Konflikt in Kolumbien: Warum der Guerillakrieg kein baldiges Ende haben wird

Der Konflikt, in dem auf der einen Seite der kolumbianische Staat, und auf der anderen die Guerillamilizen FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias Colombianas) und ELN (Ejército de Liberación Nacional) stehen, platziert Kolumbien als das gewalttätigste Staat Lateinamerikas und als eines der gefährlichsten weltweit (Global Peace Index 2014). Seit dem Beginn der Konfrontation vor sechzig Jahren gibt es – laut der Regierung – fünf Millionen Opfer, davon 600.000 Tote. Ziel dieses Artikels ist es zu erläutern, warum eine friedliche Lösung des Krieges heute sehr unwahrscheinlich ist. Dabei werden zuerst die Geschichte und Motivationen der Akteure vorgestellt sowie die bisherigen Friedensverhandlungen, letztendlich werden Gründe gegeben, weshalb dieser Frieden heute kaum möglich ist.

Akteure der Guerillamilizen

Wie schon erwähnt, sind die Guerillamilizen in zwei Organisationen geteilt. Die wichtigste Guerillamiliz ist die FARC. Diese existiert seit den 1960er Jahren, und war ursprünglich eine bewaffnete Protestbewegung, die sich gegen die Agrarreformen des Staates engagierte. Sie bezeichnet sich als marxistisch-leninistisch und setzt sich als Hauptziel, in Kolumbien einen sozialistischen Staat zu errichten. Seit ihrer Gründung war die FARC zwar bewaffnet, sie wurde aber in den 1970er Jahren wegen den starken Repressionen, die der kolumbianische Staat gegen sie ausübte, gewalttätiger und brutaler. Man kann heute nicht die genaue Anzahl ihrer Kämpfer feststellen, da die Regierung von 8,0000 Mitgliedern spricht und internationale Experten von einer Miliz mit 16,000 Kämpfern. Diese FARC-Kämpfer halten sich vor allem in den ländlichen Gebieten auf, weil die Organisation auch über die Hälfte der 1.000 Kommunen des gesamten Territoriums kontrolliert. Außerdem begeht sie zahlreiche terroristische Angriffe und entführt viele Mitglieder der Oppositionsfraktion. Neben ihren brutalen Methoden ist die Miliz auch sehr stark im Drogenhandel beteiligt und beherrscht über 170.000 Hektar Kokainfelder, durch welche sie zwischen 600 Millionen und 1 Milliarde US-Dollar Jahresumsatz macht (Combs 2013).

Laut dem Bericht „Cocaine: Data and Analysis“ (2010) des United Nations Office on Drugs and Crime ist Kolumbien weltweit der größte Exporteur von Kokain welches vor allem auf Land, das unter der Kontrolle der Guerilla ist, produziert wird. Aber diese kriminellen Aktivitäten bedeuten nicht, dass die FARC überall im Ausland als Terrororganisation bezeichnet wird. Obwohl dieser Status für die westlichen Länder wie auch für zahlreiche lateinamerikanische gilt, ist die FARC für die Regierungen von Argentinien, Venezuela oder Ecuador nur eine „irreguläre Gruppe“ (zum Beispiel brachen im März 2008 diese drei Länder die diplomatischen Beziehungen mit der kolumbianische Regierung ab, nachdem sie den FARC-Vize Raúl Reyes umgebracht hatte).

Die zweite Guerillamiliz ist die ELN, die mit der FARC verbündet ist und auch einen marxistisch-leninistischen Staat etablieren will. Allerdings ist die ELN, die 1964 gegründet wurde, weniger gewalttätig und verfügt über viel weniger Mitglieder (2.500 Kämpfer). Einer der Hauptunterschiede zwischen beiden Fraktionen ist, dass die ELN einen aktiven politischen Flügel hat (namens „Revolución Socialista“), der sich mit der kommunistischen Partei jedes Jahr zur Wahl stellt, und dass sie einen christlich-marxistischen Einfluss hat, weil viele Pfarrer, die der Befreiungstheologie folgten, prominente Führer waren.

