Westliches Verständnis von Staat und „Staatlichkeit“

Literatur: Hansen, Thomas Blom, und Stepputat, Finn (2001), Introduction. States of Imagination, in Hansen, Thomas Blom, und Finn Stepputat (Hsg,), States of Imagination. Ethnographic Explorations of the Postcolonial State, Durham, London, Duke University Press, 1-38.

Im westlich-liberalen Verständnis ist für eine stabile und gesunde Demokratie das Staat-Gesellschaft-Verhältnis von großer Bedeutung. Schlagwörter wie Zivilgesellschaft oder gesellschaftliche bzw. in der Öffentlichkeit ausgetragene Debatten gelten als grundlegende Voraussetzung demokratischer Strukturen sowie bürgerlicher Partizipation. Doch welche Konstrukte verbergen sich hinter den Begriff des Staats und der Gesellschaft?

Nach Max Weber handelt es sich um einen Staat,

„wenn und insoweit sein Ver­waltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwangs für die Durchfüh­rung und der Ordnung in Anspruch nimmt“.

Des Weiteren legt Weber Wert auf das erfolgrei­che Durchsetzen der Staatsinteressen und dessen Beschränkung hinsichtlich eines spezifischen Territoriums. Als Erweite­rung der weberschen Staatsdefinition entwickelt Pierre Bourdieu orientiert an den individuel­len Kapitalien, wie dem sozialen, ökonomischen, kulturellen und symbolischen Kapi­tal, das sogenannte Staatskapital. Dieses gliedert sich wiederum in die vier Dimensionen
1) ökonomisches Kapital (z.B. Steuererhebung und ähnliche fiskale Regulierungen),
2) Mono­pol auf physische Gewalt,
3) Informationskapital (Lebensläufe, Daten über die Bevölkerung) und
4) symbolisches Kapital (Normen, juristische Diskurse etc.).
Hierbei agiert der Staat als „(Meta-)Autorität, welche andere Autoritäten für gültig oder ungültig erklärt“ (
Hansen/Stepputat 2001: 4), „um das letzte Wort im Territorium zu haben, um das letzte Urteil zu fällen“ (Hansen/Stepputat 2001: 4). Darüberhinaus sei von Zentralität, wie die spezifischen Staatsautoritäten bzw. -kapitalien sich mittels Symbole und/oder Rituale innerhalb der Gesellschaft (re-)produzieren. Der Staat gilt somit als dyna­misches Konstrukt, welches sich immer wieder in der Abhängigkeit von der Gesellschaft neu festigt und seine Existenz behauptet.

Hansen und Stepputat entwickeln aus Foucaults und Bourdieus Konzepten zum einem die drei praktischen Sprachen des Regierens und zum anderen die drei symbolischen Sprachen der Autorität bzw. der Reproduktion des Bildes vom und Assoziation mit dem Staat.

drei praktische Sprachen des Regierens: drei symbolische Sprachen der Autorität:
  1. Territoriale Souveränität und Gewaltmonopol

  2. Sammeln und Kontrollieren des Wissens über die Bevölkerung

  3. Entwicklung und Leitung der nationalen Wirtschaft für Staatseinnahmen

  1. Institutionalisierung der Gesetze und Rechtsdiskurse

  2. Materialisierung des Staates in einer permanenten Serie von Symbolen und Ritualen

  3. Nationalisierung des Territoriums und der Institutionen des Staates, verbunden mit gemeinsamen Mythen und Geschichten

Essentiell ist die Tatsache, dass der Staat nur in Koexistenz und Verbindung der beiden Sprachen existieren kann. Der entscheidende Schritt zum modernen Nationalstaat liegt
(a) in der Übertragung von zusätzlichen Aufgaben zum sozialen als auch ökonomischen Wohl der Bevölkerung, sowie
(b) in dem Schutz, der Reproduktion und Bildung dieser,
(c) in der Repräsentation der Nation, Kultur wie auch
(d) in der Befähigung der Anerkennung durch andere Staaten.
Entscheidendes Moment zum souveränen Staat nach Außen ist die Akzeptanz territorialer Souveränität. Jenes mag nicht nur von der bloßen militärischen Stärke abhängen, sondern ebenso von der Toleranz der Staatsstrukturen. Die Art und Weise der Regierung spiegelt neben der Regierungsform auch das Verhältnis zur Bevölkerung sowie dessen politische Einbettung wider. So ist nach Huntington die „most important distinction among countries not their form of government, but their degree of government“ (
zitiert in Hansen/Stepputat 2001: 11). Problematisch ist für den Westen das oftmals geradezu zwanghafte Festhalten am eigenen staatlichen wie auch demokratischen Selbstverständnis und diese oftmals ohne die nötige Toleranz gegenüber anderen Formen, wie es der ideologische Konflikt mit der „islamischen“ Welt beispielsweise veranschaulicht. An was es dem westlichen Diskurs oftmals zu fehlen scheint, ist die Erwägung anderer nicht-demokratischer Strukturen der „guten Gesellschaft“. Das Scheitern der UdSSR dient vielen als empirischer Beweis Churchills Fazit: „Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.“

M.C.

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