Widerstand an den israelischen Mauern

Banksy_4Im letzten Jahr wurde auf den Berliner Straßen das 25. Jubiläum des Falls der Berliner Mauer, die Deutschland für viele Dekaden trennte, begangen. Tausende EinwohnerInnen der deutschen Hauptstadt besichtigten an diesem Tag die Gedenkstätte und starrten den Himmel an, als die Ballons der Lichtgrenze in die Luft stiegen. „Nie wieder Mauer“ hörte man da besonders oft. Jedoch existieren auf der ganzen Welt noch viele Sperranlagen, über die man ungern spricht. Als ob die Mauer- und Unterdrückungsgeschichte in Berlin geendet hätte. Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko soll die illegale Einwanderung seitens Mittelamerika und Mexiko verhindern. Die 248km lange und 4km breite Demilitarisierte Zone bildet eine künstliche Grenze zwischen Nord- und Südkorea und, unangemessen des Namens, gehört sie zu den stärksten militärisch gesicherten Grenzstreifen. In Brasilien entschied sich die Staatsverwaltung von Rio de Janeiro, die Favelas, also die illegalisierten Armenviertel, mit Betonmauern zu umbauen (weitere Infos zu Mauern dieser Welt hier und hier). Warum sind Mauern offiziell verhasst und trotzdem existieren sie auf jedem Kontinent? Diese Frage stellten sich bereits viele Künstler. Sie versuchen, diesen Mauern Wiederstand zu leisten, auch wenn es nur ein symbolischer ist.

Der Staat Israel errichtete bereits zwei Mauern an seinen Grenzen – eine Sperranlage um den Gazastreifen und eine um das Westjordanland. Beide sind umstritten, beide existieren immer noch.

Die Beziehung zwischen Palästina und Israel ist nach der aktuellen gesetzlichen Situation klar geregelt. Im Jahre 1994 wurde die Autonomie der Region Palästina durch das Gaza-Jericho-Abkommen, das sowohl der Staat Israel als auch die Palästinensische Befreiungsorganisation unterzeichneten, in Oslo besiegelt. Im Sinne des Völkerrechts gibt es Kraft des Abkommens keine wirkliche Grenze zwischen Palästina und Israel, da Palästina kein Staat, sondern lediglich eine autonome Region mit einer eigenen Verwaltung und Sicherheitskräften ist. Die Sperranlage um den Gazastreifen ist problematisch, da sie unvorteilhaft für die palästinische Bevölkerung gebaut wurde und somit ihre Menschenrechte verletzt. Als offiziellen Grund für die Mauer nannte Israel den Schutz seiner Bevölkerung gegen islamistische Glaubensfanatiker seitens Palästinas. Auf der palästinensischen Seite der Sperranlage, die hauptsächlich aus langen Zäunen mit Sensoren und Pufferzonen besteht und insgesamt 52km lang ist, existiert noch eine ca. 300m lange Sicherheitszone, die nicht betreten werden darf. Diese stark kritisierte Maßnahme sollte für die frühe Erkennung möglicher Angreifer dienen. Durch diese Vorschrift sind 62,6 km² meist landwirtschaftliche Fläche im Gazastreifen nicht nutzbar – laut UN-Daten umfasst die Zone 17% der Gesamtfläche und 35% der landwirtschaftlichen Nutzfläche und betrifft 113.000 BewohnerInnen. Sie ist auch nicht deutlich markiert, was dazu führte, dass Palästinenser immer wieder unter Beschuss gerieten.

Banksy_2Die 759km lange israelische Sperranlage an der Grenze zum Westjordan ist noch umstrittener als die um den Gazastreifen. Diese Grenze besteht nicht nur aus Zäunen, sondern auch aus hohen Mauern und schwer bewaffneten Grenzposten. Während die Sperranlage um den Gazastreifen entlang der Waffenstillstandslinie verläuft, liegt die Mauer im Westjordan weit hinter der vereinbarten Grenze und wird teilweise auch noch ausgeweitet. 2004 erklärte der Internationale Gerichtshof in einem von der UN-Vollversammlung in Auftrag gegebenen Gutachten, dass Israel mit dem Bau der Anlagen gegen das Völkerrecht verstoße. Der „Terrorabwehrzaun“ sollte die israelische Bevölkerung gegen sämtliche Anschläge seitens des Westjordanlandes schützen, vor allem vor Selbstmordanschlägen auf Restaurants und Linienbusse sowie Feuerüberfällen auf Autos und Israelis. Die Mauer veränderte und erschwerte das Leben von den Palästinensern erheblich. Wege, die früher zehn Minuten in Anspruch nahmen, dauern jetzt für viele Palästinenser zwei, drei Stunden. Bauern müssen sich nach den Öffnungszeiten sogenannter Agrar-Übergänge richten. Während des Zaunbaus wurden etwa 90.000 Olivenbäume, die das wichtigste landwirtschaftliche Erzeugnis der Palästinenser darstellen, entwurzelt. Die Palästinenser haben beim Verlauf des Zauns kein Mitspracherecht. Und die Kosten? Sie betrugen fast 2 Millionen US-Dollar pro Kilometer.

