Land, Stadt, Slum – Ein Überblick zur chinesischen Binnenmigration

2011 gab es in der Volksrepublik China 159 Millionen „Arbeitsmigrant/innen, die länger als sechs Monate außerhalb ihres ständigen Wohnsitzes [arbeiteten] und mindestens die Verwaltungsgrenze der Gemeinde [überschritten]“, 33 Millionen davon im Familienverbund (Gransow 2012: 1). Auch wenn sich Herkunfts- und Zielstädte der einzelnen Migrant/innen unterscheiden, ist die Migrationsrichtung fast immer dieselbe: vom Land in die Stadt. Seit den wirtschaftlichen Reformen in den 1980er Jahren ist die Einkommensschere zwischen städtischem und ländlichem Einkommen drastisch angestiegen: von 2,2:1 auf 3,6:1 (ebd.: 2). Viele lockt die Hoffnung in die Stadt, sich und die in der Heimat verbliebenen Verwandten von der Armut zu befreien.

Obwohl „mit 58 Millionen der größere Teil der Migrantenkinder auf dem Lande“ zurückbleibt (ebd.: 8), leben derzeit etwa 35 Millionen Migrantenkinder mit ihren Eltern in den Städten. In der Stadt geboren und aufgewachsen, haben auch sie später oft keine andere Wahl als in der Stadt zu bleiben: Sie haben sich an das Stadtleben gewöhnt und besitzen keine nennenswerten landwirtschaftlichen Fähigkeiten, von denen sie auf dem Land Gebrauch machen könnten (ebd.: 4).

In China handelt es sich nicht um einen schlichten Urbanisierungsprozess wie wir ihn aus anderen Ländern kennen. Dieser Prozess geht vielmehr einher mit einer Form sozialer Ungleichheit, deren Ursprung in institutionellen Regelungen (dem sog. hukou-System) zu finden ist.

Das hukou-System

Jede Person ist entweder einem ländlichen oder einem städtischen Haushalt und gleichzeitig einer bestimmten hukou zone (Amnesty International 2007: 5; englische Version) bzw. hukou location (Fan 2008: 66) zugeordnet. Der hukou-Status wird von den Eltern an das Kind vererbt. Ist ein Elternteil einem ländlichen, der andere Elternteil einem städtischen Haushalt zugeordnet, kann der Status des Kindes frei gewählt werden (ebd.: 68). Das hukou-System wurde 1958 eingeführt und dient heute – neben der Funktion als Einwohnermeldesystem – zur „Regulierung des Zugangs zu öffentlichen Gütern, Berechtigungen, Subventionen und anderen Privilegien“ sowie zur „Regulierung von Binnenmigration und der Vermeidung von Slumbildung in chinesischen Groß- und Megastädten“ (ebd.: 2).

Regulierung von Binnenmigration

Wer länger als drei Monate außerhalb seiner hukou zone lebt, muss eine Aufenthaltserlaubnis für den gewünschten Aufenthaltsort beantragen. Diese Erlaubnis ist in vielen Städten notwendig, um beispielsweise arbeiten oder einen Mietvertrag abschließen zu können (Amnesty International 2007: 5). Auch für die Aufenthaltsgenehmigung müssen diverse Dokumente vorgelegt werden. Dabei unterscheiden sich verschiedene Orte darin, dass „localities that seek to limit the influx of internal migrants will tend to have more stringent documentation requirements“ (Amnesty International 2007: 6). In der Regel wird dabei „either a labour contract or documentation from a local host or local landlord“ verlangt (ebd.). Obwohl Arbeitsverträge rechtlich vorgeschriebener Bestandteil einer Anstellung in der Volksrepublik China sind, besitzen nach manchen Berichten nur etwa 20% der Migrant/innen einen Arbeitsvertrag (Darimont 2010). Gründe sind zum Beispiel die Unkenntnis der rechtlichen Lage durch Migrant/innen (Amnesty International 2007: 8). Sicher ist auch davon auszugehen, dass (zumeist private) Unternehmen die prekäre Lage, in der sich die Migrant/innen befinden, auszunutzen wissen und Arbeitsverträge auch auf Anfrage verweigern.

Letzten Endes führt dies dazu, dass „[d]ie Mehrheit der ländlichen Migranten […] informell beschäftigt [ist], entweder im informellen Sektor oder in informellen Beschäftigungsverhältnissen im formellen (staatlichen oder privaten) Wirtschaftssektor“ (Wu 2011 z. n. Gransow 2012: 7).

Insgesamt kann daher angenommen werden, dass für viele Migrant/innen der Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis an der Vorlage eines Arbeitsvertrages scheitert.

Oft entstehen für die Aufenthaltserlaubnis auch hohe Kosten, die nicht durch die Migrant/innen aufgebracht werden können. Entweder, weil die gesetzlich vorgeschriebene Gebühr von 5 Yuan weit überschritten wird oder weil Bestechungsgelder fließen müssen (Amnesty International 2007: 5f.). Auch persönliche Beziehungen können notwendig sein, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten (ebd.). Mit oder ohne Aufenthaltserlaubnis machen sich die Migrant/innen auf ihren Weg in die Städte.

