Die Chefin

Liberia.
Eines von 54 Ländern auf dem afrikanischen Kontinent. Ein ganz normaler Staat Westafrikas. Zwischen Sierra Leone, Guinea, der Elfenbeinküste und dem Atlantik gelegen, bietet es die Heimat für rund 4 Millionen Liberier.
Auch bis jetzt scheint Liberia ein gaaaanz normaler Staat zu sein.
Ist es aber nicht. Liberia ist einzigartig.

Landschaftlich hat Liberia einiges zu bieten: neben dem Bergland, was einen großen Teil des Gebietes Liberias ausmacht, gibt es noch eine sumpfige Küstenebene, eine Plateaulandschaft sowie eine ausgeprägte tropische Regenwaldzone. Sehr abwechslungsreich, aber nichts Außergewöhnliches.
Die bekanntesten Großsäugetiere Liberias sind Leopard, Waldelefant und das Flusspferd. Im Osten des Landes leben die aller-letzten Populationen des nachtaktiven (!) Zwergflusspferdes.
Das ist sicherlich niedlich, aber nicht unbedingt spektakulär.

Was also kann es sein, dass Liberia so einzigartig macht?

Hier sind zwei Dinge zu erwähnen.
Liberias Geschichte ist sehr untypisch für afrikanische Länder. Liberia war nie eine Kolonie, sondern war eine Art „Projekt-Staat“. Befreite afrikanische Sklaven aus den vereinigten Staaten sollten hier eine neue „alte“ Heimat finden. Unter der „American Colonization Society“ wurden diese „Rückführung“ in Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben. Mehr Infos darüber gibt es unter anderem
hier oder über die Society.

Die zweite Besonderheit Liberias liegt in dem politischen System des Landes. Guckt man sich dieses an, fällt es jedoch nicht direkt auf: Es ist eine Republik mit Präsidialsystem, wie Malawi, Angola, Benin, Burundi, Gambia, Ghana, Nigeria, …
Die 1984 verabschiedete Verfassung ist stark an das US-amerikanische Modell angelehnt und so liegt die Legislativmacht in den zwei Kammern des Parlaments, dem Senat und dem Repräsentantenhaus.
Laut Verfassung ist der Präsident ist sowohl Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der liberianischen Streitkräfte.

Und hier wird es nun interessant:
Seit gut 10 Jahren stimmt der Teil der Verfassung über den Präsidenten nicht mehr ganz.
„Der Präsident“ ist nämlich „Die Präsidentin“.
Ellen Johnson Sirleaf ist die erste Frau, die durch Wahlen zum rechtmäßigen Staatsoberhaupt eines afrikanischen Staates ernannt wurde.

Im November 2005 setzte sich die heute 76-Jährige gegen 22 Kandidaten durch und wurde bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2011 für weitere 6 Jahre ins Amt gewählt. Und das mit einer überwältigenden Mehrheit von rund 90% in der Stichwahl. Dies ist allerdings auch dem zu verschulden, dass der Gegenkandidat gar nicht mehr antreten wollte.

Die Geschichte Liberias ist sehr wechselhaft und von viel Krieg und Gewalt gekennzeichnet, was vor allem noch heute die Wirtschaft stark beeinträchtigt. So begann 1980 durch einen Militärputsch von Samuale Doe eine 20 Jahre andauernde politische Instabilität. Doe selbst wurde 1990 abgesetzt, gefoltert und getötet. Darauf folgten 14 Jahre Bürgerkrieg.
2003 wurde dann endlich der Waffenstillstand besiegelt und der damalige Präsident Charles Taylor machte sich schnell aus dem Staub. (
Taylor ist übrigens das erste afrikanische Staatsoberhaupt, das von einem internationalen Tribunal wegen Kriegsverbrechen zur Verantwortung gezogen wurde.)

Seit 2005 nun hat die Harvard-Studierte Mrs. Sirleaf das Sagen.

Die 1938 in der Hauptstadt Monrovia geborene Politikerin besuchte zunächst das College of West Africa und reiste dann mit ihrem Mann in die Vereinigten Staaten. Von dort kehrte sie mit einem Master of Public Administration der John F. Kennedy School of Government Harvards zurück und arbeitete unter anderem als ‚Assistant Minister of Finance‘.

Seit ihrem Amtsantritt macht die „Chefin“ Schlagzeilen. Und zwar gute:
So erlies sie 2007 eine Verfügung, die Schulbildung kostenlos und obligatorisch für alle Kinder im Grundschulalter macht.
Drei Jahre später unterzeichnete sie die „Freedom of Information Bill“, die erste ihrer Art in Afrika und setzte sich so für Presse-, Meinungs- und Informationsfreiheit ein.
Die Reduzierung der Staatsschulden Liberias hat für Sirleaf höchste Priorität, was bisher auch gut geklappt zu haben scheint. So erließen z.B die Vereinigten Staaten Amerikas Liberia 2007 die gesamten 391 Millionen Dollar Schulden.
Seit 2006 existiert die von Sirleaf ins Leben gerufene „Truth and Reconciliation Commission“, die sich zum Ziel gesetzt hat Frieden, Sicherheit, staatliche Einheit und Versöhnung in dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land zu etablieren.

Die lange Liste von Auszeichnungen und Preisen die sie für ihre Politik und ihr Engagement seit 2006 bekommen hat, zeigt, dass es sich um eine außergewöhnliche Politikerin handelt, die auch international sehr geschätzt wird.
2011 bekam die durchsetzungsfähige Staatschefin zudem den Friedensnobelpreis und wurde von Forbes zu den 70 einflussreichsten Frauen der Welt gezählt.

Leider ist ihre Politik jedoch nicht ausnahmslos positiv.
2012 machte die Staatschefin unteranderem Schlagzeilen, mit ihrer sehr fragwürdigen Einstellung bezüglich Rechten von Homosexuellen.
Sie und ihre Regierung haben nämlich nicht vor, die Gesetze Liberias, die Homosexualität als illegal deklarieren, zu ändern.
Hier ein Interview mit Toni Blair und Sirleaf von 2012, das diese traurige Position deutlich macht.

Dennoch ist Mrs. Sirleaf in meinen Augen eine bemerkenswerte Persönlichkeit, die in vielen Dingen die richtigen Ziele gesetzt hat.

Prillan

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