Frauen und gewaltloser Widerstand

Frauen sind oft in besonderer Weise Leidtragende von gesellschaftlichen Konflikten, in denen es zu Gewaltanwendungen kommt. Diese Unterdrückung von Frauen setzt sich vielfach auch in Zeiten des Friedens fort. Folge dieser Tatsache ist eine Darstellung von Frauen, die sich zumeist auf eine Opferrolle begrenzt. Dass Frauen jedoch auch jenseits dieser passiven Rolle als Opfer in eine aktive gesellschaftliche Position eintreten, wird häufig nicht erwähnt und dargestellt. Dieser Beitrag will der beschriebenen Asymmetrie mit zwei Bespielen aus Nigeria und Kambodscha etwas entgegensetzen und zugleich die besondere Rolle von weiblichem Widerstand in ihrem sozialen Kontext deutlich machen.

Beginnen wir mit der Betrachtung Nigerias. Hier kommt es im Gebiet des ölreichen Niger-Deltas seit Jahrzehnten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der lokalen Bevölkerung auf der einen Seite und dem Staat und den Ölkonzernen auf der anderen Seite. Diese Ölkonzerne, namentlich die beiden internationalen Multis ChevronTexaco und Royal Shell, beuten mit Genehmigung des nigerianischen Staates die reichhaltigen Ölquellen aus und machen Nigeria zum sechstgrößten Öl-Exporteur der Welt. Die lokale Bevölkerung hingegen, die sich aus verschiedenen indigenen Gruppen zusammensetzt, profitiert in keinster Weise von dem vorhandenen Reichtum und gehört zur ärmsten des Landes. Des Weiteren wird ihr durch die systematische Umweltverschmutzung seitens der Öl-Industrie nach und nach die natürliche Lebensgrundlage in Ackerbau und Fischfang entzogen. Der hieraus entstandene Konflikt ist durch eine blutige Gewaltspirale gekennzeichnet, in der sich die lokale (männliche) Bevölkerung und ein repressiv-agierender Staat unversöhnlich gegenüberstehen.

Hauptleidtragende dieses Konflikts sind zumeist wieder Frauen, die vielfach durch staatlichen Kräfte vergewaltigt worden sind und auf Grund des gewaltsamen Todes ihrer Männer alleine für die Familie zu Sorgen haben. Die Sinnlosigkeit dieses Teufelskreises aus Gewalt und Gegengewalt erkennend, bildete sich im Jahr 2002 eine gewaltlose Opposition von Frauen aus der Gemeinde Ugborodo (Escravos). Diese Frauen forderten in einer an ChevronTexaco gerichteten Petition eine gleichberechtigte Einstellung ihrer Männer und Kinder und Rücksichtnahme auf die Umwelt. Da seitens ChevronTexacos keine Antwort erfolgte, kam es schließlich zur gewaltlosen Besetzung einer Öl-Plattform, um die Verantwortlichen zum Dialog zu bewegen. Die Zahl der Protestierenden nahm schnell auf über 2000 Frauen zu. Weitere wichtige Einrichtungen ChevronTexacos wurden friedlich besetzt und die Produktion von über 450.000 Barrel Rohöl pro Tag unterbrochen (Wert Stand 2002: 12 Millionen US-Dollar).

Um ChevronTexaco final an den Verhandlungstisch zu zwingen, drohten die Frauen mit ihrer Entblößung. Die Zurschaustellung ihrer Nacktheit stellt hierbei die ultima ratio der gewaltlosen Protestmittel dar und belegt nach lokaler Tradition den Adressaten mit kollektiver Schande. Frauen können sich so mit Einsatz ihres Körpers in eine kurzzeitige Position der Macht begeben und die zumeist herrschende patriarchalische Gesellschaftsordnung auf den Kopf stellen. Diese Androhung war es, die schließlich zu Verhandlung und einem Übereinkommen zwischen den beiden Parteien führte. ChevronTexaco verpflichtete sich zur Einstellung von mehr Einheimischen, Bau von Schulen und der Unterstützung von Frauen im Aufbau von Fisch- und Geflügelfarmen.

