Die Tansanische Schattenwirtschaft in den 1980er Jahren

Zusammenfassung – Tripp, Aili Mari, 1997, Introduction, in dies., Changing the Rules. The Politics of Liberalization and the Urban Informal Economy in Tanzania, Berkeley, University of California Press, 1–27.

Einleitung

Die tansanische Wirtschaft ist in den 1980er Jahren so stark zurückgegangen, dass sogar die hochrangigen Staatsbeamten betroffen waren und ihr Einkommen zu den niedrigsten des Landes zählte. Tripp zeigt in ihrer Studie, wie die Einwohner von Dar es Salaam gegen den Mangel an Produkten und Dienstleistungen reagieren und kreative Alternativen finden. Das Wachstum einer informal economy (oder Schattenwirtschaft) war ein Zeichen des Widerstands der Tansanier gegen staatliche Kontrolle. Dies verursachte breite politische, wirtschaftliche und soziale Veränderungen in Tansania.

Die Auswirkungen der wachsenden Schattenwirtschaft auf  die ganze tansanische Gesellschaft

Kontext

Das Werk von Tripp beginnt mit einer Anekdote aus dem täglichen Leben in Dar es Salaam, um die Probleme der öffentlichen Verkehrsmittel zu illustrieren. In den frühen 1980er Jahren war das Angebot öffentlicher Verkehrsmittel einfach zu gering, um die Bedürfnisse der Bevölkerung Tansanias zu befriedigen. Dieser Mangel an Verkehrsmitteln verursachte die Entwicklung von informellen Alternativen. Durch das Beispiel eines Polizisten, der einen Bus aufhält und kontrolliert, zeigt uns die Autorin, dass der Betrieb eines privaten Buses mit kommerziellem Ziel damals illegal war.

Was ist der informelle Sektor?

Trotz der allgemeinen Anerkennung der Wichtigkeit des Sektors, bleibt die Schattenwirtschaft ein schwierig definierbarer Begriff in den Sozialwissenschaften. Sie wird häufig auch als Schwarzmarkt, zweite Wirtschaft, underground economy, oder als verborgener Sektor bezeichnet. Mit der Schattenwirtschaft bezieht sich die Autorin auf wirtschaftliche Aktivitäten, die der staatlicher Regulierung theoretisch unterworfen sind, die aber in Wirklichkeit, außerhalb staatlicher Kontrolle stattfinden.

Der Staat scheiterte in seiner Mission

Der wirtschaftliche Niedergang in den 1970er Jahren führte das Land in eine Krise in den 1980er Jahren (Kitine 1993: 50). Die Wirtschaftsleistung wurde von einem weiteren Rückgang des realen BIP, hoher Inflation und Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Da die Reallöhne in Tanzania zwischen 1974 und 1988 um 83% sanken (Kitine 1993: 3), waren die Stadtbewohner und ihre Angehörigen auf die Landwirtschaft angewiesen und erhöhten ihre Einkommen durch kleine Aktivitäten wie Brot backen, Zimmerei, oder Schneiderei. Die finanziellen Schwierigkeiten des niedrigen Gehalts wurden teilweise gemildert durch die Tatsache, dass mehr als 90% des Haushaltseinkommens aus informellen Betrieben kam (Kitine 1993: 5), die vor allem von Frauen, Kindern und älteren Menschen betrieben wurden. Überlebensstrategien erzeugte deshalb wirtschaftliche Ressourcen, denn der Staat versagte, soziale und öffentliche Dienste zu liefern, für Sicherheit zu sorgen und adäquate Löhne im öffentlichen Sektor zu gewährleisten.

