Kambodscha: Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Aufarbeitung

Von 1975 bis 1979 herrschte im südostasiatischen Kambodscha das maostisch-nationalistische Terrorregime der Roten Khmer. Ziel der Roten Khmer unter der Führung Pol Pots, auch als Bruder Nummer Eins bekannt, war die Etablierung eines Agrarkommunismus. Als Vietnam im Jahr 1979 in Kambodscha einmarschierte und dem Regime ein jähes Ende bereitete, wurde nach und nach ein Grauen unbekannten Ausmaßes bekannt. So hatte der Versuch der Errichtung dieses „Steinzeitkommunismus“ die weitgehende Vertreibung und Zerstreuung der Bevölkerung über das ganze Land und den Massenmord von bis zu geschätzten 2 Millionen Menschen zur Folge. Kambodscha leidet bis heute unter diesem nationalen Trauma, das auch als Autogenozid bezeichnet werden kann. Kambodschaner töteten Kambodschaner und innerhalb von vier Jahren verlor über ein Drittel der Bevölkerung ihr Leben. Jeder Kambodschaner verbindet mit dieser Zeit den Verlust einer oder vieler nahestehender Personen, woran sich Fragen nach der Herstellung von Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Aufarbeitung anschließen. Dienen die eingesetzten Maßnahmen der Gerechtigkeit und Wiedergutmachung? Und ist eine Aufarbeitung überhaupt erwünscht?

Viele Fragen, deren Beantwortung sich im speziellen Kontext als äußerst schwierig herausstellen. Täter und Opfer leben bis heute zusammen. Eine Aufarbeitung hat nur ansatzweise stattgefunden. Dies macht sich unter anderem in der Tatsache bemerkbar, dass die Zeit der Roten Khmer bis vor Kurzem keine Erwähnung in kambodschanischen Schulbüchern gefunden hat. Auch verlaufen die Grenzen zwischen Tätern und Opfern teils fließend, wie es Thet Sambath in seinem eindrucksvollen Film „Enemies Of the People“ deutlich macht. Täter fühlen sich oft auch als Opfer des Regimes, die durch den brutal agierenden Machtapparat zum Töten gezwungen worden sind, heruntergebrochen auf die Devise „Töten oder getötet werden“. Auch waren die Erlebnisse von einem solch traumatischen Ausmaß, dass viele Kambodschaner an diese Zeit nicht mehr erinnert werden wollen und dementsprechend nicht an einer Aufarbeitung interessiert sind. Diese Kultur des Verschweigens wurde durch die Politik unter Premierminister Hun Sen befördert, der Ende der 90er Jahre eine weitgehende Amnestie über Mitglieder der Roten Khmer aussprach. Hun Sen selbst, bis heute in Kambodscha an der Macht, war bis zu seiner Flucht nach Vietnam Kader der Roten Khmer und trotz dieses Seitenwechsels bestehen immer noch enge Verbindungen und Freundschaften.

Innerhalb dieser schwierigen Bedingungen operiert seit 2007 in der Hauptstadt Phnom Penh das Rote-Khmer-Tribunal, ein sogenanntes hybrides Strafgericht. Dieses setzt sich sowohl aus internationalen als auch aus nationalen Richterinnen und Richtern zusammen. Angewendet wird internationales und auch nationales Recht. Die internationalen Richterinnen und Richter werden hierbei durch die Vereinten Nationen berufen, wobei der Gerichtshof als Teil des jeweiligen nationalen Gerichtssystems gilt (deswegen auch offiziell „Außerordentliche Kammern an den Gerichten von Kambodscha“). Das Gericht hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die zwischen den Jahren 1975 und 1979 von den Roten Khmern begangenen Verbrechen zu untersuchen und abzuurteilen. Ein hoch gesetztes Ziel, sind seither doch mehr als 35 Jahre vergangen und viele der Täter und Täterinnen vergreist oder verstorben. Bestes Beispiel hierfür ist Pol Polt, der 1998 unbehelligt in der Provinz verstarb.