Der explizit gewaltlose Protest der Frauen von Ugborodo ging somit ohne Verlust eines menschlichen Lebens erfolgreich zu Ende. Er konnte internationale Aufmerksamkeit erzielen und dient als Vorbild für andere Protestbewegungen in Afrika, die sich mit rücksichtslos agierenden Multis auseinandersetzen müssen. Mittel des friedlichen Protests wie Besetzungen, Protestmärsche und Kampagnen, können, wie gezeigt, herrschende Gewaltspiralen aufbrechen und die Konfliktparteien zum Dialog bewegen. Dass Frauen in einer durch und durch patriarchalischen Gesellschaft mit repressivem Staatsapparat eine solche gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, ist hierbei von ganz besonderer Bedeutung. Die Frauen von Ugborodo stellen glücklicherweise keinen Einzelfall dar, auch in anderen afrikanischen Ländern, wie zum Beispiel Simbabwe, sind Frauen in sozialen Bewegungen aktiv.

Ein Blick nach Kambodscha zeigt, dass es auch hier einen solchen dezidiert weiblichen Protest gibt. So leiten die Frauen der Gruppe Boeung Kak 13 den Protest gegen die Enteignung und Zwangsumsiedlung rund um den gleichnamigen Boeung-Kak See im Herzen der Hauptstadt Phnom Penh. Dieser See und das angrenzende Gebiet sind durch die kambodschanische Regierung unter Hun Sen an einen internationalen Investor verpachtet worden und werden nun zur Gewinnung von Bauland mit Sand aufgeschüttet. Die umliegenden Gemeinden wurden durch die Polizei unter massivem Gewalteinsatz geräumt und die Häuser sukzessive zerstört. Und das ohne jede Entschädigung.

Die Lage unterscheidet sich jedoch in vielerlei Hinsicht von der in im Niger-Delta und soll so einen abschließenden Blick auf die gefährliche Kehrseite weiblichen Protests ermöglichen. Viele der leitenden kambodschanischen Aktivistinnen sind verhaftet worden und wurden in Schnellverfahren zu Gefängnisstrafen verurteilt. Im Laufe der Proteste kam es seitens der Polizei zu massivem Gewalteinsatz gegenüber den friedlich Demonstrierenden, die mit der ständigen Gefahr für Leib und Leben einherging. Eine Studie der „Cambodian League for the Promotion and Defense of Human Rights (Licadho)“ macht jedoch noch auf eine weitere Dimension von Gewalt aufmerksam: So kommt es häufig zur Ausübung häuslicher Gewalt seitens der Ehemänner gegenüber den protestierenden Frauen. Ursache hierfür bildet ein Geschlechterrollenkonflikt, der in der Hinterfragung von traditionellen Geschlechterkonzeptionen wurzelt. Aktivistinnen kommen nach männlicher Sicht den ihnen zugeschrieben Aufgaben in Haushalt und Kindererziehung nicht genügend nach. Dieser Konflikt entlädt sich in Gewaltanwendung; Scheidung ist auf Grund gesellschaftlicher Normen zumeist nicht möglich. Folge dieser körperlichen Gewalterfahrung sowohl seitens des Staates als auch in der Familie sind schwere emotionale Leiden wie Depressionen.

Final lässt sich konstatieren, dass der spezifisch gewaltlose Protest von Frauen viele Möglichkeiten zur Beseitigung sozialer Missstände bietet und die oft männlich geprägten Gewaltspiralen positiv durchkreuzen kann. Mit dem Protest ist zumeist für beide Geschlechter ein großes Risiko verbunden. Dass hierbei das Risiko, Gewalt zu erfahren, für Frauen dabei auf unterschiedlichen Ebenen zumeist ungleich höher liegt, zeigt eindrücklich das Beispiel der Aktivistinnen in Kambodscha.

M.M.

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