Können Naturkatastrophen das Risiko von Bürgerkriegen in den meisten Teilen der Welt erhöhen?

Zivile Konflikte beziehen sich auf verschiedene Störaktionen, die von den Bürgerinnen und Bürgern eines Landes durchgeführt werden, um ihre Unzufriedenheit oder Uneinigkeit über bestimmte sozio-ökonomische und politische Fragen zum Ausdruck zu bringen (Nardulli, Peyton und Bajjalieh, 2015). Aktionen der zivilen Unruhen können alles sein – von Massendemonstrationen bis hin zu Streiks, politischen Versammlungen und schweren Straftaten wie Terrorismus, Selbstmordanschlägen und Massenerschießungen (Berrebi und Ostwald 2011; Nardulli et al, 2015). Mit der ständig steigenden Zahl von Bürgerkriegen in den letzten Jahren haben verschiedene Politikwissenschaftler versucht, die zugrunde liegenden Faktoren in verschiedenen politischen Bereichen der Welt zu untersuchen. In der Literatur ist bekannt, dass sich zivile Konflikte aus verschiedenen Faktoren ergeben, darunter politische Instabilität, schlechte Regierungsführung, Ressourcenmangel, wirtschaftliche Ungleichheit und Armut neben anderen Ursachen (Slettebak 2012).

Darüber hinaus haben sich die jüngsten Bedenken zu Klima-Veränderungen auf die Entwicklung der Fachliteratur ausgewirkt, die die Rolle von Naturkatastrophen in der Entstehung von Bürgerkriegen untersucht. Auf der einen Seite haben einige Studien einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Naturkatastrophen und Bürgerkriegen gezeigt (Nel und Righarts, 2008). Auf der anderen Seite macht zusätzliche Forschung deutlich, dass die meisten Naturkatastrophen keine zivilen Konflikte verursachen; daher ist es nicht möglich, eine direkte Verbindung zwischen den beiden Variablen zu ziehen (Nardulli, et al, 2015; Slettebak, 2012). Dieser Artikel untersucht Argumente von beiden Seiten der Debatte und stellt fest, dass Naturkatastrophen das Risiko von Bürgerkriegen in den meisten Teilen der Welt erhöhen können.

Eine kürzlich durchgeführte systematische Überprüfung von Nel und Righarts (2008) hat die Beziehung zwischen Naturkatastrophen und Bürgerkriegen in 187 Nationen auf der Grundlage der verfügbaren Daten für den Zeitraum zwischen 1950 und 2000 untersucht. Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass Naturkatastrophen in der Regel das Risiko von Bürgerkriegen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen erhöhen, die durch schlechte Regierungsführung, hohe wirtschaftliche Ungleichheiten und begrenzte wirtschaftliche Entwicklung gekennzeichnet sind (Nel und Righarts, 2008). Darüber hinaus haben die Autoren herausgefunden, dass plötzlich auftretende Naturkatastrophen wie geologische Katastrophen und Klimaveränderungen das größte Risiko für Bürgerkriege sind – im Gegensatz zu allmählich eintretenden Katastrophen, einschließlich von Hungersnöten und Dürre (Nel und Righarts 2008). Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Studie ist es plausibel zu argumentieren, dass verschiedene Naturkatastrophen wie Dürren, Überschwemmungen, extreme Stürme und Erdbeben das Risiko von Bürgerkriegen in vielen ressourcenarmen Ländern erhöhen.

Insbesondere gibt es mehrere Mechanismen, durch die große Naturkatastrophen ein erhöhtes Risiko für zivile Konflikte in vielen Ländern darstellen. Es ist wichtig zu beachten, dass Naturkatastrophen sowohl sofortige wie auch langfristige Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Die unmittelbaren Auswirkungen von Naturkatastrophen sind ein Massenanfall von Verletzten, Zerstörung der Infrastruktur und die Vertreibung von Menschen (Nel und Righarts, 2008). Darüber hinaus können Naturkatastrophen dauerhafte Veränderungen in Bezug auf die Störung des Wirtschaftswachstums, steigende bestehende sozio-ökonomische Ungleichheiten und die Verstärkung der Marginalisierung und Migration von großen Gruppen von Menschen hervorrufen (Nel und Righarts 2008). Dabei können Naturkatastrophen zu Enttäuschung der Bürger führen; somit werden sie unglücklich oder unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Führung eines bestimmten Landes. Auf lange Sicht kann sich die Enttäuschung, Missstimmung und Unzufriedenheit in Gewalt und Unruhen niederschlagen. Auf der anderen Seite können die negativen Auswirkungen von Naturkatastrophen die Fähigkeit einer Regierung, die Grundbedürfnisse ihrer Bürger zu gewährleisten, schwächen; daher wird ein Nährboden für unzufriedene Bürger geschaffen, sich in Gewalttaten zu engagieren. Dadurch können Naturkatastrophen zur Entstehung von Bürgerkriegen führen, indem sie Motive, Anreize und Möglichkeiten für desillusionierte Bürger schaffen, sich in gewalttätigem Widerstand gegen ihre angeblichen Unterdrücker, einschließlich der von der Regierung kontrollierten Organisationen und Privatunternehmen, zu engagieren.