Bis zum heutigen Tag wurden drei führende Kader der Roten Khmer wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt, alle zu lebenslanger Haft. Die Herstellung retributiver Gerechtigkeit rückt im Vergleich zum Alternativkonzept der restorativen Gerechtigkeit eindeutig in den Vordergrund. Ein weiterer Angeklagter verstarb während des Prozess und eine Angeklagte wurde auf Grund von durch Demenz bedingter Verhandlungsunfähigkeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Betrachtet man die Zahl der geschätzten 2000 Roten Khmer Führungskader, so ist der bisherige Prozess mit seinen drei Verurteilungen bei Prozesskosten von über 200 Millionen US-Dollar nicht ohne Grund als Farce bezeichnet worden. Überschattet wurden die langjährigen Verhandlungen durch einen Korruptionsskandal und wiederholte politische Einflussnahme seitens der Hun Sen Regierung, die weitere Prozesse gegen Funktionäre zu verhindern versuchte. Die Urteile können in diesem Sinne nur in begrenztem Maße für Gerechtigkeit sorgen.

Vielmehr stellt sich die im Zusammenhang mit dem Prozess aufgeworfene Frage nach Wiedergutmachung und Aufarbeitung. Wie eingangs erwähnt, sind viele Kambodschaner nicht an einer Aufarbeitung interessiert, da diese mit dem Aufreißen unfassbarer Traumata verbunden ist. Nichtsdestotrotz wohnten jedem Prozess 300 kambodschanische Zuschauer bei, die durch Mitarbeiter des Gerichts aus allen Provinzen in die Hauptstadt gebracht wurden. Bis zum letzten Prozess belief sich die Zahl der Zuschauer auf über 60.000. Hiermit geht die Hoffnung einher, einen Anstoß zur zivilgesellschaftlichen Aufarbeitung zu geben, der über die reine Verurteilung der Täter hinausgeht. Institutionen wie das Documentation Center Of Cambodia leisten hierbei seit Jahren wichtige historische Dokumentationsarbeit. Auch wurden seitens vieler Opfer Forderungen nach kollektiver Wiedergutmachung laut, wie unter anderem die Einrichtung eines nationalen Gedenkfeiertages und die Behandlung dieses Themas im Schulunterricht. Viel wichtiger erscheint jedoch, dass die Möglichkeiten zur Behandlung von psychischen Traumata bedeutend ausgebaut werden und Sensibilität für das oft unbekannte Thema in der Bevölkerung geschaffen wird. Studien zufolge leiden über 40 Prozent der Bevölkerung Kambodschas in Folge traumatischer Erfahrungen während der Zeit des Terrorregimes an psychischen Problemen, wie einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und schweren Depressionen. Sogar Kinder von Überlebenden, die selbst nie traumatischen Erlebnissen ausgesetzt waren, leiden unter PTBS. Bisher ist die Zahl der Psychologen in Kambodscha verschwindend gering, ein weiteres schweres Erbe der Roten Khmer, die mit großem Erfolg gezielt alle dem Anschein nach Gebildeten ermordeten.

Summa summarum ist festzustellen, dass der Prozess und die Verurteilung der Täter in Anbetracht des verursachten Grauens nur bedingt für Gerechtigkeit gesorgt hat und vielfach, oft unerwünscht, alte Wunden aufgerissen wurden. In der Bevölkerung stößt der Prozess nicht nur aufgrund der ausufernden Kosten, sondern auch wegen der mageren Resultate auf viel Ablehnung und läuft am Großteil der Bevölkerung vorbei. Die Verurteilung einiger weniger Führungskader bildet nur die Spitze des Eisberges, eine tiefergehende Aufarbeitung auf lokaler Ebene hat bisher nicht stattgefunden. Die Ausgangslage für eine solche Aufarbeitung lässt sich hierbei als äußerst schwierig bezeichnen und wird auch noch nachfolgende Generationen in Kambodscha beschäftigen.

M.M.

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