Akteure gegen die Guerilla

Die Gegenkämpfer der Guerillamilizen sind ebenfalls in zwei verschiedene Gruppen, das Paramilitär und das Militär, geteilt. Das Paramilitär wurde 1968 von zivilen Selbstverteidigungsgruppen gegründet (unter den Namen Autodefensas Unidas de Colombia (AUC)), um gegen die Guerilla zu kämpfen, und bekam zu Beginn militärische und wirtschaftliche Unterstützung des Staates, da dieser nicht in allen Territorien, die die Guerilla kontrollierte, präsent war (Blumenthal 2001: 5). Aber das Paramilitär wurde schnell korrupt und beteiligte sich bald auch im Drogenhandel. Letztendlich tragen sie also ebenfalls zu einer Steigerung der Gewalt bei, was der Grund ist, weshalb der Staat sie nicht mehr unterstützt. Das Problem mit dem Paramilitär ist für viele Analysten, dass der Staat viel stärkere Maßnahmen gegen ihn treffen sollte, da die Existenz eines Paramilitärs – wie die Länder Somalia, Angola oder El Salvador zeigen – nur zu einer Verschärfung der Gewalt beiträgt (Blumenthal 2001: 18).

Das Militär ist ebenso sehr stark im Kampf gegen die Guerilla beteiligt. Jedoch ist sein Verhältnis zum Staat auch problematisch, da Kolumbien bis 1957 eine Militärdiktatur war (unter dem General Rojas Pinillas) und noch sehr viel Misstrauen zwischen beiden Seiten herrscht. Denn das Militär handelt oft unabhängig vom Staat und wird von Analysten als unabhängiger Akteur gesehen. Dies wurde vor allem in den 1980er Jahre deutlich, als es eine FARC-Miliz angriff, obwohl dies der Staat öffentlich abgelehnt hatte (Blumenthal 2001: 9). Zuletzt ist erwähnenswert, dass das Militär eine starke Verbindung zum Paramilitär hat, ebenso in Korruptionsskandale verwickelt ist, und auch sehr oft Menschenrechte verletzt. Doch seit 1996, d.h. seitdem die USA die Regierung unterstützt, die Probleme mit dem Militär zu lösen, hat sich der Ruf des Militärs etwas verbessert.

Friedensverhandlungen

Jeder Politiker, der sich in Kolumbien zur Präsidentschaftswahl präsentiert, hat sich als Ziel gesetzt, einen Waffenstillstand zu erreichen und dem Konflikt ein Ende zu bereiten. Aus diesem Grund gab es in den letzten fünfzig Jahren verschiedene Verhandlungen, die aber alle gescheitert sind. Sehr prominent waren die Friedensgespräche des Präsidenten Betancourt (1982-1986) und die vom Präsidenten Pastrana (1998-2002), die bis heute als die erfolgreichsten gelten. Präsident Pastrana hatte mit dem FARC-Führer Manuel Marulanda, einer der Mitgründer der Miliz, Gespräche geführt und hatte es zu einem temporalen (sechs Monate langen) Waffenstillstand geschafft.

Zurzeit regiert seit 2010 Präsident Santos, der im Jahre 2012 Friedensverhandlungen mit den Guerillamilizen begann. Dabei ist einer der Hauptunterschiede mit früheren Verhandlungen, dass Venezuela als Mediator handelt, und dass sie in Städten wie Oslo und Havanna stattfinden (Combs 2013: 6). Die Hauptforderungen der Milizen sind seit Jahrzehnten unverändert geblieben und sind die Befreiung von Gefangenen, eine stärkere Opposition der Regierung gegenüber dem Paramilitär und die Akzeptanz eines politischen und legalen „Parteistatus“ der FARC (Combs 2013: 4). Allerdings ist für Experten in allen Verhandlungen das Hauptproblem, dass diese nicht auf Augenhöhe stattfinden und dass jede kolumbianische Regierung auf alle diese Forderungen eingehen würde um den Frieden zu erreichen. Doch dabei ist das Hauptproblem, dass diese Forderungen nicht von der Bevölkerung (auch wegen einem starken Druck der kolumbianischen Medien) akzeptiert werden würden, da sich diese nicht nur Frieden, sondern auch eine Bestrafung der Guerilla erhofft.

