Korea: Ist die Versöhnung nur eine Lebenslüge?

Als Einführung zum Blogartikel empfehle ich den folgenden Kurzfilm anzuschauen.

Der ewige Präsident ist die Sonne, unter der KoreanerInnen glücklich leben dürfen. Der Große Führer Genosse Kim Il-sung, der für die nicht-nordkoreanische Welt vor 20. Jahren starb, regiert immer noch, auch wenn sein Sohn und Enkelkind seine kommunistische Politik weiterführen. „Uns fehlt nichts auf der Welt“ singen gehorsam jeden Tag nordkoreanische Kinder.

Die Welt auf der nordkoreanischen Seite der Halbinsel sollte das Paradies sein. Vor dem ewigen Glück darf das Volk aber nicht fliehen – auf jeden Fall nicht auf dem legalen Weg. Wegen der Hungersnot in den 1990er Jahren kamen eine Million Nordkoreaner ums Leben. Da Obdachlosigkeit verboten ist, starben Menschen an Bahnhöfen. Der Mangel an Essen führte Menschen zum Kannibalismus, der, wenn er aufflog, mit Hinrichtung bestraft wurde. Die Zehnjährigen sahen wie Sechsjährige aus. Die Waisen, die durch den Fluss nach China zu fliehen versuchten, wurden von Wächtern erschossen oder, wenn gefunden, durch chinesische Behörden in die Heimat zurückgeschickt. Diebstahl, als Verbrechen gegen den kommunistischen Staat, wurde mit dem Arbeitslager bestraft (Demick 2013).

Bis heute sind Mangelernährung, Pellagra und Arbeitslager (bis zu 200.000 politische Gefangene) an der Tagesordnung. Es gibt keine Stromausfälle – die Elektrizität fehlt im ganzen Land. Die Propaganda läuft ständig im einzigen Sender, durch das Radio in jedem Treppenhaus oder auf den öffentlichen Plätzen Pjöngjangs. Durch sie und auch durch die Chuch‘e-Ideologie „Militär zuerst!“ ist die Angst vor US-amerikanischen Schweinehunden, Japanern und Spionen unter Präsidentin Park Geun-hye weit verbreitet. Die Atomwaffen (es wurden bereits drei Tests durchgeführt) sollen der nordkoreanischen Bevölkerung Sicherheit geben.

Auf der anderen Seite der Koreanischen Demilitarisierten Zone (DMZ) liegt die Republik Korea – ein entwickeltes Industrieland, Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen, der G20, der OECD und der APEC.

Der Lebensstandard der Menschen ist dem Westeuropas gleich. Nein, die SüdkoreanerInnen glauben nicht an den Ewigen Präsidenten oder doppelten Regenbogen bei der Geburt seines Sohnes. Ja, sie wissen, was Handys und Internet sind. Das Land ist wie jeder andere moderne Staat, nur mit einem Unterschied – es befindet sich im Kriegszustand mit dem Nachbarland, in dem viele Familienmitglieder der BürgerInnen bis heute noch wohnen. Seit dem Ende des Koreakrieges 1953 wurden lediglich ein Waffenstillstand und ein Nichtangriffspakt zwischen den beiden Seiten abgeschlossen. Danach, 2007, folgte eine Friedenserklärung, in der zu Frieden, Wohlstand und engerer wirtschaftlicher Zusammenarbeit aufgerufen wurde. Nach dem dritten nordkoreanischen Kernwaffentest am 12. Februar 2013 kam es jedoch zu einer Verschärfung der Sanktionen gegen Nordkorea Seitens des UN-Sicherheitsrats, zu nordkoreanischen Provokationen gegenüber Südkorea, zur Schließung der Sonderwirtschaftszone Kaesŏng und zur Kündigung des Waffenstillstandsvertrags von 1953.

Korea_Unification FlagDie weiß-blaue Flagge ist ein Symbol der vereinten koreanischen Halbinsel und wird auch bei gemeinsamen Auftritten von Nord- und Südkorea benutzt (so z.B. bei den Olympischen Sommerspielen 2004). Es stellt sich jedoch die Frage, ob eine Wiedervereinigung noch möglich ist. In Südkorea wurde 1969 ein Ministerium der Einheit (Ministy of Unifikation) gegründet – ein Staatsorgan, das für den Prozess der Versöhnung beider Länder verantwortlich ist. Auf seiner offiziellen Webseite lässt sich der geplante Ablauf finden:

Korea_table

Im Rahmen des ersten Schrittes „Reconciliation and cooperation“ wurde die so genannte „Sonnenscheinpolitik“ von der Millennium Democratic Party unter Präsident Kim Dae-jung vorgeschlagen, die nicht auf Sanktionen oder militärischen Drohungen, sondern auf positive Zusammenarbeit für die koreanische Vereinigung zielte. Am Anfang der Sonnenscheinpolitik, 1998, schien sie erfolgreich. Das nordkoreanische Regime erhielt eine weitgehende Nahrungshilfe, die Hindernisse in Handelsbeziehungen zwischen nord- und südkoreanischen Unternehmen wurden gesenkt, sowie Überlegungen angestellt, das US-amerikanische Embargo gegen Nordkorea aufzuheben. Im Juni 2000 trafen sich die Staatsoberhäupter in der nordkoreanischen Hauptstadt. Sie schüttelten sich zum ersten Mal seit der Teilung der Halbinsel gegenseitig die Hände. Da sich unter den drei Grundsätzen der Sonnenscheinpolitik der Punkt „keine militärische Aktion seitens des Nordens wird akzeptiert“ befindet, war die Fortsetzung des Programms bedauerlicherweise nicht so fruchtbar. Die Verschärfung der Beziehungen angesichts der nordkoreanischen Atomwaffentests hatte das Scheitern der Sonnenscheinpolitik zur Folge.

Während die Republik Korea die Wiedervereinigung in einem schrittweisen Prozess zu gemeinsamem Land, gemeinsamer Regierung und unitaristischem Staat sieht, ist das nordkoreanische Regime der Auffassung, die Versöhnung mithilfe des Föderalismus und getrennter Führungssysteme zu erreichen. Auf dem sechsten Kongress der Partei der Arbeit Koreas über die Arbeit des Zentralkomitees stellte ihr Vorsitzender Kim Il-sung das Konzept von Democratic Confederal Republic of Koryo vor, dessen zufolge ein vereintes Korea föderalisiert werden und beide politischen Systeme unverändert bleiben sollten.

Korea_AlphabetDie Zivilgesellschaft spielt auch eine große Rolle im Streben nach der Wiedervereinigung der Insel. Ein Beispiel sind die Aktivistentreffen auf dem Gipfel des Seoraksan, die laut dem Wort „Tong-il“ (kor. „Wiedervereinigung“) über die Grenze rufen. Des Häufigen werden auch Ballons mit antikommunistischen Flugblättern und US-Dollar-Scheine von südkoreanischen Menschenrechtlern in Richtung Nordkorea geschickt. Das ärgert das abgeschottete kommunistische Land besonders – nach der offiziellen Erklärung werden solche Aktionen von dem Norden als Kriegsakt betrachtet, was öfter Schüsse auf südkoreanisches Hoheitsgebiet zur Folge hat (siehe z.B. hier oder hier). Zu guter Letzt nicht zu unterschätzen sind die Aktivitäten von NGOs und Kirchengemeinden. Die symbolischen Aktionen von NGOs finden in der ganzen Welt statt, um über die Menschenrechtslage in Nordkorea zu berichten oder um über die Möglichkeiten der Wiedervereinigung zu diskutieren. Viele evangelischen Kirchen, die in Südkorea jeden Sonntag eine große Anzahl an Gläubigen versammeln, helfen Flüchtlingen bei Grenzüberquerungen oder ihrem weiterem Weg durch China in die Mongolei, wo sie bei der südkoreanischen Botschaft Asyl beantragen können. Manche Priester entscheiden sich sogar, nach Nordkorea zu gehen, um in privaten Wohnungen über die außernordkoreanische Welt zu unterrichten.

Die beiden Welten auf der koreanischen Halbinsel gehen aber seit Jahren kontinuierlich auseinander. Die Nordkoreaner bereiten das Essen so zu, wie die Südkoreaner das in den 60er Jahren gemacht haben. Die Städte im Norden sind nach dem kommunistischen Still gebaut und die vierspurigen Straßen bleiben leer, da keine Familie, abgesehen von hohen Partei- oder Militäroffizieren, sich ein Auto leisten kann. Die Musik ist unterschiedlich. Die Sprache noch mehr – der nordische grobe Dialekt und das ständige Auftauchen von englischen Wörtern in der südlichen Mundart teilen das Koreanische immer weiter in zwei verschiedene Zweige.

Es wird jedoch immer häufiger die Frage gestellt: wären die Südkoreaner für ihre Brüder aus dem Norden eigentlich bereit, Hilfe zu leisten? Die Anpassung Nordkoreas an den westlichen Lebensstandard würde schließlich etwa eine Trillion US-Dollar kosten. Abgesehen von den Kosten bleibt aber die Frage, ob sich beide Bevölkerungen überhaupt annähern würden: Wären die NordkoreanerInnen bereit, sich an moderne Lebensverhältnisse anzupassen? Was wären ihre Reaktionen darauf, dass das Leben auf der Seite des Feindes hochtechnisiert und nicht mit Hunger geprägt ist während ihnen zeitgleich jahrelang suggeriert wurde, dass sie im glücklichsten Land der Welt leben? Ihnen wurde nicht anderes gelehrt, als den Kommunismus und die Kim-Dynastie zu verehren – ob sie vor diesem Hintergrund plötzlich den Kapitalismus verehren werden, bleibt fraglich.

A.G.

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