Außerdem haben Berrebi und Ostwald (2011) die Rolle von Erdbeben und Wirbelstürmen bei der Entstehung terroristischer Gruppen in 167 politischen Einheiten für den Zeitraum zwischen 1970 und 2007 untersucht. Insbesondere konzentrierte sich die Studie auf die Folgen des Tsunami im Indischen Ozean 2004 und dessen Nachwirkungen in Ländern wie Indonesien, Sri Lanka und Thailand. Die Autoren fanden einen starken Zusammenhang zwischen den von Naturkatastrophen verursachten Todesfällen und dem Auftreten von Terrorismus-Ereignissen. Insbesondere zeigte die Studie, dass etwaige Erhöhungen der katastrophenbedingten Todesfälle von einer Schwelle ab 25.000 Menschen zu einem nachfolgenden Anstieg terroristischer Verluste um bis zu 33 Prozent führen. Darüber hinaus ergab die Studie, dass eine Erhöhung der durch die Katastrophe verursachten Todesfälle zu einem 22%-igen Anstieg der Häufigkeit von Terroranschlägen und einem 16%-igen Anstieg der Zahl von verletzten Opfern des Terrorismus führen kann. Daher scheint es bei konstanten Faktoren, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen den Auswirkungen von Naturkatastrophen und terroristischen Aktivitäten, unabhängig von der Art der Katastrophe, gibt. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn das Auftreten von Naturkatastrophen die Sicherheitsressourcen einer Regierung von Terrorismusprävention ablenken kann und damit terroristischen Gruppen genügend Zeit für die Planung und Angriff zur Verfügung stellt.

Auf der Grundlage der Analyse geht hervor, dass Naturkatastrophen wichtige Faktoren für die Entstehung von Bürgerkriegen in der ganzen Welt sind. Doch Kritiker dieser Beobachtung haben argumentiert, dass es keine schlüssigen Beweise dafür gibt, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen und Bürgerkriegen gibt. Eine aktuelle Studie von Slettebak (2012) hat die Auswirkungen des Klimawandels im Zusammenhang mit Katastrophen wie extremen Temperaturen, schweren Stürmen und Überschwemmungen auf die Gefahr eines Bürgerkriegs seit 1950 bis heute untersucht, unter Verwendung verfügbarer Daten. Auf der einen Seite ergab die Studie, dass das Auftreten von Naturkatastrophen das Risiko eines Bürgerkriegs erhöhen kann. Dennoch hat Slettebak (2012) festgestellt, dass viele Länder mit den meisten Naturkatastrophen ein relativ geringes Risiko einer Katastrophe im Zusammenhang mit Bürgerkriegen haben. Als Ergebnis hält der Autor fest, dass das Auftreten von Naturkatastrophen die Aufmerksamkeit von den Auswirkungen der schlechten Regierungsführung und Armut ablenken kann, die eigentlich die Hauptursachen für zivile Konflikte auf der ganzen Welt (Slettebak 2012) sind.

Aus den dargestellten Diskussionen scheint es, dass das Auftreten von Naturkatastrophen eine sehr wichtige Ursache für zivile Konflikte auf der ganzen Welt ist. Genauer gesagt, die oben erwähnten Studien haben verschiedene Beweise geliefert, die eine direkte Verbindung zwischen Naturkatastrophen und Bürgerkriegen zeigen. Wie bereits beschrieben, ist die Rolle der Naturkatastrophen bei der Entstehung von Bürgerkriegen an mehrere Mechanismen gekoppelt. Dieser Artikel macht deutlich, dass Naturkatastrophen kurz- und langfristige Auswirkungen erzeugen, die wiederum die Fähigkeit einer Regierung, sich um die Bevölkerung zu kümmern, belasten kann. Wenn das passiert, können die unzufriedenen Mitglieder der Gesellschaft beginnen, sich an Gewalttaten zu beteiligen, um die Regierung zu zwingen, die fehlenden Dienstleistungen zu erbringen. Auf der anderen Seite können die Auswirkungen von Naturkatastrophen die Aufmerksamkeit einer Regierung von der Gewährleistung von Sicherheit und der Verhinderung des Auftretens von Terroranschlägen, ablenken. Dadurch können Naturkatastrophen für den etwaigen Anstieg oder das Auftreten von Terrorismus in der Folge von großen Katastrophen verantwortlich gemacht werden. Dennoch ist es zwingend zu beachten, dass die oben erwähnte Beziehung besonders in ressourcenarmen Ländern auftritt.

J.G.

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