Die wachsende Schattenwirtschaft wirkte sich auf jede soziale Schicht aus

Viele Segmente der Gesellschaft und der Wirtschaft entzogen sich staatlicher Kontrolle. Das Wachstum der Schattenwirtschaft betraf nahezu alle sozialen Schichten der Gesellschaft, zum Beispiel Kinder, ältere Menschen, Frauen, einkommensstarke und einkommensschwache Gruppen. In Tansania war die Landwirtschaft durch den Verkauf von Getreide auf Parallelmärkten betroffen. Lohnarbeiter lebten in erster Linie von ihren Nebeneinkommen. Das Fernbleiben der Kinder von der Schule auf Grund anderer einkommensschaffender Aktivitäten verhinderte die Durchführung von Bildungsprogrammen. Lehrer bezogen häufig ihr Haupteinkommen durch außerschulischen Privatunterricht. Da der vom Staat bezahlte Lohn für Ärzte zu niedrig war und die Nachfrage für Gesundheitsfürsorge drastisch stieg, bezogen sie zusätzliches Geld in privaten Praxen. Der Umfang der Beteiligung von Frauen an Einkommensmöglichkeiten erreichte noch nie dagewesene Ausmaße. Kurz gesagt, es gab wenige Bereiche des Lebens in Tansania, die von diesen informellen Strategien unberührt blieben.

Sozialer Wandel in der tansanischen Gesellschaft

Das Vertrauen in die informellen Einkommensmöglichkeiten von Frauen, Kindern und älteren Menschen verdrehte die Abhängigkeiten. Frauen und Kinder erlangten dadurch eine größere Menge von Freiheit und Autonomie als Folge ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten.

Noncompliance führte zu institutionellen Veränderungen sowie neuen institutionellen Ressourcen

Was ist noncompliance?

Es kann als ein Akt des friedlichen und ruhigen Widerstands betrachtet werden, wo der Widerstand als ein Ausdruck des kollektiven Bewusstseins verstanden wird. Noncompliance scheint auch die Grundlage für den institutionellen Wandel zu sein. Dazu können Steuerhinterziehung, der Handel mit parallelen Märkten und Geschäftstätigkeiten in nicht autorisierten Bereichen gehören. Um zu versuchen, dieses weit verbreitete Phänomen der noncompliance zu verstehen, weist die Autorin auf einen interessanten Punkt hin: die „norm of fairness“ (S. 6). Diese Norm besagt, dass die Leute institutionellen Regelungen folgen würden, die sie als gerecht befinden und vom Kollektiv anerkannt werden.

Institutioneller Wandel führte zu komplett neuen Gesellschafts-Staats-Beziehungen

In einigen Fällen antwortete der Staat auf diese Art von Widerstand mit der Legalisierung von verschiedenen Aktivitäten. In anderen Fällen ignorierte der Staat Handlungsweisen, weil sie die ideologischen Ausrichtung zu stark verändern würden. Die Zanzibar-Erklärung zum Beispiel erlaubt es Arbeitern, die von einem zweiten Einkommen verfügen, keine Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes zu haben. Mit großem Druck seitens der Weltbank und des IWF wurden Strukturanpassungsprogramme durchgeführt. Die politische folgte der wirtschaftlichen Liberalisierung der späten 1980er Jahre und die Presse begann mehr Freiheit zu haben. Ab 1992 gab es offiziell einen Mehrparteienstaat in Tansania.

Neue institutionellen Ressourcen

Die noncompliance in Tansania begründete nicht nur eine Form des Widerstands, sie beinhaltete auch die Schaffung neuer Ressourcen in vielen Bereichen.

Sicherheit: In städtischen und ländlichen Gebieten, wurde Sicherheit auf lokaler Ebene durch lokale Verteidigungsteams durchgeführt.

Unterstützung: Stadtbewohner versuchten, ländlichen Gemeinden zu helfen, aus denen sie kamen. Sie versammelten sich in Verbänden, um Schulen, Waisenhäuser, Bibliotheken, Straßen und Kliniken zu bauen. Außerdem wurden Umweltprojekte gegründet; Solarstrom und Wasser geliefert, und letztendlich wurde auch Geld für Flutopfer und andere Katastrophen gesammelt (S. 13).

Gesundheit: Es gab einen globalen Rückgang in den formalen medizinischen Leistungen (formal medical services) während den 1980er Jahre in Tansania, sodass local healers über eine deutliche Ausweitung der Zahl ihrer Patienten berichteten.

Ausbildung: Die Eltern setzten sich für erweiterte Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder ein. Ab den späten 1970er Jahren war es erlaubt, in local comunity groups private Schulen zu bilden. Bis 1988 war die Anzahl der Privatschulen und der staatlichen Schulen die gleiche.