Die israelischen Mauern sind eines der heikelsten Themen. Deswegen ist es nicht besonders überraschend, dass die Zäune zu einer perfekten Bühne für Künstler wurden. Eine neue Klientel kommt in die Region – MauertouristInnen. Der symbolische Wiederstand wurde zu einer neuen Einkommensquelle der PalästinenserInnen. Sie selber nutzten die Mauer während der Fußball-WM in Südafrika als Leinwand zum Public-Viewing.

Banksy_1Die Zäune locken besonders viele kreative Graffiti-Künstler aus der ganzen Welt an. Als erster kam 2005 der bekannte Graffiti-Guru Banksy in das Westjordanland, um seinen Protest auf der Bethlehem-Mauer zu verewigen. Seine Zeichnungen werden öfter als Tattoo-Ideen benutzt oder als Motive auf T-Shirts gedruckt. Das Mädchen mit einem wegfliegenden Herzluftballon ist eins des bekanntesten Graffiti der Welt. Doch seine Werke stoßen auch häufig auf Kritik. Der Graffiti-Künstler Banksy stammt aus Großbritannien, aber sonst weiß man wenig mehr: Sein Name und seine Identität sind für die Öffentlichkeit geheim und genau das, verbunden mit einer hervorragenden Bildqualität, macht ihn für viele zu einem Kultobjekt.

Banksy_3Auf einen Teil der Mauer sprayte er einen Grenzsoldaten, der einen Esel kontrolliert. Auf den anderen, „Blumenwerfer“, ein kleines Mädchen, das einen Soldaten nach Waffen durchsucht.

Andere Künstler, vielleicht nicht mehr so ironisch wie Banksy, protestieren, indem sie, anknüpfend an der Teilung Berlins, „Ich bin ein Palästinenser“ sprayen. Oder symbolisieren sie durch Weihnachtsmotive, wie der Graffiti-Künstler Blu, auf dessen Bild die erste weibliche Flugzeugentführerin Leila Khaled und rechts daneben der ummauerte Christbaum zu sehen ist.

Bild_5Im Gaza Streifen leisten auch immer mehr Einheimischen auf ihre eigenen Art den symbolischen Wiederstand. Der 25-jährige Naim Samsun alias „Came 1“ sagt:

Die Israelis unterdrücken uns und kämpfen gegen uns. Mit dem Graffiti will ich thematisieren, was in unserer Gesellschaft passiert.“

Sein Kumpel Mosab Abu Daff alias „Mosab” fügt hinzu:

Ich hab sprayen gelernt, weil es für mich eine Form der Freiheit ist. Du kannst dich damit ausdrücken, darüber sprechen, wo du lebst. Vor allem hier in Gaza, wo alles zerstört ist. Wir müssen unsere Gefühle zum Ausdruck bringen.“

(mehr Infos dazu)

Banksy_6An den Mauern vom Gaza Streifen sprayte Banksy auch im März diesen Jahres. Er machte ein kurzes Video über seine neue Wirkungsstätte. Der Kurzfilm ist mit ironischen Kommentaren bereichert: „Die Einheimischen sind so gern hier, dass sie nie wegfahren. (Weil sie das gar nicht dürfen.)“. Das im Netz sehr berühmte Bild zeigt eine Katze, die mit einem „Wollknäul“, das ein Haufen aus Rost ist, spielt. Mit dem Graffiti weist er auf die Zerstörung in Gaza hin in Zeiten, wo die Menschen im Internet nur auf die Bilder von Katzenbabys achten.

Auf die Mauer schreibt er letztendlich:

Banksy_7

A.G.

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