Alltagsformen des Widerstandes

Was ist die effektivste Form des Widerstands gegen die Obrigkeit? Viele würden diese Frage mit Revolution! beantworten. Doch sind Menschen ohne ausreichend Ressourcen, ob nun materieller oder kultureller Art überhaupt in der Lage, Rebellionen oder Revolutionen erfolgreich durchzuführen? Sicherlich.

James Scott würde an dieser Stelle allerdings argumentieren, dass Revolutionen und Revolten für ressourcenlose oder -schwache Schichten der Gesellschaft, die man heute wohl Prekariat nennen würde, nicht die effektivste Form des Widerstandes ist. Er hebt in seinem Buch „Weapons of the Weak. Everyday Forms of Peasant Resistance“ (1985) die alltäglichen Formen des Widerstands hervor. Diese seien im Rahmen repressiver Staatlichkeit mit mehr Erfolg gekrönt, da sie sich im Verborgenen bewegen und so nicht von der Obrigkeit sanktioniert würden, wie es offene Formen des Widerstandes zur Folge hätten.

Aber wo wird alltäglicher Widerstand geübt und gegen was?

Alltagsformen des Widerstandes sind nach Scott verdeckte, kontinuierlich praktizierte Formen des Widerstands, die keinen direkten oder symbolischen Konflikt mit der Obrigkeit verursachen. Diese Form des Widerstands wird dann geübt, wenn die Kosten eines offenen, organisierten Widerstands zu hoch sind, also negative Folgen wie staatliche Sanktionierung oder Repression stärker ins Gewicht fallen als die zu erreichenden Ziele.

Diese Widerstandsformen wie beispielsweise Verzögerung, Verheimlichung, Täuschung und Sabotage seien darüber hinaus für untere Klassen, insbesondere der Bäuer*innenschaft geeignet, da diese einerseits meist räumlich voneinander isolierte Einheiten bilden, dies sich nur schwer als Kollektiv organisieren können. Zum anderen verfügen sie schlicht nicht über genügend materielle Güter, um ein offenen, organisierten Widerstand auszuüben.

Haben die Alltagsformen des Widerstandes eine Wirkung?

Die verdeckten, aber kontinuierlichen Formen des Widerstands sind oftmals zwar von der Geschichtsschreibung ignoriert worden. Sie sind jedoch in vielen Fällen auf lange Sicht weitaus erfolgreicher, als offene Widerstände. Dies begründet Scott vor allem dadurch, dass alltägliche Widerstandsformen eine repressive Obrigkeit nicht direkt herausfordern, sondern einer direkten Konfrontation aus dem Wege gehen. Das schleichende und verdeckte Verfolgen der politischen Ziele ist also weniger sichtbar und bietet weniger Angriffsfläche für die Obrigkeit. Eine Stück für Stück Aneignung staatlicher Wälder durch die Bäuer*innenschaft zeige, so Scott, einen auf lange Sicht viel größeren Erfolg, als eine plötzliche Besetzung des Landes.

Alltäglicher Widerstand ist allerdings kein individuelles Phänomen. Widerstand kann auch im Kollektiv geübt werden, ohne dass dieser sichtbar wird. Kollektiver alltäglicher Widerstand ist eine soziale Bewegung ohne Organisation. Eine einzelne Desertion aus einer Armee kann zunächst nicht als Form des Widerstandes verstanden werden. Geschieht es jedoch in großem Maßstab, kommt man nicht umhin, die Desertionen in Zusammenhang zu setzen.

Alltäglicher Widerstand im post-genozidalen Ruanda

Susan Thomson beschreibt die Alltagsformen des Widerstands für das ländliche post-genozidale Ruanda. Der Widerstand wendet sich, so Thomson, gegen die von der Regierungspartei RPF (Ruandische Patriotische Front) durchgesetzte „Policy of national unity an reconciliation“. Diese habe nicht die Funktion der nationalen Wiedergutmachung, sondern zielt vor allem darauf ab, die Machtposition der Regierung zu verfestigen und die Bevölkerung zu kontrollieren. Diese Wiedergutmachungspolitik rufe vor allem Widerstand bei den unteren Bevölkerungsschichten hervor, da die staatlich durchgesetzte Versöhnungspolitik an ihrer Lebensrealität vorbeigehe.

Die Unterdrückung der öffentlichen Auseinandersetzung mit bestehenden ethnischen Konflikten nach dem Genozid an den Tutsi hat zur Folge, dass die betroffene ländliche Bevölkerung bei verpflichtenden Aktivitäten im Rahmen der Versöhnungspolitik den direkten Kontakt mit den lokalen Behörden meidet, ihre Autorität beispielsweise durch lautes Lachen untergräbt oder Mitglieder der lokalen Verwaltung bedeutungsvoll anschweigt.

Solche Formen des Widerstandes sind offensichtlich keine gewaltvollen, wie eine Rebellion oder Revolution. Sie bringen die Ohnmacht der ländlichen Bevölkerung Ruandas zum Ausdruck, sich offen den Verordnungen der ruandischen Regierung zu widersetzen.

Doch wie bewusst oder unbewusst ist dieser Widerstand? Wenn Einzelne den verordneten Zeremonien der Versöhnung fern bleiben – ist das Widerstand? Natürlich kann man über individuelle Motive nur mutmaßen, es wird jedoch zu einer Alltagsform des Widerstands, sobald eine stillschweigende Übereinkunft über das bewusste Fernbleiben herrscht.

Sind diese alltäglichen Formen des Widerstands wirksam? Wie kann sich etwas verändern, wenn die lokalen Behörden überhaupt nicht erkennen, dass sie bewusst und bedeutungsvoll angeschwiegen werden? Das sind wichtige Fragen, doch ein so unterschwelliger Widerstand hat nicht als primäres Ziel, die herrschenden Verhältnisse direkt zu verändern, sondern im Rahmen der widrigen Verhältnisse und ohnmächtigen Lage die eigene Würde zu bewahren.

Zum Weiterlesen: Artikel aus TAZ und BPB

Y.M.

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