Widespread non-compliance and a burgeoning informal economy are indicative of this disjuncture in society-state relations over who makes the rules of the game and what they should be.” (S.10)

Schattenwirtschaft in vergleichender Perspektive

Ein internationales Phänomen

Es ist bekannt, dass Menschen, die in den US-Dienstleistungsbranchen wie Autoreparatur, Friseur, oder Kinderbetreuung arbeiten, oft ganz oder teilweise Steuern hinterziehen. Im Jahre 1983 hat eine Umfrage gezeigt, dass ein Fünftel der Dänen ständig Maler, Handwerker, Kinderbetreuer, oder Gärtner sucht und dabei ihren Lohn nicht versteuern wollen. Außerdem wurden Schweden, Dänemark, Belgien, und Italien das höchste Niveau von nicht versteuerter Arbeit Europas registriert. Ebenso kamen ca. 11% des Gesamteinkommens aller russischen Haushalte aus informellen Quellen. In der ehemaligen Sowjetunion hing wegen der Unsicherheiten des Regimewechsels in den späten 1980er ein großer Teil von dieser Parallelwirtschaft ab. Die Wirtschaftskrise und die Auslandsverschuldung von vielen lateinamerikanischen Ländern waren ebenfalls für das ständige Wachstum der dortigen Schattenwirtschaften verantwortlich.

Die Gründe für die Schattenwirtschaft sind vielfältig:

  • Direkte Folge der wirtschaftlichen Umstrukturierung, die mit der Krise der 1970er Jahre zu bewältigen war
  • Existenz von staatlichen Monopolen von verschiedenen Institutionen, die den privaten Gewinn manipulierten
  • Antwort der Arbeitnehmer und ihrer Haushaltsmitglieder auf die fallenden Reallöhne, die eine Folge des wirtschaftlichen Niedergangs waren. Die Löhne waren in Tansania so niedrig, dass eine freiberufliche Tätigkeit in Voll- oder Teilzeit sicherer war als ein Job in der offiziellen Wirtschaft
  • Zunehmender Mangel von nötigen Waren und Dienstleistungen, steigende Verbraucherwünsche, fehlende Angst vor staatlicher Repression verbunden mit einem großen Misstrauen in staatliche Institutionen. Diese haben sich als unfähig erwiesen, um den Bedürfnissen der Bevölkerung in den Bereichen des Wohnungsbaus, der Waren und der Dienstleistungen eine Antwort zu geben.

Die offizielle Wirtschaft spielt für sich

Die Umfrage von Aili Mari Trip hat gezeigt, dass im Jahr 1988 neun Zehntel der städtischen Haushaltseinkommen in Tansania aus informellen Quellen kam. Aufgrund der Struktur der Mikro- und Kleinunternehmen verblieben Kapital und Ressourcen nicht in den Händen von ein paar Leuten, sondern verteilten sich auf einen größeren Teil der Bevölkerung. Trotz dieser Realität behielten die großen Industriesektoren weiterhin die Mehrheit der staatlichen Unterstützungen. In diesem Zusammenhang der Deindustrialisierung war es unverständlich, dass das Augenmerk weiterhin auf der Großindustrie lag, denn die Mikro- und die Kleinproduzenten waren diejenigen, die die städtische Bevölkerung stützen.

Schluss

Letztlich kann man sagen, dass die Teilnahme an der Schattenwirtschaft Fragen der Governance betrifft. Wenn viele Menschen sich an Wirtschaftstätigkeiten beteiligen, die sich Regelungen widersetzen, können sie vielleicht ihre Macht behaupten und ihre Vorstellung davon, welche Herrschaft regieren sollte. Sie haben vielleicht eine andere Vision der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und wie Ressourcen verteilt werden sollten. Mit ihrer Studie untersucht Aili Mari Trip, den Einfluss der Schattenwirtschaft auf die tansanische Gesellschaft und die Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft in die 1980er Jahren. Dies ist immer noch relevant zwanzig Jahren später: Einem Bericht von Research Gate (S.5) zufolge hatten Tansania, Simbabwe und Nigeria die größten Schattenwirtschaften in Afrika (in Prozent des BIP) in den 2000er Jahren (58,3%, 59,4% und 57,9%).

Ted Planto

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