Problematik des Konflikts

Im blutigen Konflikt zwischen den Guerillamilizen und der Opposition kommen viele Problematiken zusammen, die eine Lösung des Krieges erschweren. Ein großes Problem ist, dass die Opposition der Guerilla kein einheitlicher Akteur ist: Der Staat, das Paramilitär und das Militär sind gespalten und handeln darum nicht koordiniert. Deshalb sollte laut Analysten eine Verbesserung des problematischen Verhältnisses zwischen dem Staat und dem Militär – das von einer jahrelangen Diktatur geprägt ist – eine Priorität der Regierung sein. Ebenfalls wird der Regierung vorgeworfen, nicht stark genug gegen das Paramilitär, das genauso kriminell wie die Guerilla handelt, vorzugehen.

Ein weiterer Faktor ist, dass der Staat bei den Gesprächen mit den Guerillamilizen immer von einer zweitrangigen Position aus verhandelt. Internationale Think Tanks und Akademiker, wie das Woodrow Wilson Institute der Princeton Universität sind der Ansicht, dass die kolumbianische Regierung nicht alle Forderungen der Milizen akzeptieren darf und dass der „Frieden für jeden Preis“ nicht positiv für die Gesellschaft sei (Blumenthal 2001: 11). In der Vergangenheit hat nämlich der Staat (unter Präsident Betancourt) viele gefangene Guerillakämpfer freigelassen, ohne dabei überhaupt einen temporalen Waffenstillstand zu schaffen. Aber da der größte Anteil der kolumbianischen Bevölkerung den Frieden ersehnt, wird allen Präsidenten vorgeworfen, die Ansprüche der FARC zu akzeptieren, nur um schnell einen endgültigen Waffenstillstand zu erreichen, und somit auf personalistische Weise in die Geschichte des Landes einzugehen.

Vielleicht ist der wichtigste Grund, weshalb es so schwierig ist, den Konflikt zu beenden, dass die Regierung nur an Frieden interessiert ist, um Stabilität in Kolumbien zu erreichen. Denn alle anderen Akteure würden so ihren Status quo und Einfluss verlieren. Das Militär hätte keinen Vorteil davon, auf seine historisch bedingte Unabhängigkeit zu verzichten, um mit der Regierung auf derselben Seite zu stehen. Das Paramilitär interessiert es auch nicht, sein kriminelles Handeln zu beenden und will sich weiterhin im Drogenhandel beteiligen. Doch die Guerillamilizen sind diejenigen, die am wenigsten vom Frieden profitieren würden, da sie dadurch ihre mächtige Position verlieren würden, die es ihnen heute ermöglicht, eine Mehrheit der ländlichen Territorien Kolumbiens durch Gewalt zu kontrollieren. Dabei sind Korruption, aber vor allem die hunderte von Millionen, die das Drogengeschäft bewegt – in dem beide Seiten verwickelt sind – die entscheidenden Faktoren, die einen Kurswechsel verhindern. Denn vom Kokainexport profitiert nicht nur die Guerilla, sondern auch internationale Drogenkartelle, die in den USA und Europa einen enormen Gewinn machen.

Zusammenfassend sind die Perspektiven für einen endgültigen Frieden kurzfristig und langfristig unwahrscheinlich, solange die Interessen der verschiedenen Akteure unverändert bleiben.

Jacobo Ramos Folch (Erasmusstudent, Humboldt Universität zu Berlin)

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