summarischen Exekutionen und die Vernichtung durch Vernachlässigung“. Zentral sei aber der Schritt, den letzten Tabubruch zu begehen: die Idee der Vernichtung anderer Ethnien nicht mehr nur zu denken, sondern auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Nach Zimmerer stellt der Krieg gegen die Herero und Nama also einen wichtigen Schritt hin zum nationalsozialistischen Vernichtungskrieg dar, wobei eine Art der Kriegsführung quasi vorweggenommen wurde, die 40 Jahre später in Europa in Erscheinung trat. Dennoch warnt Jürgen Zimmerer auch vor vorschnell gezogenen Vergleichen. Trotz Ähnlichkeiten der Struktur zwischen dem Genozid an den Herero und Nama und dem Holocaust während der NS-Zeit, können die Verbrechen der Nationalsozialisten nicht monokausal auf die Theorien und die Praxis des deutschen Kolonialismus zurückgeführt werden.

Wie und dass die Kolonialherrschaft in Namibia mit der NS-Zeit in Zusammenhang steht, zeig auch die Tatsache, dass in der Kolonie „forschende“ Wissenschaftler später auch im Nationalsozialismus bedeutende Positionen einnahmen und deren gesammelte „Forschungsergebnisse“ dann (nochmals) zum Tragen kamen. Der „Rassenhygieniker“ Eugen Fischer beispielsweise, führte 1908 in Namibia Experimente an den Herero und Nama durch und wurde später von 1927 bis 1942 Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin. 1933 bis 1934 war er zudem Rektor der Berliner Universität, der heutigen HU. Er galt als ein begeisterter Kolonialist und trug bedeutsam zur ideologischen Untermauerung der „Rassentheorien“ der NS-Zeit bei.

Gewaltiges wird kleingeredet

Die genannten Fakten und Verstrickungen zeigen umso mehr die Relevanz einer geschichtlichen Aufarbeitung. Nun stellt sich die Frage, wie in Deutschland mit dieser kolonialen Vergangenheit umgegangen wird. Hierbei zeigt sich, dass die deutsche Kolonialgeschichte in der deutschen Öffentlichkeit, den Medien und der Politik oder auch in deutschen Museen (Stichwort DHM) oder auf dem Lehrplan wenig präsent zu sein scheint. Die geschichtlichen Ereignisse werden nahezu kleingeredet; ökonomisch, territorial und zeitlich seien die deutschen Kolonien gegenüber den großen Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich nicht vergleichbar. Ganz zu schweigen von den kolonialen Folgeproblemen, wie nach wie vor praktiziertes Blackfacing, Rassismus in Kinderliedern, Märchen und Spielen, Würdigung der Täter_innen durch Straßennamen etc., diesen Umständen wird nicht ausreichend Beachtung geschenkt. Vergangenheitsbewältigung bedeutet in Deutschland vordergründig die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit und des Holocaust. Diese muss natürlich ohne jeglichen Zweifel zu Recht und immer stattfinden, die koloniale Vergangenheit darf aber dadurch nicht zur Aufgabe „der Anderen“ deklariert werden.

Auch die Politik folgt diesem Muster. Exemplarisch dafür ist der Eklat bei der Übergabe von 20 namibischen Schädeln der Berliner Charité 2011 an eine hierfür angereiste namibische Delegation, unter welcher sich auch Regierungsvertreter_innen befanden. Alleine der Fakt, dass das Berliner Universitätsklinikum die erste deutsche Einrichtung ist, die Schädel aus ihrer medizinhistorischen Sammlung zurückgegeben hat und die deutsche Bundesregierung an der Übergabefeier lediglich als Gast anwesend war, macht die Haltung der deutschen Regierung deutlich. Cornelia Pieper (FDP), damalige Staatsministerin im Auswärtigen Amt, war als Regierungsvertreterin anwesend. Von der angereisten Delegation, sowie Vertreter_innen einiger zivilgesellschaftlichen Gruppen wurde in ihrer Rede eine Entschuldigung und Anerkennung des Völkermords erwartet. Doch Pieper erwähnte die Wörter „Entschuldigung“, „Entschädigungszahlungen“ oder gar das Wort „Genozid“ nicht, sprach stattdessen lediglich von einer „Sonderbeziehung“ beider Länder und einer „politischen und moralischen Verantwortung“. Buhrufe und lautstarke Zurufe machten den Unmut der Zuschauer_innen deutlich. Noch vor dem ersten Redebeitrag von namibischer Seite verließ Pieper den Saal.

Entwickeln statt entschädigen?

Bis heute hat keine deutsche Regierung den Genozid an den Herero und Nama offiziell anerkannt. Weder eine offizielle Entschuldigung noch ein Zugeständnis für Reparationszahlungen wurden gemacht. Die absurde Antwort auf eine Kleinen Anfrage der Linkspartei im Jahr 2012, der Genozid von 1904 falle nicht unter die erst in den 50er Jahren beschlossene UN-Konvention und gelte somit nicht rückwirkend, macht die Haltung der Bundesregierung nochmals deutlich. Es ist klar, die Anerkennung des Völkermordes würde ein offizielles Schuldeingeständnis bedeuten, der Schritt hin zu Reparationszahlungen wäre dann nicht mehr weit. Dies möchte die Bundesregierung wohl mit den noch so absurdesten Mitteln verhindern. Stattdessen verweist die Bundesregierung immer wieder auf die geleisteten Entwicklungshilfegelder, die für Namibia den größten Betrag aufweisen würden. Doch Hilfe und Anerkennung können nicht gleichgesetzt werden. Zudem sind es die Geldgeber_innen, die über die Verwendung der Mittel entscheiden und sich im schlimmsten Fall dadurch noch einen wirtschaftlichen Vorteil für Deutschland erhoffen. Die Frage nach dem generellen positiven „Nutzen“ von Entwicklungshilfegeldern sei hier insofern mal offen gelassen. Die Nachfahren der Opfer müssen aber über die Verwendung des Geldes selbst entscheiden können, um somit z.B. die Möglichkeit zu haben, Land und Farmen, welche nach wie vor zum größten Teil in Weißem, deutschen Besitz sind, zurückzukaufen.

Was für die Nachfahren der Opfer des Genozids fehlt, wurde anlässlich des 100 jährigen Gedenkens des Völkermords an den Armenier_innen problemlos ausgesprochen. Unter Anderem sprachen der Bundespräsident und der Bundestagspräsident öffentlich von einem von der Türkei verübten Völkermord. Auffällig, dass die Begründung, die UN-Konvention gelte nicht rückwirkend, hier scheinbar keine Anwendung findet. Die deutsche Regierung kann sich nicht weiterhin hinter waghalsigen Erklärungsversuchen verstecken, eine Entschuldigung ist überfällig. Erst dann kann überhaupt von dem Beginn eines Versöhnungsprozesses beider Länder die Rede sein.

L.M.

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