Gewaltvolle Konflikte und Bürgerkriege – irrational?

Im allgemeinen Verständnis haftet dem Krieg stets Irrationalität oder gar Unmenschliches an. Oftmals als ein soziales Phänomen, welches der Gesellschaft aufgebürdet wird, und weniger als Resultat politischer und/oder ökonomischer Prozesse verkannt. Der vermeintliche Gegenpol des liberalen Friedens entspringt hingegen ökonomischer Entwicklung und politischer Konsolidierung. Bereits der Philosoph Baruch de Spinoza lokalisierte die Ursache von Gewalt im Einlenken des rationalen Verstands in die irrationale Leidenschaft und damit die Unterwanderung des ureigenen Interesses an Kooperation (vgl. Keen 1997: 67). Ebenso betont der Soziologe Thomas J. Scheff die irrationale Komponente der Gewalt – insbesondere die sogenannter postmoderner Konflikte – auf Basis des liberalen Verständnisses der Kosten-Nutzen-Maximierung mittels Verhandlungen. So stehen beispielsweise die horrenden Kriegskosten als Fürsprache der Irrationalität der Gewalt.

Modern conflicts may seem particularly senseless with chains of command often unclear, factions often inflicted on civilians“ (vgl. Keen 1997: 67f.). Als problematisch erweist sich darüberhinaus die oftmals aus westlicher Perspektive getätigte Verknüpfung mit rassistischen Stereotypen zur weiteren Untermauerung der Absurdität des Krieges.

Most versions of the distinction between old and new civil wars stress or imply that new civil wars are characteristically criminal, depoliticized, private, and predatory; old civil wars are considered ideological, political, collective, and even noble. The dividing line between old and new civil wars coincides roughly with the end of the cold war“ (Kalyvas 2001: 100).

Unter anderem weist die Soziologin Frances Stewart darauf hin, dass internationale Organisationen Kriege als exogene Variable fehleinschätzen und demzufolge annehmen, diese im Rahmen des Konzepts des liberalen Friedens mit ökonomischen Plänen beenden zu können. Der Politologe David Keen plädiert für die notwendige Unterscheidung für wen – die gesamte Gesellschaft, Gruppen oder einzelne Akteure – in welchem Maße Rationalität oder Irrationalität das Agieren bestimmt. In diesem Sinne sieht Foucault die Untersuchung der jeweiligen Funktion und Ursache in der spezifischen Relation zur politischen Sphäre. „[T]he aim in war is not necessarily to it“ (Keen 1997: 69). So verstand bereits Carl von Clausewitz den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mittel, als durchdacht und strategisch. Klassische und in historischer Kontinuität stehende Begleiterscheinungen wie die Massenvergewaltigung von Frauen (siehe auch hier) und/oder Raubzüge erscheinen nicht als Teil des Krieges, sondern oftmals zusätzlich, „unnötige“ – außerhalb des rationalen Kalkül befindliche – gar verbrecherisch und gelten demnach im oftmaligen Irrglauben als Beweis der Irrationalität von sowie der gesteigerten Gewalt in heutigen Konflikten.

Geschehnisse wie in Sierra Leone jedoch verweisen beispielhaft auf ein Gemisch komplexer, global agierender ökonomischer und politischer Interessengruppen, denen ein möglichst lang anhaltender Konflikt als mindestens ebenso nützlich erschien und noch erscheint wie das Gewinnen des Selbigen. Bezeichnend ist ebenso die Tatsache, dass die „great majority of violent acts have been against unarmed civilians“ und nicht zwischen den Rebellen der RUF und der Arme. Die in Afrika entwickelte Warlord-Struktur ähnelt hinsichtlich der Selbstbereicherung der Beteiligten dem feudalen Mittelalter und widerlegt damit die Ideologie behaftete Unterscheidung von sogenannten „old and new civil wars“.

So ist und bleibt der „Krieg“ ein Chamäleon, dessen Funktion vom Militärischen bis zum Ökonomischen variiert. „Existing attempts to address the symptom and costs of wars without looking at their functions may just be recreating the conditions for conflict“ (vgl. Keen 2001: 74). Zentrales Element heutiger Konflikte und Bürgerkriege scheint die ökonomische und politische Destabilisierung der Region, um im Schleier des Chaos die Fäden ziehen zu können. Ein Beispiel eines schier undurchsichtigen Akteursnetzes ist die vom IS beherrschte Konfliktzone im Irak und Syrien, deren Katalysator auf die ursprüngliche Befreiung des Iraks mit dem Resultat der Formierung des IS zurückzuführen ist.

Darüberhinaus stellt sich in Anbetracht des Leides, das tagtäglich weltweit in krisenbehafteten Regionen willentlich hingenommen wird, was ist rational bzw. darf als solches gelten? Das ideologisch beschränkte westlich-liberale Verständnis der Rationalität verschließt oftmals die Augen vor den Ursachen der konfliktgebärenden Problematik. So mag es durchaus rational sein für sozio-ökonomisch marginalisierte Individuen und/oder Kollektive als Söldner zu arbeiten oder sich der Piraterie anzuschließen. „Unless we look also at the functions of war [and humans suffering], it is difficult to see how wars can be brought to an end“ (Keen 2001: 74). Es geht schon lange nicht mehr – und ist selten je so gewesen – notwendig zwischen schwarz und weiß zu unterscheiden, sondern um die Aufdeckung der politischen und ökonomischen Interessen, der im Hintergrund agierenden Akteure. Die liberale Vereinfachung in der Analysereduktion auf die Interessenkategorie, verschleiert nicht nur historisch und identitätsbedingte Konfliktlinien, sondern untergräbt die Bandbreite rationalen Handelns. So wird sicherlich niemand eine Mutter für irrational bezeichnen, die sich schützend für ihr Kind wirft. Rationalität liegt stets im Auge des Betrachters und ist nicht an bloßer Kosten-Nutzen-Maximierung der rational choice-Theorie zu messen.

M.C.

 

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