Slumbildung

Die Richtung der Migrationsströme ist seit den 1980er Jahren im Kern unverändert geblieben: Zielorte sind die megaurbanen Regionen im Perlflussdelta, Shanghai und das Yangzi-Delta sowie die Peking/Tianjin-Region“ (Gransow 2012: 3).

Da Migrant/innen entweder die formalen Voraussetzungen für einen Mietvertrag nicht erfüllen (s. o.) oder ein nur geringes Einkommen aufweisen, ist verfügbarer und bezahlbarer Wohnraum – sofern er nicht von deren Arbeitgebern zur Verfügung gestellt wird – für sie nur „in den ländlichen Außenbezirken großer Städte oder in sog. urban villages“ zu finden (ebd.: 7). Bei letzteren „handelt es sich um Dörfer, die im Zuge der Urbanisierung von der sich ausdehnenden Stadt eingeschlossen wurden“ (ebd.). Das Land wird vom Dorfkollektiv verwaltet, nicht von der Stadtverwaltung. Daher besteht die Möglichkeit, ohne Genehmigung der Stadtverwaltung neue Gebäude zu errichten oder alte Gebäude zu erweitern. Auch Regelungen, beispielsweise zum Brandschutz, können einfach umgangen werden (Gransow 2010b: 8). Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität in den urban villages. Um Kontrolle über die informellen Siedlungen zu erlangen, werden die urban villages häufig in Staatseigentum überführt, die errichteten Gebäude dabei meist wieder zerstört (ebd.: 12).

Regulierung des Zugangs zu öffentlichen Gütern

Auch bei der staatlichen Versorgung gibt es eine faktische Zweigliederung, die entlang der Grenze ländlicher vs. städtischer hukou verläuft. Ländliche Arbeitsmigrant/innen sind an ihrem Herkunftsort in eine kollektive (freiwillige) Krankenversicherung eingebunden, mit der sie in den Städten nicht versorgt werden können (Darimont 2010: 114).

In verschiedenen Städten wird mit verschiedenen Versicherungssystemen experimentiert, die sich im Grad der Leistungserbringung durch die Versicherung sowie in der Beitragshöhe von Arbeitgeber und Arbeitnehmer unterscheiden (für eine umfassende Übersicht siehe Darimont 2010). All diese Versicherungssysteme haben jedoch gemeinsam, dass sie an einen Arbeitsvertrag gebunden sind (ebd.: 119), der, wie oben erläutert, bei Arbeitsmigrant/innen nur in seltenen Fällen besteht. Darüber hinaus verzichten Migrant/innen teilweise bewusst darauf, in ihre Versicherung einzuzahlen, um Geld zu sparen (ebd.: 114).

Weiterhin besteht eine mangelhafte Koordinierung zwischen den Versicherungssystemen verschiedener Städte sowie zwischen städtischen und ländlichen Versicherungssystemen (ebd.: 119). Dies kann zu einem Verlust der bereits eingezahlten Beträge führen.

Für die Migrant/innen, die keine Arbeitsverträge besitzen, hat sich in den Städten ein Netz von privaten Kliniken gebildet, „die [die] Lücke in der Krankenversorgung von Migranten ausfüllen sollen. Aber diese zumeist informellen Gesundheitsangebote sind wenig professionell und voller Risiken […] und daher auch bei den Migrant/innen nicht sehr beliebt“ (Gransow 2012: 8).

Im Falle einer Krankheit werden Kliniken daher meist gar nicht aufgesucht, sondern es wird eine wait and see attitude eingenommen (Gransow 2010a: 24f.). Behandlungen können sie sich meist nicht leisten, daher zählen „Unfälle und schwere Erkrankungen […] zu den wichtigsten Gründen, weshalb Migrant/innen und ihre Familien in absolute Armut zurückfallen“ (Gransow 2012: 8). Hier ist eine Behandlung schließlich unerlässlich.

Auch die Migrantenkinder leiden in den Städten unter ihrer ländlichen Herkunft. Zwar besteht für sie seit 2005 faktisch die Möglichkeit, auch in den Städten öffentliche Schulen zu besuchen. Diese errichten jedoch oftmals Hürden, wie z. B. hohe Gebühren, „da sie befürchten, durch die Aufnahme von Migrantenkindern im Niveau und im ranking ihrer Schule zurückzufallen“ (ebd.). Viele Kinder müssen daher auf dem Lande zurückbleiben (Amnesty International 2007: 25ff.) oder im Laufe ihrer schulischen Ausbildung wieder dorthin zurückkehren (Gransow 2012: S.8). Darunter leiden nicht nur die Zukunftschancen der Kinder (ebd.), sondern auch das Verhältnis zu ihren Eltern. So berichten 80% der Migrant/innen, dass sie ihre Kinder nur einmal jährlich sehen können (Amnesty International 2007: 25).

(Mehr zum Haushaltsregistrierungssystem hukou z.B. hier.)

tro

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